Swan trat durch die Tür auf die Plattform. »He!«, sagte Wahram und folgte ihr. »Komm wieder rein!«
»Wie sollen wir da drin die Sonne sehen? Komm, für einen Moment ist das schon in Ordnung.«
»Die Plattform ist sicher siebenhundert Kelvin heiß, wie der ganze Rest auch.«
»Deine Stiefelsohlen sind absolut isoliert gegen solche Temperaturen.«
Erstaunt ließ Wahram sie los. Sie legte den Kopf in den Nacken, um in die Sonne zu schauen. Wahram folgte ihrem Blick unwillkürlich – ein atemberaubendes Feuer – und schaute dann ängstlich wieder zu Boden. Er konnte ganz in Ruhe das Nachbild betrachten: ein gleichzeitig weißer und roter Kreis, riesig und inmitten seines Blickfelds. Die Dhalgren-Sonne, schließlich Wirklichkeit geworden. Sein Visier war offensichtlich fast vollständig polarisiert und von einem nahezu undurchsichtigen Schwarz, und trotzdem sah das Land noch weiß aus, mit feinen schwarzen Gravurlinien. Swan schaute noch immer zum Himmel. Halb verdurstet tauchte sie in die Fluten ein. Obwohl ihm am ganzen Leib der Schweiß ausbrach, folgte er ihrem Beispiel und blickte erneut auf. Die Sonnenoberfläche war eine wogende Masse weißer Bänder. Sie hüpfte auf und ab, als tanzte sie auf ihren Hitzewellen; erst nach einer Weile begriff Wahram, dass es sein eigenes Herz war, das seinen Leib so heftig durchschüttelte, dass das Bild vor seinen Augen auf und ab sprang. Eine sich windende weiße Scheibe in einem sternenlosen, kohlefarbenen Himmel. Überall in dem Kreis glitten die weißen Banner übereinander hinweg, und die Bewegung ließ an eine gewaltige, lebende Intelligenz denken. Natürlich, ein Gott, warum nicht? Die Sonne sah aus wie ein Gott.
Wahram riss sich von dem Anblick los und nahm Swan beim Arm.
»Komm schon, Swan. Wir gehen wieder rein. Du hast deine Spritze gekriegt.«
»Nur eine Sekunde.«
»Swan, tu das nicht.«
»Nein, warte. Schau mal da unten bei der Schiene.« Sie deutete mit dem Finger. »Da kommt etwas.«
Und tatsächlich. Aus Richtung Osten, über den glatten Boden unmittelbar neben der äußersten Schiene, näherte sich ihnen ein kleines Fahrzeug. Es hielt am Fuß der Treppe zur Plattform, und an der Fahrzeugseite öffnete sich eine Tür. Eine Gestalt im Raumanzug kam zum Vorschein, blickte zu ihnen hoch und winkte sie zu sich hinunter.
»Kann es sein, dass unsere Sonnenläufer jemanden geschickt haben, um uns abzuholen?«, fragte Wahram.
»Ich weiß nicht«, sagte Swan. »War dafür genug Zeit?«
»Ich glaube nicht.«
Sie stiegen die Stufen hinab, wobei Wahram Swan am Arm festhielt. Sie schien ziemlich sicher auf den Beinen zu sein. Vielleicht hatte der Anblick der Mittagssonne ihr neue Kraft gegeben. Oder die Aussicht auf Rettung. Sie betraten die Luftschleuse des Fahrzeugs, und als sie sich hinter ihnen geschlossen hatte, ließ man sie ins geräumige Innere, wo sie die Helme abnehmen und reden konnten. Ihre Retter waren völlig verblüfft. Sie erzählten, dass sie gerade dabei waren, mit Höchstgeschwindigkeit die Tagseite zu überqueren, und sie hatten nicht im Entferntesten damit gerechnet, auf einer der Plattformen Menschen zu sehen. »Noch dazu welche, die direkt in die Sonne schauen! Wie zum Teufel seid ihr da hingekommen! Was treibt ihr hier?«
»Wir kommen aus Terminator«, erklärte Wahram. »Es sind noch drei von uns dort unten, ein bisschen weiter in Richtung Osten.«
»Aha! Aber wie seid ihr … Nun ja, fahren wir erst mal los. Den Rest könnt ihr uns auf dem Weg erzählen.«
»Natürlich.«
»Hier, setzt euch ans Fenster und schaut mal raus, es ist wunderschön.«
Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Sie passierten die Station, auf der sie gestanden hatte. Gerettet. Swan und Wahram starrten einander an.
»O nein!«, sagte Swan schwach – als wären sie in eine unerwartete Katastrophe gestolpert – als würde sie etwas verpassen, weil man sie um die zweite Hälfte ihrer Wanderung betrogen hatte. Das brachte ihn zum Lächeln.
Listen (4)
sanguinisch, cholerisch, phlegmatisch, melancholisch
introvertiert, extrovertiert
Ambiversion, Begeisterung
stabil, labil
rational, irrational
neurotisch, schizoid, paranoid, hebephrenisch, manisch-depressiv, anal-retentiv, zwanghaft, psychotisch, sadistisch, masochistisch
verklemmt, dissoziiert, bipolar, schizophren, schizotypisch, psychopathisch, soziopathisch, megalomanisch
deprimiert, antisozial, histrionisch, ängstlich, abhängig, passiv-aggressiv, narzisstisch, solipsistisch, dysthymisch
Borderline-Persönlichkeit, multiple Persönlichkeit
verrückt, normal, exzentrisch
autistisch, Asperger, schüchtern, Genie, zurückgeblieben
apollinisch, dionysisch
Idealisten, Künstler, Rationalisten, Händler, Wächter
bewusst, unbewusst, Ich, Es, Über-Ich
Archetypen, Schatten, Animus und Anima, Psychasthenie
glücklich, niedergeschlagen; fröhlich, traurig; posttraumatisch; angepasste Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Umgänglichkeit
Macher, Denker; Affen und Kürbisse; impulsiv, kontemplativ
selbstsüchtig, stolz, gierig, faul, lüstern, neidisch, zornig; eindeutig dumm, schlau; schnell, langsam; einfühlsam, mitfühlend; distanziert vertrauensvoll, misstrauisch
Entweder oder. Dies oder das. Such’s dir aus. Alles obengenannte
Taxonomien, Typologien, Kategorien, Etiketten, Systeme dreitausend Jahre
Brocas Aphasie, Wernickes Aphasie
hyper-hippocampal, defizitäre Amygdala, Serotonin-empfindlich; verstärktes Feuern im rechten Temporallappen, Areal 12a; überaktiver Thalamus; retinotope Verzerrungen
Inspektor Jean Genette
Inspektor Jean Genette ermittelte bereits seit vielen Jahren für die Interplanetare Polizei und war entsprechend erfahren. Morgens machte Genette immer gerne einen Spaziergang zu einem Eckcafé mit Terrasse oder Tischen an der Straße, trank dort einen großen, ungesüßten türkischen Kaffee und ließ sich von Passepartout die neuesten Nachrichten aus dem Sonnensystem anzeigen. Anschließend spazierte Genette normalerweise weiter durch die Stadt, die der entsprechende Morgen bereithielt, um schließlich beim örtlichen Interplan-Büro, das immer aus einigen wenigen Zimmern in der Nähe des Regierungsgebäudes bestand, mit der Arbeit zu beginnen. Da Interplan unglücklicherweise nicht überall als Polizeibehörde anerkannt wurde, handelte es sich dabei eher um eine Art quasiautonome Instanz, die die Einhaltung von Verträgen überwachte. Das machte einem die Arbeit oft schwer, und Genette kam sich vor wie jemand von einer Privatdetektei oder irgendeiner nervigen Nichtregierungsorganisation; aber immerhin hatten sie bei Interplan gutes Datenmaterial.
Genette spazierte gerne in diesen Daten umher. Die Behörde an sich war in Ordnung, auf die Kollegen konnte man sich verlassen, das Datenmaterial war wichtig, aber letztlich ging es um das Spazierengehen. Beim Spazieren erlebte Genette die kleinen Einsichten und Erleuchtungen, die nicht nur Probleme lösten, sondern auch zu den besten Momenten im Leben gehörten.
Manchmal geschah das im Büro, bei der Beschäftigung mit neuen Daten oder Archivmaterial, bei der Überprüfung einer über dem morgendlichen Kaffee entstandenen Hypothese. Bei den Grafikzimmern von Interplan handelte es sich immer um höchst leistungsfähige Darstellungsräume, mit dreidimensionalen, zeitverzögerten virtuellen Strömen, die ebenso interessant wie schön waren. Natürlich verwirrten einen die Wolken aus bunten Punkten und Linien manchmal nur noch mehr. Doch bei anderen Gelegenheiten sah Genette etwas in den Darstellungen, um anschließend wieder in die Welt hinauszutreten und Dinge zu bemerken, die zuvor niemandem aufgefallen waren, und das war höchst beglückend; es war das Beste überhaupt.