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»Ja, das tue ich«, entgegnete der Pater. »Auch ich habe eine Gabe und versuche ihrer würdig zu sein. Die Heilige Jungfrau hat mich gelehrt, in den Strudel der menschlichen Gefühle einzutauchen, um diese so gut wie möglich zu leiten.«

»Sie tun auch Wunder.«

»Ich kann nicht heilen. Aber ich habe eine der Gaben des Heiligen Geistes.«

»Sie können also in meinem Herzen lesen, Pater. Und Sie wissen, daß ich ihn liebe und daß diese Liebe mit jedem Augenblick wächst. Wir haben die Welt gemeinsam entdeckt und sind gemeinsam in dieser Welt geblieben. Jeden Tag in meinem Leben ist er bei mir gewesen – ob ich es wollte oder nicht.«

Was sollte ich diesem Pater sagen, der neben mir herging?

Würde er je verstehen, daß ich andere Männer gehabt, mich verliebt hatte und, wenn ich geheiratet hätte, glücklich geworden wäre? Als ich auf einem Platz in Soria die Liebe entdeckt und verdrängt hatte, war ich noch ein Kind gewesen.

Doch offensichtlich hatte ich sie nicht genügend verdrängt. Drei Tage hatten ausgereicht, und alles hatte mich wieder eingeholt.

»Ich habe ein Recht darauf, glücklich zu sein, Pater. Ich habe das wiederbekommen, was verloren war, ich will es nicht wieder verlieren. Ich werde um mein Glück kämpfen. Wenn ich den Kampf aufgebe, werde ich auch mein spirituelles Leben aufgeben. Wie Sie schon sagten, würde das bedeuten, daß ich damit auch Gott, meine Macht und meine Kraft als Frau von mir weise. Ich werde um ihn kämpfen, Pater.«

Ich wußte, warum dieser kleine, dicke Mann hier war. Er war gekommen, um mich davon zu überzeugen, ihn aufzugeben, weil er eine wichtigere Aufgabe zu erfüllen hatte. Nein, nein, ich kaufte dem Pater, der da neben mir herging, seine Geschichte nicht ab, daß er wollte, daß wir heirateten, um dann in einem Haus wie jenem in Saint-Savin zu wohnen. Das sagte er nur, um mich zu täuschen, damit ich nicht mehr auf der Hut war und mich von seinem Lächeln vom Gegenteil überzeugen ließ.

Er las meine Gedanken, ohne etwas dazu zu sagen. Aber vielleicht irrte ich mich ja, vielleicht konnte er doch nicht erraten, was die anderen dachten. Der Nebel löste sich schnell auf, und ich konnte jetzt den Weg, den Hang, die schneebedeckten Felder und Bäume erkennen. Auch meine Gefühle waren nicht mehr so verschwommen.

Unsinn! Wenn es wahr war und der Pater tatsächlich Gedanken lesen konnte: dann sollte er sie doch lesen und alles wissen.

Sollte er doch wissen, daß er gestern mit mir schlafen wollte und ich mich verweigerte und es nun bereute.

Gestern dachte ich, ich könnte mich, wenn er gehen müßte, an ihn immer als meinen alten Freund aus Kindheitstagen erinnern. Doch das waren Flausen. Auch wenn er körperlich nicht in mich eingedrungen war, so war etwas viel Tieferes in mich eingedrungen und hatte mein Herz getroffen.

»Pater, ich liebe ihn«, sagte ich noch einmal.

»Ich auch. Die Liebe ist immer töricht. In meinem Falle zwingt sie mich dazu, zu versuchen, ihn von seinem Schicksal abzuhalten.«

»Es wird nicht leicht sein, mich fernzuhalten, Pater. Gestern erfuhr ich während der Gebete vor der Grotte, daß auch ich fähig bin, diese Gaben in mir zu erwecken, von denen Sie sprechen. Und ich werde sie dazu nutzen, um ihn bei mir zu behalten.«

»Nun denn«, sagte der Pater mit einem feinen Lächeln.

»Hoffentlich gelingt es Ihnen.«

Der Pater blieb stehen, zog seinen Rosenkranz aus der Tasche. Dann blickte er mir, während er ihn in der Hand hielt, in die Augen. »Jesus hat zwar gesagt, du sollst nicht schwören. Und ich schwöre auch nicht. Aber ich sage Ihnen in Anwesenheit dessen, was mir heilig ist, daß es nicht mein Wunsch ist, daß er das Klosterleben fortführt. Ich möchte nicht, daß er zum Priester geweiht wird. Er kann Gott auf andere Weise dienen.

Mit Ihnen an seiner Seite.«

Mir fiel es schwer zu glauben, daß er die Wahrheit sagte. Doch er tat es.

»Er war hier«, sagte der Pater.

Ich wandte mich um. Vor uns sah ich in einiger Entfernung einen Wagen stehen. Den Wagen, mit dem wir aus Spanien gekommen waren.

»Sonst kommt er immer zu Fuß«, meinte er lächelnd. »Diesmal wollte er uns glauben lassen, daß er weit weggereist sei.«

Der Schnee durchnäßte meine Turnschuhe. Aber da der Pater offene Sandalen mit Wollstrümpfen trug, wollte ich mich nicht beklagen.

Wenn er das aushalten konnte, konnte ich es auch. Wir begannen unseren Aufstieg zum Gipfel.

»Wie lange müssen wir noch wandern?«

»Höchstens eine halbe Stunde.«

»Wohin gehen wir?«

»Zu ihm. Und den anderen.«

Ich spürte, daß er nicht weiter darüber reden wollte. Vielleicht aber brauchte er auch all seine Kraft für den Aufstieg. Wir gingen schweigend, der Nebel hatte sich inzwischen fast aufgelöst, und aus ihm trat die Sonne wie eine goldene Scheibe hervor.

Zum ersten Mal sah ich das Taclass="underline" einen Fluß, einige verstreute Ortschaften, und, an den Abhang gebaut, Saint-Savin. Ich erkannte den Kirchturm, einen Friedhof, der mir vorher nicht aufgefallen war, und die mittelalterlichen Häuser, von denen aus man auf den Fluß blicken konnte.

Etwas unterhalb von uns trieb ein Hirte seine Herde durch den Ort, durch den wir eben gekommen waren. »Ich bin müde«, sagte der Pater. »Lassen Sie uns einen Augenblick Rast machen.«

Wir wischten den Schnee von einem Stein und lehnten uns dagegen. Der Pater schwitzte – seine Füße aber mußten tiefgefroren sein.

»Möge der heilige Jakobus mir Kraft geben, denn ich möchte diesen Weg noch einmal gehen«, sagte der Pater zu mir gewandt.

Ich wußte nicht, was er damit sagen wollte, und beschloß, von etwas anderem zu reden.

»Im Schnee sind Spuren«, sagte ich.

»Einige stammen von Jägern. Andere sind von den Männern und Frauen, die eine Tradition Wiederaufleben lassen wollen.«

»Was für eine Tradition?«

»Die des heiligen Savinus. Sich aus der Welt zurückziehen, in diese Berge gehen und sich in Gottes Herrlichkeit versenken.«

»Pater, etwas kann ich einfach nicht begreifen. Bis gestern war ich mit einem Mann zusammen, der nicht wußte, ob er das priesterliche Leben oder die Ehe wählen soll. Heute erfahre ich nun noch, daß dieser Mann Wunder tut.«

»Wir alle tun Wunder«, sagte der Pater. »Jesus hat gesagt: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: ›Hebe dich dorthin!‹, so wird er sich heben.«

»Ich will jetzt keine Religionsstunde, Pater. Ich liebe einen Mann und möchte gern mehr über ihn erfahren, ihn verstehen, ihm helfen. Mir ist es egal, was alle können oder nicht.«

Der Pater atmete tief durch. Einen Augenblick lang zögerte er, doch dann begann er:

»Einem Wissenschaftler, der auf einer Insel in Indonesien das Verhalten der Affen erforschte, gelang es, einem bestimmten Affenweibchen beizubringen, daß es die Kartoffeln in einem Fluß wusch, bevor es sie aß. Denn ohne Sand und Dreck schmeckten sie besser. Der Wissenschaftler, der dies nur getan hatte, weil er an einer Untersuchung über die Lernfähigkeit von Affen arbeitete, konnte nicht ahnen, was dann geschah: Er staunte, als er sah, daß die anderen Affen auf der Insel dieses Affenweibchen imitierten. Und eines Tages, als bereits eine bestimmte Anzahl von Affen gelernt hatte, die Kartoffeln zu waschen, fingen die Affen auf allen anderen Inseln des Archipels an, es ihnen gleichzutun. Das Allerverwunderlichste aber war, daß diese Affen es gelernt hatten, ohne Kontakt zu der Insel zu haben, auf der das Experiment durchgeführt wurde.«

Er schwieg einen Augenblick.

»Verstehen Sie, was ich meine?«

»Nein«, antwortete ich.

»Es gibt verschiedene wissenschaftliche Untersuchungen darüber. Gemeinhin lautet die Erklärung, daß, wenn eine bestimmte Anzahl von Menschen sich entwickelt, sich mit ihnen die gesamte Menschheit weiterentwickelt. Wir wissen nicht, wie viele Menschen dazu notwendig sind – doch wir wissen, daß es so ist.«