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»Darüber, wie es zu diesem bilderlosen Gott kam, habe ich folgende Geschichte gehört: Als in Ägypten vor langer Zeit eine Seuche ausgebrochen war, wandte sich der Pharao an das Orakel des Gottes Ammon um Rat und erhielt die Auskunft, er solle sein Reich von euch gottverhaßten Juden säubern, dann würde die Seuche aufhören. Alle Juden in Ägypten wurden in die Wüste hinausgetrieben, wo man sie ihrem Schicksal überließ. Die meisten von ihnen irrten demoralisiert durch die Wüste. Aber dann hat einer von euch, Mose mit Namen, sie aufgefordert, nicht auf das Eingreifen der Götter oder auf Hilfe von anderen Menschen zu warten. Sie seien ja ohnehin von den Göttern verlassen. Sie sollten auf sich selbst vertrauen und ihr gegenwärtiges Elend überwinden.7 – Als ich diese Geschichte hörte, habe ich mich gefragt: Glaubt ihr überhaupt an einen Gott?«

Was wollte er mit dieser Karikatur der biblischen Geschichte? Wollte er mich provozieren? Hatte er ein Interesse an unserer Religion? Kaum vorstellbar! Was sollte ich antworten? Etwas Vages, Unbestimmtes? Etwas über den unsichtbaren Gott, den niemand verstehen und begreifen kann, weder er noch ich. Den keiner kennt? Etwas, was ablenkt von den großen Fragen? Aber da schoß mir durch den Kopf: Wenn ich ihn in eine Grundsatzdebatte verwickle, dann habe ich endgültig abgelenkt von Barabbas. Und so hörte ich mich trotzig sagen:

»Gott ist anders als die Götter der Völker. Der unsichtbare Gott hält es nicht mit den Mächtigen, sondern mit den Ausgestoßenen, die man in die Wüste jagt.«

Ich merkte, wie der Offizier zusammenzuckte.

»Zweifelst du daran, daß die Götter auf seiten des Römischen Reiches sind? Wie hätte es sich so weit ausbreiten können? Wie hätte aus einer kleinen Stadt ein Weltreich werden können?«

»Alle Völker denken: Die Götter stehen auf seiten der Sieger. Wir aber wissen: Der unsichtbare Gott kann auf seiten der Verlierer stehen!«

Der Offizier schaute mich betroffen an. Seine Stimme klang gepreßt:

»Etwas in eurem Glauben ist aufsässig gegen jede irdische Macht. Aber auch ihr werdet im Römischen Reich euren Platz finden wie alle anderen Völker. Denn unsere Aufgabe ist es, dem Frieden der Welt eine Ordnung zu geben, die Unterworfenen zu schonen, die Aufsässigen zu bekämpfen8 – in diesem Land und überall in der Welt.«

Er fügte nach einer kurzen Pause hinzu: »Dein Fall wird noch etwas Zeit brauchen. Wir werden deine Aussagen überprüfen und dann entscheiden, ob Anklage gegen dich erhoben wird.«

Damit war ich entlassen. Ich wurde in meine Zelle zurückgebracht. Jetzt hieß es: warten! Wie lange würde es wohl dauern, bis sie Erkundigungen über mich eingezogen hatten? Eigentlich war ich zuversichtlich. Ich stammte aus einer angesehenen Familie mit guten Beziehungen zu den Römern. Aber es gab Unsicherheitsmomente: Was würde Timon alles noch aussagen? Würde er den Mund über Barabbas halten? Gesehen hatte er ihn nie. Aber er könnte in Gesprächen von ihm gehört haben. Wenn die Beziehungen zu Barabbas im Dunkeln blieben, konnte eigentlich nicht viel passieren – wenn!

Damals hatte ich dunkle Vorahnungen: Mein Schicksal schien mir Vorbote dunkler Geschicke zu sein, die unser ganzes Volk treffen würden. Jene Spannungen zwischen Juden und Römem, die zur Demonstration gegen Pilatus geführt hatten, würden sich immer mehr steigem – bis hin zum offenen Aufstand gegen die Römer. Namenloses Elend würde über unser Land hereinbrechen, Elend von Krieg und Unterdrückung.9 Gemessen an diesem Elend war das Unglück meiner Inhaftierung gering. Aber darin lag nur wenig Trost. Im dunklen Gefängnis des Pilatus kam mir die Zeit des Wartens endlos lang vor. Es war eine schlimme Zeit für mich.

Sehr geehrter Herr Kratzinger,

 

vielen Dank für Ihre Stellungnahme zum ersten Kapitel. Sie vermissen in ihm eine Spur, die zu Jesus führt. Haben Sie bitte etwas Geduld! Wenn ich zunächst die Zeit Jesu schildere, so erfülle ich nur die Pflicht jedes Historikers: eine geschichtliche Erscheinung aus ihrem Kontext heraus verständlich zu machen. Dieser Kontext ist bei Jesus die soziale und religiöse Welt des Judentums.

Die Evangelien vermitteln hier ein einseitiges Bild. Sie sind in einer Zeit geschrieben (ca. 70-100 n.Chr.), in der aus der innerjüdischen Erneuerungsbewegung um Jesus eine Religion neben dem Judentum geworden war, die mit ihrer Mutterreligion konkurrierte. Ihre Schriften bieten oft nur ein verzerrtes Bild vom Judentum. Dem Bibelleser wird daher nicht klar, wie tief Jesus im Judentum verwurzelt ist.

Die Evangelien suggerieren ferner, Jesus habe damals im Zentrum der Geschichte Palästinas gestanden. Historisch gesehen war er aber eine Randerscheinung. Man stößt nicht sofort auf seine Spuren, wenn man sich mit dem Palästina des 1. Jhs. n.Chr. beschäftigt. Diese Erfahrung des Historikers soll dem Leser vermittelt werden. Ich verspreche Ihnen aber: Es wird in meiner Erzählung noch viele Spuren geben, die zu Jesus führen.

Ich entnehme Ihrem Brief, daß Sie endgültig über mein Buch erst urteilen wollen, wenn sie mehr gelesen haben. Darf ich das als Aufforderung verstehen, Ihnen weitere Kapitel zu schicken? Das zweite ist soeben fertig geworden.

 

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Gerd Theißen

2. KAPITEL

Die Erpressung

Das Schlimme war, daß ich mit niemandem über meine Lage sprechen konnte. Wer wußte überhaupt von ihr? Ob meine Eltern ahnten, wo ich war? Ob Malchos sich nach Hause durchgeschlagen hatte? Ob Timon in einer anderen Ecke dieser Kellergewölbe lag? Dunkle Bilder stiegen in mir auf: Wie viele Juden waren hier schon eingekerkert, wie viele gefoltert, wie viele getötet worden? Wie viele einfach verschwunden? Und was würde mit mir geschehen?

In diesem Loch, in das keine Sonne drang, und kein Geräusch außer den Schritten der Wachen ging jedes Zeitgefühl verloren. Diese Zelle war wie ein Sarg, in dem ich lebend eingesperrt war. Todesangst erfüllte die stickige Luft. Verzweifelt betete ich:

»Herr, unser Gott, schaffe mir Recht,

denn ich bin unschuldig.

Ich habe auf dich vertraut.

Prüfe mich,

erprobe mich.

Du kennst mich besser, als ich mich kenne.

Verteidige mich vor ihrem Tribunal

gegen falsche Aussagen und Verleumdungen.

Bewahre mich vor den Intrigen ihrer Geheimpolizei!

Ich habe mit den Mächtigen keine Komplizenschaft.

Ich verachte,

die das Leben der Menschen verachten,

die es wie Dreck behandeln,

die uns ins Gefängnis werfen,

die uns erniedrigen und mißhandeln.

Laß mich nicht durch ihre Hände umkommen!

An ihren Händen klebt Blut.

Durch Bestechung verschaffen sie sich Reichtümer,

durch Erpressung üben sie Macht aus.

Wer sie kritisiert, verschwindet in ihren Kellern!

Wer sich auflehnt, wird beseitigt!

Gott, laß mich wieder dein Haus sehen,

wo deine Herrlichkeit wohnt.

Erlöse mich aus den Händen dieser Banditen.