Auf einem der Becher, aus denen wir tranken, war in griechischer Schrift eingraviert:70
WOZU BIST DU HIER? SEI FRÖHLICH!
Dieser Becher paßte zu Chusa: Einer seiner Lieblingssprüche stammte aus dem Prediger Salomo: »Geh, iß mit Freuden dein Brot und trink deinen Wein mit fröhlichem Herzen!«71 Überhaupt schätzte er die Schriften Salomos: seine Sprüche, seine Lieder, seine Weisheit. Chusa war ein Sadduzäer72- eine Glaubensrichtung in den oberen Schichten unseres Volkes. Das Leben genießen, war seine Parole. Und er genoß es – zusammen mit seiner jungen Frau.
Unser Gespräch drehte sich zunächst um belanglose Dinge. Natürlich wollten wir beide auf das Thema des Tages zu sprechen kommen. Aber zunächst redeten wir über anderes. Chusa war gut informiert:
»Pilatus hat mal wieder Probleme in Jerusalem gehabt. Weißt du Einzelheiten?«
Ich stutzte. Wußte auch er schon, daß ich in die Ereignisse verwickelt war? Sollte ich ihm überhaupt davon erzählen? Aber irgendwann würde er bestimmt davon hören. Also sagte ich: »Bei einer Demonstration gegen ihn sind fünf Menschen von seiner Polizei getötet worden. Ich war in der Nähe und wurde vorübergehend inhaftiert.« Und dann erzählte ich die ganze Geschichte. Ich merkte, wie Chusa sie gierig aufsog. Als Parteigänger des Antipas war er an schlechten Nachrichten von Pilatus interessiert. Ich war in Verlegenheit: Wie weit konnte ich Pilatus anschwärzen, ohne mich selbst zu gefährden? Pilatus könnte erfahren, was ich über ihn verbreitete. Ich beschwor daher Chusa:
»Um Gottes Willen, erzähl niemandem weiter, daß du die Geschichte von mir hast. Pilatus kann brutal sein! Er darf nie erfahren, was ich dir gesagt habe.«
Chusa nickte und fuhr fort: »Im übrigen hat er schon wieder neue Schandtaten vollbracht. Erst heute erfuhr ich, daß er ein paar galiläische Pilger umgebracht hat- und ihre Opfertiere dazu!«73
»Was? Will er denn das ganze Land gegen sich aufbringen?«
»Das Klima ist gereizt. Kleinigkeiten führen zu überzogenen Reaktionen. Immerhin handelt es sich um Galiläer. Für sie ist Antipas zuständig. Wir werden protestieren.«
Hier schaltete sich Johanna ein: »Tu nicht so, als käme euch das alles nicht höchst gelegen! Antipas hat gerade einen Propheten hinrichten lassen, Pilatus ein paar Pilger. Das gleicht sich aus. Niemand wird in der Lage sein, den andern beim Kaiser oder dem syrischen Legaten anzuschwärzen. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.«
Chusa räumte ein: »Zugegeben! Daß Pilatus Schwierigkeiten hat, kommt uns gelegen. Denn diese Geschichte mit Johannes dem Täufer wird uns noch Kummer bereiten.«
"Kanntest du ihn?« fragte ich.
»Natürlich! Ein merkwürdiger Kauz! Schon die Kleidung! Ein lederner Gürtel und Kamelfell – das war alles. Ansonsten lange Haare, Bart, vegetarische Speise!«
»Manche von diesen Käuzen sind gar nicht so schlecht.« Ich dachte an Bannos. »Hinter der abweisenden Schale steckt manchmal ein guter Kerl! Wie wirkte Johannes auf dich? Sympathisch?«
»Teils, teils. Als Sadduzäer kann ich mit solchen Weltuntergangspropheten nichts anfangen. Erstens gibt es zu viele von ihnen. Zweitens kommt es nicht zum Weltuntergang. Eins aber fand ich gut. Du weißt, ich bin in religiösen Fragen sehr weitherzig. Unsere Oberfrommen mögen mich deshalb nicht, und ich mag sie noch viel weniger. In ihren Augen sind wir Juden zweiter Klasse. Gerade in diesem Punkt war Johannes beeindruckend. Er predigte, Gott mache keinen Unterschied zwischen Ober- und Unterfrommen. Ottem- und Natterngezücht seien die Frommen, wenn sie hofften, dem Gericht zu entkommen. Alle müßten ihr Verhalten radikal ändern, Fromme wie Unfromme. Alle seien vom unerbittlichen Gericht bedroht!«
»Warum aber hat Antipas ihn töten lassen? Was steckt eigentlich dahinter? Die Leute sagen, die Herodias sei daran schuld!«
Hier protestierte Johanna: »Natürlich sollen wieder Frauen an allem schuld sein!«
Chusa lachte: »In diesem Punkt ist meine Frau sehr empfindlich«, sagte er. »Du weißt, Antipas war mit einer nabatäischen Prinzessin verheiratet, der Tochter des Königs Aretas IV. Das war diplomatisch ein guter Schachzug. Aretas ist unser Nachbar im Süden, der eine unangenehme Neigung dazu hat, sich nach Norden auszudehnen. Durch die Heirat wollte man ihn in Schach halten: Gegen einen Schwiegersohn würde er keinen Krieg führen und von ihm kein Land beanspruchen. Deshalb waren die Römer mit der Heirat einverstanden, obwohl sie sonst mißtrauisch jeden Kontakt zwischen ihren Klientelfürsten und unabhängigen Königen beobachten. Und dann kam die Geschichte mit Herodias dazwischen!«
Ich fragte: »War das die große Liebe auf den ersten Blick?«
Johanna antwortete: »Liebe war dabei. Hätte Antipas sonst all die politischen Nachteile in Kauf genommen, die ihm diese Heirat einbrachte?«
Chusa ergänzte: »Es war nicht nur Liebe, es waren auch politische Motive. Die beiden verstanden sich so gut, weil sie denselben politischen Ehrgeiz hatten: Du weißt, daß Herodes sein Testament mehrfach geändert hat. jedesmal wurde ein anderer zum Gesamterben eingesetzt. Antipas war auch einmal Gesamterbe gewesen, konnte sich aber bei der Erbteilung nicht durchsetzen und wurde nur Tetrarch. Herodias war mit einem anderen ehemaligen Gesamterben verheiratet, dem Bruder des Antipas, der bei der endgültigen Verteilung des Erbes noch schlechter abschnitt: Er bekam gar nichts. Nun stammt Herodias über ihre Mutter Mariamne vom hasmonäischen Königshaus ab. Sie ist eine echte Prinzessin. Die Herodäer sind dagegen nur Emporkömmlinge. Was will eine echte Prinzessin werden? Natürlich Königin! Und das konnte sie nicht in der Ehe mit ihrem ersten Mann, vielleicht aber in der Ehe mit einem Fürsten. Die beiden verliebten sich nicht zufällig gerade zu dem Zeitpunkt, als Antipas zu einer Reise nach Rom aufbrach – man munkelt, in der Hoffnung, als Nachfolger des Präfekten Valerius Gratus König über Judäa und Samarien zu werden. Beide wollten hoch hinaus.«
Johanna warf ein: »Aber gerade politisch war die Heirat ein Fiasko für Antipas!«
Chusa erklärte: »Die Sache hatte Haken: Erstens hatte Antipas seinem Bruder die Frau weggenommen. Das verstößt gegen unsere Gesetze. Zweitens ergriff Herodias die Initiative. Sie war die treibende Kraft. Das widerspricht jüdischen Sitten.74 Drittens verlangte Herodias, daß Antipas seine erste Frau verstoße – obwohl er nach jüdischem Recht mit mehreren Frauen zusammen hätte leben können. Alle diese Gesetzesverstöße weckten Empörung im Volk. Der Täufer machte sich zum Sprecher der innenpolitischen Opposition.«
Hier wurde nun Johanna lebhaft: »Man kann die Sache auch anders beurteilen. Herodias beanspruchte für sich Rechte, die jede Frau im Römischen Reich hat. In Rom kann die Frau die Scheidung begehren, während bei uns bis heute nur der Mann seine Frau entlassen kann. Das ist ungerecht. Wenn schon, dann sollen beide gleiche Rechte haben. Nichts anderes hat Herodias für sich beansprucht. Das gilt auch für den letzten Punkt: In Rom darf ein Mann nicht mehrere Frauen nebeneinander haben. Ich halte das für einen Fortschritt. Nur so ist deutlich, daß eine Frau den gleichen Wert wie der Mann hat. Herodias tat recht daran, daß sie sich weigerte, die zweite Frau des Antipas zu werden neben der ersten. Kurz, Herodias versuchte ein wenig Fortschritt in unser zurückgebliebenes Land einzuführen. Und was geschieht? Ein hinterwäldlerischer Prophet stellt sich dem Fortschritt in den Weg! Ich kann in Johannes nicht den großen Heiligen sehen, zu dem man ihn stilisieren will!«
Chusa nickte bedächtig: »Wie immer man die Affäre moralisch beurteilt, politisch hat Antipas die Stimmung im Volk unterschätzt.«
Ich bestätigte: »An diesem Punkt tauchen ganz alte Bilder im Volk auf: Elia, der sich dem heidnischen Einfluß der Isebel widersetzt. So etwa wirkte der Täufer, als er zum Gegenspieler der Herodias wurde. Das Gerücht sagt, er sei der wiedergekommene Elia. Damit kommt Antipas ganz auf die Seite des Unrechts zu stehen.«