Es war selten nötig, unangenehm zu werden, wenn der Vater des Kindes dem Flugpersonal angehörte — Kapitän, Erster oder Zweiter Offizier war. In solchen Fällen genügte meistens sanfte Überredung von seiten der Gesellschaft und der Wunsch des Vaters, die ganze Sache verschwiegen abzuwickeln. Was die Verschwiegenheit anging, so war die Gesellschaft entgegenkommend. Zeitweise Unterstützungszahlungen konnten auf jede vernünftige Weise geleistet werden, und falls gewünscht, zog die Gesellschaft regelmäßig den Betrag vom Gehalt des Angestellten ab. Aus dieser Rücksichtnahme erschienen, um unbequemen Fragen zu Hause zu entgehen, solche Abzüge unter der Rubrik »Verschiedene Auslagen«.
Alle auf diese Weise erhaltenen Beträge wurden in voller Höhe der schwangeren Stewardess überwiesen. Die Gesellschaft zog nichts für ihre Unkosten ab.
»Der springende Punkt bei dem Programm ist«, sagte Demerest, »daß man nicht allein ist und es jede nur mögliche Hilfe bietet.«
Vor einem hatte er sich bisher gehütet — das Wort Abtreibung auch nur zu erwähnen. Das war ein Fall für sich, denn keine Gesellschaft konnte oder wollte sich in eine Abtreibung verwickeln lassen. Rat wurde inoffiziell häufig denen gegeben, die ihn suchten — von Inspektoren, die aus den Erfahrungen anderer wußten, wie solche Arrangements zu treffen waren. Sie bemühten sich, Mädchen, die zur Abtreibung entschlossen waren, zu helfen, daß der Eingriff unter sicheren medizinischen Bedingungen stattfand und auf jeden Fall die gefährlichen und berüchtigten Praktiker vermieden wurden, zu denen verzweifelte Menschen manchmal ihre Zuflucht nahmen.
Gwen sah ihren Gefährten neugierig an. »Jetzt sag mir bloß eins: Woher weißt du über all das so genau Bescheid?«
»Ich sagte dir doch, daß ich Funktionär in meinem Berufsverband bin . . .«
»Für Angelegenheiten der Piloten. Aber du hast doch nichts mit Stewardessen zu tun — nicht in dieser Beziehung jedenfalls.«
»Vielleicht nicht direkt.«
»Vernon, das ist dir früher schon einmal passiert — daß eine Stewardess ein Kind von dir bekam — stimmt's, Vernon?«
Er nickte zögernd. »Ja.«
»Es muß dir sehr leichtfallen, Stewardessen umzulegen — diese leichtgläubigen Mädchen vom Land, von denen du gesprochen hast. Oder waren sie meistens aus >bescheidenen städtischen Verhältnissen^«: In Gwens Stimme lag Bitterkeit. »Wie viele waren es denn alles in allem? Zwei Dutzend, ein Dutzend? Gib mir nur so einen Begriff in runden Zahlen. Er seufzte. »Eine, nur eine.«
Er hatte natürlich unglaubliches Glück gehabt. Es hätten viel mehr sein können, aber seine Antwort stimmte. Na — stimmte fast; da war noch der andere Fall, die Fehlgeburt, aber das dürfte nicht zählen.
Draußen wurde der Verkehr immer dichter, je näher sie dem Flughafen kamen, der jetzt nur noch eine viertel Meile weit entfernt war. Die hellen Lichter des Hauptgebäudes, wenn heute abend auch durch Schnee gedämpft, erhellten dennoch den Himmel.
Gwen sagte: »Das andere Mädchen, das schwanger wurde, ihren Namen will ich nicht wissen . . .«
»Ich würde ihn dir auch nicht sagen.«
»Hat sie diese Gummibestimmungen . . . das Dreipunkteprogramm benutzt?«
»Ja.«
»Hast du ihr geholfen?«
Ungeduldig antwortete er: »Ich habe vorhin schon gesagt — wofür hältst du mich eigentlich? Selbstverständlich habe ich ihr geholfen. Wenn du es wissen willst — die Gesellschaft hat es von meinem Gehalt abgezogen. Daher weiß ich, wie das vor sich geht.«
Gwen lächelte. »Verschiedene Auslagen?«
»Ja.«
»Hat deine Frau es je erfahren?«
Er zögerte, ehe er antwortete. »Nein.«
»Und was ist aus dem Kind geworden?«
»Adoptiert worden.«
»Was war es denn?«
»Halt ein Baby.«
»Du weißt genau, was ich meine, Vernon. War es ein Mädchen oder ein Junge?«
»Ich glaube, ein Mädchen.«
»Du glaubst!«
»Ich weiß es. Ein Mädchen.«
Bei Gwens Fragerei wurde ihm etwas unbehaglich. Das weckte Erinnerungen, die er lieber vergessen wollte.
Sie schwiegen, als Vernon Demerest den Mercedes mit einem Schwung in die imposante Haupteinfahrt brachte. Hoch über dem Eingang erhoben sich, von Scheinwerfern angestrahlt, die parabolischen Bögen — mit Beifall begrüßtes Ergebnis eines weltweiten künstlerischen Wettbewerbs — und symbolisierten, wie es hieß, die hohen Ziele der Luftfahrt. Dann kam ein imposanter Serpentinenkomplex von Wegen, Überbrückungen, Unterführungen und Tunnels, die dazu bestimmt waren, den ununterbrochenen Autoverkehr des Flughafens in Fluß zu halten, obwohl die Wirkungen des dreitägigen Sturms das Vorwärtskommen im Vergleich zu anderen Tagen stark verlangsamten. Große Schneehügel versperrten normalerweise verfügbaren Straßenraum. Schneepflüge und Lastwagen, die das übrige Gebiet offen zu halten versuchten, erhöhten durch ihre Anwesenheit die Konfusion noch.
Nach verschiedenen kurzen Aufenthalten bog Demerest in den Dienstweg ein, der sie in das Haupthangarviertel der Trans America bringen würde, wo sie ihren Wagen verlassen und einen Personalbus zum Hauptgebäude nehmen würden.
Gwen rührte sich neben ihm. »Vernon.«
»Ja?«
»Ich danke dir, daß du mir gegenüber so ehrlich warst.« Sie ta- stete nach seiner auf dem Steuer liegenden Hand. »Ich komme schon klar. Vermutlich ist es eben ein bißchen viel, so alles zusammen. Und ich will wirklich mit dir nach Neapel.«
Er nickte und nahm lächelnd seine Hand vom Steuer und drückte ihre fest. »Wir haben eine schöne Zeit vor uns, und ich verspreche dir, daß wir sie beide in Erinnerung behalten werden.«
Er würde alles tun, was er konnte, gelobte er sich, damit sein Versprechen sich bewahrheitete. Für ihn selbst würde es nicht schwer sein. Von Gwen war er stärker angezogen, in ihrer Gegenwart empfand er mehr Liebe und fühlte sich ihr geistig näher als bei irgend jemand anderem, an den er sich erinnerte. Wenn da nicht seine Ehe wäre ... Er fragte sich, und nicht zum erstenmal, ob er mit Sarah brechen und Gwen heiraten solle. Dann verwarf er den Gedanken wieder. Er hatte zu viele andere in seinem Beruf erlebt, die unter Umwälzungen gelitten hatten — Piloten, die junger Mädchen wegen ihre Frauen nach langen Ehejahren verlassen hatten. In den meisten Fällen war all diesen Männern nichts geblieben als gescheiterte Hoffnungen und drückende Unterhaltsverpflichtungen. Irgendwann auf ihrer Reise, entweder in Rom oder in Neapel, mußte er doch noch einmal ein ernstes Gespräch mit Gwen führen. Ihre Unterhaltung war bis jetzt nicht so verlaufen, wie er es gern gesehen hätte, und auch die Frage einer Abtreibung war noch nicht aufgeworfen worden.
Inzwischen — der Gedanke an Rom erinnerte ihn daran — stand er vor der unmittelbaren Aufgabe, Flug Zwei der Trans America zu leiten.
3
Der Schlüssel gehörte zu Zimmer 224 der O'Hagan Inn.
In dem halbdunklen Umkleideraum neben der Radarstation der Flugsicherung wurde Keith Bakersfeld sich plötzlich bewußt, daß er den Schlüssel mit dem ihn kennzeichnenden Kunststoffschild minutenlang angestarrt hatte. Oder waren es nur Sekunden gewesen? Wie so vieles andere Merkwürdige in letzter Zeit schien auch der Ablauf der Zeit ungleichmäßig und regellos zu erfolgen. Natalie hatte ihn letzthin manchmal zu Hause dabei überrascht, daß er völlig bewegungslos dastand und ins Nichts starrte. Und erst, wenn sie ihn besorgt fragte: »Was hast du denn?«, war er aus seiner Lethargie erwacht, hatte sich wieder bewegt und war wieder zum Bewußtsein gekommen.
Er vermutete, daß in diesen Augenblicken sein erschöpftes, verbrauchtes Gehirn sich selbst abschaltete. Irgendwo in der komplizierten Struktur des Gehirns mit seinen Blutgefäßen, Windungen, aufgespeicherten Gedanken und Empfindungen war ein winziger Schalter vorhanden, ein Selbstschutzmechanismus, wie ein Wärmethermostat in einem Elektromotor, der sich betätigte, wenn der Motor heißlief und davor bewahrt werden mußte, durchzubrennen. Der Unterschied zwischen einem Motor und dem menschlichen Gehirn bestand allerdings darin, daß der Motor außer Betrieb bleiben konnte.