»Schalom«, sagte ich. »Ich bin Andreas, Sohn des Johannes!«
Der Mann schwieg.
»Willst du nicht essen und trinken?«
Er schüttelte den Kopf: »Ich darf nicht«, flüsterte er.
Ich schaute ihn fassungslos an: »Du siehst aus, als brauchtest du dringend etwas zu essen und zu trinken.«
»Nein, ich darf nicht. Eine Verpflichtung bindet mich. Es ist mir verboten!«
»Das verstehe ich nicht!«
»Niemand wird es verstehen! Ich bitte euch einfach: Geht weg. Überlaßt mich meinem Schicksal! Geht weg! Es ist besser für uns alle!«
Mir wurde unheimlich zumute. War er doch verrückt? Steckte ein Dämon in ihm, der ihn unerbittlich zur Selbstzerstörung trieb? Hatte er ein Gelübde getan? Oder war er einer von denen, die extrem fasteten, um in Grenzzuständen des Bewußtseins Visionen zu haben und Einblick in himmlische Geheimnisse zu gewinnen? Eins stand fest: Daß er am Verhungern und Verdursten war. Warum ließ er sich nicht helfen? Ich änderte meine Taktik:
»Wir haben uns verirrt«, sagte ich bittend. »Kannst du uns nicht helfen?«
Der Fremde stutzte. Ich hatte den richtigen Ton getroffen. Viele sensible Menschen lassen sich nur helfen, wenn man sie den Helfer spielen läßt!
»Wohin wollt ihr denn?« fragte der Fremde.
»Zu den Essenern!«
Er zuckte zusammen.
»Kannst du uns zu ihnen führen?«
Er schüttelte den Kopf. Aber dann sagte er: »Ich zeige euch den Weg. Doch ich komme nicht mit. Nur um eins bitte ich euch: Könnt ihr den Essenern eine Botschaft überbringen?«
»Natürlich! Was sollen wir ihnen ausrichten?«
»Sagt den Essenern: Ich, Baruch, Sohn des Berechja, wünsche allen Mitbrüdem Frieden! Ich lasse euch bitten: Nehmt mich wieder auf. Ich bin am Ende meiner Kräfte und werde es nicht mehr lange aushalten!« 52
»Du bist Essener! Sie haben dich ausgestoßen? In die Wüste getrieben?«
»Ja!«
»Aber warum irrst du dann durch diese Totenlandschaft, anstatt nach Jericho oder Jerusalem zu gehen?«
»Wer von der Gemeinde ausgestoßen wurde, darf keinen Kontakt mit anderen aufnehmen. Er darf keine Speise von ihnen annehmen! Er darf keinen Becher Wasser von ihnen trinken. Sonst hat er keine Chance mehr, wieder aufgenommen zu werden!«
»Aber das ist doch unmenschlich!« rief ich. »Was hast du denn verbrochen, daß sie dich so behandeln?«
»Wir haben beim Eintritt in die Gemeinde einen Eid geschworen, der verpflichtet mich zum Schweigen.« 53
War Baruch ein Verbrecher? Nein! Das war ausgeschlossen. Würde ein Verbrecher sich an einen Eid gebunden fühlen? Würde er in extremer Not Skrupel haben? Was für eine unheimliche Macht übte diese Gemeinschaft über diesen jungen Menschen aus, daß er lieber auf qualvolle Weise verendete als daß er sich von ihr trennte! Wie ein Dämon beherrschte ihn diese Macht, so daß er nur eine Alternative kannte: Entweder Rückkehr in die Gemeinschaft oder Tod in der Wüste! Wüßte ich nur, wie ich ihm wieder Appetit auf das Leben machen könnte!
Mir kam eine Idee:
»Wenn ein Wüstenasket vorbeikäme, der wie ihr in der Wüste auf Gott wartet – dürfte er dir helfen?«
Baruch schüttelte den Kopf: »Alle, die nicht zur Gemeinde gehören, sind Kinder der Finsternis!«
Gegen den Geist dieser Gemeinschaft schien ich ohnmächtig. Aber noch gab ich nicht auf:
»Gut, du darfst aus keines Menschen Hand Essen und Trinken annehmen. Aber willst du auch Gottes Hand zurückstoßen? Er läßt ohne Beteiligung von Menschen Früchte und Kräuter wachsen. Willst du nicht seine Speise essen?«
»Aber hier wächst nichts!«
»Komm«, sagte ich, »ich bringe dich dorthin, wo du Speise bekommst, die keines Menschen Hand verunreinigt hat.« Bannos hatte mir beigebracht, wie man sich von Pflanzen, Heuschrecken und wildem Honig ernährt. Er hatte es von Beduinen gelernt. 54
An der Reaktion Baruchs merkte ich, daß ich gewonnen hatte. Wir nahmen ihn abwechselnd auf eines unserer Pferde und ritten in Richtung Jordan. Bald näherten wir uns dem grünen Streifen, der wie eine Erinnerung unverwüstlichen Lebens die tote Wüste durchzieht. Wir brachten Baruch zum Ufer. Er kniete nieder und trank mit dem Mund aus dem Jordan. Das Wasser strömte von selbst auf ihn zu. Er schlürfte es in sich hinein. Währenddessen durchsuchten Timon, Malchos und ich die Gegend nach Eßbarem: Wir sammelten Kräuter, Früchte und Heuschrecken, die auf dem Feuer geröstet wunderbar schmecken. Und Baruch aß. Er aß alles, was die Natur von selbst hervorbrachte! Er aß und trank! Es war eine Freude, ihm zuzusehen. Es war, als hätte das Leben über den Tod gesiegt.
Wir lagerten im Schatten einiger Bäume. Vor uns die Wüste wie das Trümmerfeld einer vorzeitlichen Katastrophe, hinter uns die Jordanaue. Welch ein Wunder, daß in dieser Landschaft Pflanzen, Sträucher und Bäume emporschossen. Nur ein wenig Wasser reichte, um ein Totenfeld in einen Garten zu verwandeln. Mir ging auf: Alles Leben blüht an der Grenze zum Tod. Wald wird zur Wüste. Lebendes Wasser zum Toten Meer. Licht zur lähmenden Hitze!
Es war klar, daß wir Baruch in dieser Wüste nicht zurücklassen durften! Er würde umkommen. Aber wie sollte es weitergehen? Sollten wir seine Botschaft ausrichten? Sollten wir ihm helfen, in seine Gemeinde zurückzukehren? Dagegen sträubte sich alles in mir. Diese Gemeinde übte eine unheimliche Macht aus, eine Macht, die in den Tod trieb. Vielleicht eine Macht, die verborgen Leben enthielt. Aber wie schnell wurde daraus Zerstörung und Vernichtung!
Außerdem fragte ich mich, ob sie ihn überhaupt wieder aufnehmen würden? Was hatte er nur getan? Vielleicht wirklich etwas Entsetzliches? Aber selbst wenn – Baruch könnte mir in jedem Falle nützlich sein. Er könnte mir alle möglichen Informationen über die Essener geben – und das um so rückhaltloser, je mehr er mit seiner Gemeinde zerfallen war. Was hatte er nur ausgefressen? Ich mußte es herausbekommen.
Seine Antwort auf meine Frage war ausweichend: »Ich kann darüber nichts sagen, ich müßte Geheimnisse preisgeben, die zu den bestgehüteten Geheimnissen der Gemeinde gehören.«
Ich ließ nicht locker: »Warum legt ihr über alles den Schleier des Geheimnisses?«
»Wer zu uns kommt, hat das normale Leben für immer verlassen. Er sieht, wie alle Menschen unwissend ins Verderben rennen – mit ihnen darf er keine Gemeinschaft mehr haben. Sie würden ihn verführen, den einmal eingeschlagenen Weg zu verlassen. Alle Brücken muß er verbrennen, alle Kontakte beenden. Beim Eintritt in die Gemeinde schwört er: Nur die eigenen Gemeindeglieder zu lieben, alle Kinder der Finsternis aber zu hassen – und nichts über die Gemeinde an Außenstehende zu verraten!« 55
»Ihr schwört Haß gegen alle anderen?«
»Ja!«
Timon und Malchos hatten das Gespräch aufmerksam verfolgt, während sie von den gesammelten Früchten probierten. Besonders einige Kaktusfrüchte schmeckten ihnen, die gerösteten Heuschrecken ließen sie dagegen liegen. Jetzt schaltete sich Timon ein: »Haßt du uns wirklich?«
Baruch schüttelte den Kopf:
»Ich hasse die Kinder der Finsternis, die Gottes Gebot verraten!« murmelte er.
Jetzt griff auch Malchos ein: »Willst du wirklich zu deinen Leuten zurück?«
»Was soll ich sonst tun?«
»Könntest du nicht in dein Heimatdorf zurück?«
»Ich habe alles verlassen. Ich habe mein Erbe verkauft. Den ganzen Erlös habe ich meiner Gemeinde gegeben. Ich bin völlig auf sie angewiesen!«
»Hast du noch Eltern? Geschwister?«
»Ich habe mit meiner Familie gebrochen. Es gibt keinen Weg zurück. Entweder kehre ich in die Gemeinde zurück – oder ich muß weiter in der Wüste leben!«
Er senkte den Kopf und schwieg.
Auch Timon und Malchos schwiegen.
Unser Schweigen wurde vom Schweigen der Wüste aufgesogen. Endlich sagte ich:
»Baruch, ich habe wie du einmal das normale Leben verlassen. Ich bin zu einem Asketen in die Wüste gezogen. Ich suchte das wahre Leben. Ich bin zurückgekehrt. Ich habe erkannt, daß man auch in der Wüste den Widersprüchen des Lebens nicht entrinnt. Ich mache dir einen Vorschlag: Komm zu uns! Du kannst bei uns leben. Wir helfen bei einem Neubeginn!«