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Karl von Kahn sagte, wer wolle, könne an das Geld glauben, wie man daran glauben konnte, als die Münzen noch etwas wert waren. Georg Simmel habe das vor mehr als hundert Jahren beschrieben, wie beim Geld aus der Substanz die Funktion wurde. In mir sehen Sie einen Funktionär des Geldes, sagte Karl von Kahn. Und der bietet Ihnen, wenn Sie gestatten, Aufklärung an. Auch Geld betreffend darf Aufklärung sein. Für Geld ETWAS kaufen, ein Haus, eine Zahnbürste, das ist immer noch Tauschhandel. Erst wenn keine Gegenstände mehr stören, wenn Geld ganz bei sich selbst bleibt, wenn man durch richtige Fügung die Geldvermehrung bewirkt und das vermehrte Geld wieder dazu bringt, sich zu vermehren, erst da beginnt das Reich der Freiheit beziehungsweise die Kunst oder, was das gleiche ist, die Religion, die keinen reineren Ausdruck kennt als die Zahl, das Geistige schlechthin. Wenn sie nicht dazu mißbraucht wird, Dinge zu addieren. Aber bevor sie den Zahlen die Regie überlassen, muß er Herrn Babenberg eine Version der Rechtfertigung anbieten. Es gibt Kunden, da genügt es, eine Ethikpalette vorzulegen. In Rüstungsfirmen nicht, aber in Solartechnik schon. Herrn Babenberg muß er eine feinere Formel der Rechtfertigung anbieten. Nämlich seine eigene. Die lautet: Da alle Menschen, durch welche Umstände auch immer, so sind, wie sie sind, gibt es, will man leben, kein anderes Ziel, als von ihnen unabhängig zu sein. Unabhängig von der Zustimmung anderer.

Babenberg: Dafür nehmen Sie die bewußtloseste, willkürlichste, geistloseste Diktatur in Kauf, die denkbar ist, den Markt. Oder wollen Sie sagen, dieser alles entscheidende Markt habe einen Wert an sich oder in sich oder für sich?

Karl von Kahn: Stellen wir an den Markt Ihre Lieblingsfrage, die nach der Gerechtigkeit. Der Markt ist nicht ungerechter als alles andere, was Menschen veranstalten. Der Markt ist nicht ungerechter als irgendein Richter, ein Lehrer, ein Vater, als irgendeine sonstige Autorität. Es kann einer vorübergehend den Markt erobern. Er kann eine Marktmacht so gebrauchen, daß man’s Mißbrauch nennen kann. Einhundert Sekunden lang. Wie die zwei Herren von der Citigroup, immerhin der größten Bank der Welt. Da werfen zwei Herren per Computer Staatsanleihen für 12,9 Milliarden Dollar auf den Markt. Das reißt den Wert dieser Anleihen sofort in die Tiefe. In weniger als einhundert Sekunden kaufen sie 4 Milliarden der jetzt billiger notierten Anleihen zurück und haben in diesen hundert Sekunden eine Million Dollar verdient. Auf beiden Seiten des Atlantiks sanfte Empörung. Die Financial Services Authority schweigt. Was sagt Ihr Gerechtigkeitsgefühl?

Babenberg: Sie machen mich wieder zum Linken.

Karl von Kahn: Einmal links, immer links.

Babenberg: Aber Sie wollen mich so weit bringen, daß ich sage: Alle Achtung.

Karl von Kahn: Die dreihunderttausend Citigrouper around the globe haben ein Ethiktraining absolvieren müssen.

Babenberg: Die Wirklichkeit ist immer selbst ihre beste Darstellerin.

Karl von Kahn: Ich stimme zu. Aber der Markt hat ein Zeitmaß für seine Gerechtigkeit, das sich dem simplen Bedürfnis, daß die Strafe der Tat miterlebbar folge, entzieht. Wer den Markt moralisch fassen will, faßt immer nur sich selbst.Babenberg: Faust.Karl von Kahn: Wortkostümverleih.Babenberg: Eins zu null für Sie.

Karl von Kahn: Brauchen wir schon Schiedsrichter? Ich habe noch Beispiele. Marktblüten, Anlagebeispiele. Low Five-Strategie, zum Beispiel.

Am Jahresanfang werden aus den zehn Dow-Jones-Titeln, Sie wissen, das sind die, die jeden Abend mit dem Dax im Fernsehen gezeigt werden, da werden aus den zehn Aktien mit der höchsten Dividende die fünf Aktien mit dem niedrigsten Kurswert gewählt, und die sollen gekauft werden. In dreißig Jahren wurden so jährlich 17,7 Prozent verdient. Oder: Die Deutsche Börse gibt alle fünfzehn Sekunden den iNAV bekannt. Das ist der indicative Net Asset Value, also der Nettoinventarwert von börsennotierten Indexfonds. Ohne mich! Ich messe nicht. Ich bastle weder Paradiese noch Katastrophen. Ich beobachte den Markt. Ich bin dem Markt ausgesetzt. Ich habe das Messen meinen Mitarbeitern überlassen. Am Ende des Quartals kontrollieren wir, wer die besseren Zahlen hat. Kein Profi will heute auskommen ohne das tägliche Befragen der Benchmark, das sind eben die den Vergleich erlaubenden Datenlieferungen von Bloomberg, Reuters und so weiter. Dr. Herzig, mein jüngster Mitarbeiter, sagt, arbeiten ohne Benchmark, das ist wie Hochsprung ohne Latte. Jeden Morgen kommt er ins Büro und meldet, wieviel Prozent wir überm Dax sind. Ich weiß ohne Vergleich, ob mein Portfolio-Management funktioniert oder nicht.

Babenberg: Sie panzern sich mit Instinkten gegen den Panikhorizont von dreihundertsechzig Grad, gegen das fleißigste Gerücht des Jahrzehnts, das ausschreit, daß die Armen ärmer und die Reichen reicher werden.

Karl von Kahn: Jetzt sind Sie auf der guten alten Schiene gelandet. Aristoteles, Thomas von Aquin und Karl Marx singen unter Ihrer Stabführung im Chor die Antikapitalistenarie vom bösen Zins. Wucher, dröhnt es durch die Jahrhunderte.

Babenberg: Ich wiederhole, daß die Reichen reicher werden und die Armen ärmer.

Karl von Kahn: Matthäus 25, 26: Denn wer hat, dem wird gegeben; und wird im Überfluß haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.

Babenberg: Genau! Heute nennt man’s Globalisierung.

Karl von Kahn: Weil Sie kein Kunde sind bei mir, lesen Sie nicht meine Kunden-Post. Vor zwei Wochen war da zu lesen Matthäus für Anleger. Es ist hörenswert, wie Matthäus den von der Reise zurückgekehrten Herrn seine Diener prüfen läßt. Einem hat er, bevor er verreisen mußte, fünf Talente Silbergeld gegeben, dem anderen zwei Talente, wieder einem anderen ein Talent. Jedem nach seinen Fähigkeiten, sagt Matthäus. Sobald der Herr weg war, begann, sagt Matthäus, der Diener, der fünf Talente erhalten hatte, mit ihnen zu wirtschaften, und er gewann noch fünf dazu. Der mit den zwei Talenten gewann zwei dazu. Der, der ein Talent bekommen hatte, grub ein Loch in die Erde, darin versteckte er das Geld seines Herrn. Luther schrieb nicht, der mit den fünf Talenten begann zu wirtschaften, Luther schrieb: und händelte mit den selbigen. Dann kommt der Herr zurück und lobt die, die mit fünf beziehungsweise zwei Talenten einhundert Prozent Gewinn gemacht haben. Er wird beiden, sagt er, in Zukunft größere Aufgaben übertragen. Der, dem er ein Talent anvertraut hat, sagt jetzt: Herr, ich wußte, daß du ein strenger Mann bist; du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast; weil ich Angst hatte, habe ich das Geld in der Erde versteckt. Hier hast du es wieder. Der Herr beschimpft ihn. In der heutigen Übersetzung liest sich das so: Hättest du mein Geld wenigstens auf die Bank gebracht, dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen zurückerhalten. Bei Luther hieß es noch: So soltestu mein geld zu den Wechslern gethan haben, und wenn ich kommen were, hette ich das meine zu mir genomen mit wucher. Jetzt die Moral von der Geschichte, und es ist eine rein wirtschaftliche Moraclass="underline" Darumb nemet von jm den Centner und gebets dem, der zehen Centner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und wird die fülle haben. Wer aber nicht hat, Dem wird auch das er hat genomen werden. Das ist Klartext: Gebt Geld denen, die’s vermehren können. Was heute Talente genannt wird, hieß bei Luther Centner. Bei Matthäus folgt darauf, daß man auch mildtätig sein soll. Kein Wort gegen die so ins Recht gesetzte Geldvermehrung.