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Conway schluckte und blinzelte den Schleier in den Augen weg, der vorübergehend seine Sicht beeinträchtigte hatte, und verließ langsam den Raum.

Der Schriftzug auf der anderen Tür hatte einst ›Sportausrüstungslager‹ gelautet, man hatte ihn jedoch durchgestrichen und darüber ›Lazarett‹ geschrieben. Als er die Tür aufschob, fand er den Raum dahinter ebenfalls erleuchtet vor, wenn auch nur schwach.

An den Wänden zu beiden Seiten der Tür waren die Borde der Ausrüstungsregale zu Kojen umfunktioniert worden, von denen zwei belegt waren. Die darin liegenden Leichen waren fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt und völlig deformiert, was zum einem an der Unterernährung und zum anderen daran lag, daß sie unter schwerelosen Bedingungen geboren worden waren und gelebt hatten. Anders als die ausgetrockneten Leichenteile, auf die Conway und Prilicla auf den äußeren Decks gestoßen waren, waren diese beiden der Atmosphäre ausgesetzt gewesen, und die Verwesung hatte eingesetzt. Doch war dieser Prozeß noch nicht weit genug fortgeschritten, um die Tatsache verschleiern zu können, daß die beiden Leichen der Klassifikation DBDG angehört hatten. Es handelte sich um einen alten Mann und ein kleines Mädchen, beide Terrestrier, die erst in den letzten paar Monaten gestorben sein mußten.

Conway dachte an die Reise, die fast sieben Jahrhunderte gedauert hatte, und an die letzten beiden Überlebenden, die es fast geschafft hätten, und er mußte erneut blinzeln. Verärgert bewegte er sich weiter in den Raum hinein, indem er sich an der Kante eines Behandlungstischs und eines Instrumentenschranks entlangzog. Sein Scheinwerfer beleuchtete in einer entfernten Ecke eine Gestalt im Raumanzug, die in der linken Hand einen fast quadratischen Gegenstand hielt, während sie sich mit der rechten gegen eine geöffnete Schranktür stützte.

„S… Sutherland?“ fragte Conway.

Die Gestalt zuckte zusammen und antwortete mit schwacher Stimme: „Nicht so verdammt laut.“

Conway stellte seinen Lautsprecher leiser und sagte schnelclass="underline" „Ich bin froh, daß ich Sie gefunden habe, Doktor. Ich bin Doktor Conway aus dem Orbit Hospital. Wir müssen sie schnell zum Ambulanzschiff zurückbringen.

Die haben da Schwierigkeiten und wir…“

Er brach den Satz ab, da Sutherland sich weigerte, die Schranktür loszulassen. Beruhigend fuhr Conway fort: „Ich weiß, warum Sie gelbes Schmiermittel statt Farbe benutzt haben, und ich hab meinen Helm nicht geöffnet. Uns ist bekannt, daß in anderen Teilen des Schiffs noch Druck herrscht. Gibt es irgendwelche Überlebende? Und haben Sie gefunden, wonach Sie gesucht haben, Doktor?“

Sutherland sagte nichts, bis sie das Schiffslazarett verlassen hatten und die Tür hinter ihnen geschlossen war. Er öffnete sein Visier, wischte die Feuchtigkeit ab, die sich als Perlen auf der Innenseite niedergeschlagen hatte, und sagte schwach: „Gott sei Dank erinnert sich noch jemand an die Geschichte. Nein, Doktor, es gibt keine Überlebenden. Ich hab sämtliche mit Luft gefüllten Kammern durchsucht. Eine davon ist eine Art Begräbnisstätte für nicht eßbare Überreste. Ich glaube, diese bedauernswerten Geschöpfe waren am Schluß zum Kannibalismus gezwungen und mußten ihre Toten irgendwo lagern, wo sie… na ja… griffbereit lagen. Und auch ihre zweite Frage muß ich mit einem Nein beantworten. Ich hab nicht gefunden, wonach ich gesucht hab, sondern nur ein Mittel entdeckt, womit man die Krankheit zwar erkennen, nicht aber heilen kann. Die Haltbarkeit aller angezeigten Medikamente ist bereits vor Hunderten von Jahren abgelaufen…“ Er fuchtelte mit einem Buch in der Hand herum und fuhr fort: „Ich mußte hier drinnen einige engbedruckte Seiten lesen, deshalb hab ich den Luftdruck in meinem Anzug erhöht, um so in der Luft vorhandene Krankheitserreger wegzublasen, wenn ich das Visier öffnen mußte, weil ich mir etwas genauer ansehen wollte. Theoretisch hätte es funktionieren müssen.“

Offensichtlich hatte es aber nicht funktioniert. Trotz des höheren Innendrucks im Anzug, der die Luft durch die Visieröffnung nach außen geblasen hatte, war der Schiffsarzt an derselben Krankheit erkrankt, die sich auch seine Offizierskameraden zugezogen hatten. Er schwitzte übermäßig, blinzelte im Licht und seine Augen tränten, aber im Gegensatz zu den übrigen Offizieren der Tenelphi war er weder im Delirium noch bewußtlos — jedenfalls bis jetzt nicht.

„Wir haben eine schnelle Abkürzung nach draußen entdeckt. Na ja, wenigstens ist sie relativ schnell. Glauben Sie, Sie könnten mit meiner Hilfe klettern, oder soll ich Ihnen Arme und Beine zusammenbinden und Sie vor mir hinunterlassen?“

Sutherland war in einem erbarmungswürdigen Zustand, doch er lehnte es ganz entschieden ab, gefesselt einen Tunnel hinuntergelassen zu werden, dessen Wände aus verbogenem Metall mit zackigen Kanten bestand — egal, wie vorsichtig das bewerkstelligt werden sollte. Die beiden schlossen einen Kompromiß, indem sie sich Rücken an Rücken aneinanderschnallten und Conway das Klettern übernahm, während Sutherland ihnen die Hindernisse vom Leib hielt, die der Chefarzt nicht sehen konnte. Sie kamen sehr gut voran, und zwar so gut, daß sie Prilicla langsam einzuholen begannen, noch bevor der Cinrussker die Hälfte des Tunnels zurückgelegt hatte. Bei jeder Umdrehung, bei der die Sonne in das andere Ende des Tunnels hineinschien, wirkte der Körper des Cinrusskers, der in seinem Raumanzug von weitem wie ein dunkler Kreis aussah, immer größer.

Das regelmäßige Knacken und Zischen des SOS-Signals wurde mit jeder Minute lauter, bis es auf einmal aufhörte.

Ein paar Minuten später wurde der kleine schwarze Kreis vor ihnen zu einer glänzenden Scheibe, als Prilicla aus der Öffnung des Tunnels ins Sonnenlicht trat. Der Empath berichtete ihnen, daß die Rhabwar und die Tenelphi jetzt in seiner Sichtweite waren, und es ihm keine Schwierigkeiten bereiten sollte, normalen Funkkontakt herzustellen. Conway und Sutherland hörten ihn die Rhabwar rufen und, wie es schien eine Ewigkeit später, die zischenden und knisternden Geräusche der Antwort vom Ambulanzschiff.

Conway konnte durch das Rauschen hindurch im Hintergrund ein paar der Wörter ausmachen und war deshalb über die von Prilicla weitergegebene Nachricht nicht völlig erstaunt.

„Mein Freund“, sagte der Empath, und Conway konnte sich vorstellen, wie Prilicla versuchte, eine Möglichkeit zu finden, die Auswirkung seiner schlechten Nachricht zu mildern, „das war Oberschwester Naydrad. Auf dem Schiff weisen sämtliche DBDGs von der Erde, einschließlich der Pathologin Murchison, die gleichen Symptome wie die Offiziere der Tenelphi auf, wenn auch mit unterschiedlichen Auswirkungen auf ihre Einsatzfähigkeit. Der Captain und Lieutenant Chen sind davon bisher am wenigsten betroffen, aber sie befinden sich beide in einem Zustand, der sie bettlägerig macht. Naydrad benötigt dringend unsere Hilfe, und der Captain sagt, er wird ohne uns abfliegen, wenn wir uns nicht beeilen. Lieutenant Chen glaubt überhaupt nicht mehr an einen Abflug, selbst wenn sie die Hyperraumantriebshülle nicht hätten modifizieren müssen, um die Tenelphi aufzunehmen. Es scheint ein zusätzliches Problem durch die Nähe des Zentralgestirns dieses Systems zu geben, das offensichtlich nur durch einen erfahrenen Astronavigator gelöst werden…“

„Das genügt“, unterbrach ihn Conway ungeduldig. „Sagen Sie denen, sie sollen die Tenelphi abkoppeln und dann abdecken. Sämtliche Proben, die Chen von der Tenelphi zur Analyse an Bord gebracht hat, müssen sofort abgeworfen werden. Weder das Hospital noch das Monitorkorps wird sich darüber freuen, wenn wir irgend etwas mitbringen, das in Kontakt mit dem alten Wrack gekommen ist. Vielleicht wird man sogar noch nicht einmal sonderlich erfreut sein, uns zu sehen…“

Er brach ab, als er hörte, wie Naydrad seine Anweisungen an den Captain weitergab. Und als er den Anfang von Fletchers Antwort vernahm, fuhr er rasch fort: „Doktor Prilicla, ich empfange das Schiff jetzt direkt, deshalb brauche ich Sie nicht mehr als Zwischensender. Kehren Sie so schnell wie möglich zum Schiff zurück, und helfen Sie Naydrad bei der Versorgung der Patienten. In ungefähr fünfzehn Minuten werden wir aus dem Tunnel heraus sein. Captain Fletcher, können Sie mich hören?“