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Gundi rief: Cécile.

Eine Frau, zirka fünfzig, kam aus der hinteren Zeltwand, die offenbar nur aus mehreren Vorhängen bestand. Cécile trug einen Herrenanzug in Grau.

Gundi: Das ist Cécile. Die alles für mich tut.

Cécile: Du hast noch nichts verlangt, was ich nicht gern getan hätte.

Gundi: Professor Amadeus Stengl.

Amadeus hüpft vom Stuhl, nimmt Céciles Hand, küßt sie.

Gundi: Champagner, bitte.

Cécile schenkt aus der bereitstehenden Flasche ein. Dann geht sie wieder durch die Rückwand ab.

Gundi sagt: Zum Wohl, Amadeus sagt: Prosit. Sie trinken.

Gundi in einem tomatenroten Leinenanzug, Amadeus in einem seidigen Hellviolett. Die Musik hört auf. Eine Frauenstimme hatte sich mit Jazztönen und — rhythmen gesteigert und war, als die Musik aufhörte, gerade auf dem Höhepunkt, der nur noch ein Schrei war, angekommen.

Herr Professor, sagt Gundi.

Amadeus: Muß das sein?

Gundi: Ich gratuliere.

Und reicht ihm die Hand hinüber, und er springt vom Stuhl und küßt die Hand, gibt sie zurück und steigt wieder auf den Stuhl.

Gundi wendet sich jetzt an die Zuschauer, sagt noch schnell zu Amadeus hin: Sie kommen gleich dran. Liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, Sie sind es inzwischen gewöhnt, daß ich Sie jedesmal in ein anderes Milieu, in eine andere Welt einlade. Und Sie erwarten mit Recht, daß das Milieu, in das ich Sie einlade, etwas zu tun habe mit dem Gast, den ich Ihnen vorstellen will. Das ist, weil ich gewöhnlich meine Gäste vor der Kamera zum ersten Mal sehe, immer riskant. Es finden vorher lange Briefwechsel statt. Sie wissen, darauf besteh ich. Und daß die Briefe dessen, der eingeladen werden will, und meine Briefe von Hand geschrieben werden, ist Bedingung. Und daß der Briefwechsel, der einer Einladung vorangeht, sich oft über viele Monate hinzieht, wissen Sie auch. Alles das ist heute anders. Zum ersten Mal habe ich einen Gast geladen, der sich prominent vorkommen darf. Ich habe einmal gesagt, daß ich es unanständig finde, Menschen einzuladen, die zu der andauernd diensttuenden Talk-Truppe der Fernsehsender gehören. Nichts ist, sage ich immer noch, so uninteressant wie jemand, den man hauptsächlich vom Fernsehen her kennt, dessen öffentliche Handlungen vor allem Fernsehauftritte sind. Der heutige Gast erfüllt so ziemlich alle Bedingungen, die ihn bisher für mich uneinladbar gemacht haben. Ich habe nachzählen lassen: Allein im vergangenen Jahr ist er in zweiunddreißig Talk-Sendungen zu sehen gewesen. Grauenhaft, Herr Professor.

Amadeus: Aber in diesem Jahr erst in sechs, und wir haben immerhin schon Mitte Februar.

Gundi: Sie sollen als Gundis Gast nichts sagen oder tun, was Sie schon irgendwo anders gesagt oder getan haben.

Amadeus: Ich sag oder tu nie etwas, was ich schon irgendwo anders gesagt oder getan habe.

Gundi: Sie sollen bei mir anders sein als überall sonst.

Amadeus: Ich bin immer anders als sonst.

Gundi: Ich möchte jetzt auch gern anders sein als sonst.

Amadeus: Wenn man nur wüßte, wie man sonst ist.

Gundi: Sind Sie sonst nicht der, der gerade sechzig geworden ist?

Amadeus: Ich wäre auch lieber etwas anderes geworden.

Gundi: Den der Ministerpräsident zum Professor ernannt hat?

Amadeus: Ja, aber warum?

Gundi: Ja, warum hat er?

Amadeus: Ich weiß es doch auch nicht.

Gundi: Sie haben ihn nicht gefragt?

Amadeus: Hab ich Sie gefragt, warum Sie mich einladen, Gast bei Gundi zu sein?

Gundi: Vielleicht hat der Ministerpräsident Angst vor Ihnen.

Amadeus: Er hat Macht.

Gundi: Wer Macht hat, hat Angst.

Amadeus: Wer keine hat, auch.

Gundi: Sie haben Macht. Sagen Sie jetzt bitte, wie Sie Ihre Macht ausüben.

Amadeus: Ich sage einem, der alles weitererzählt, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, was ich weitererzählt haben will.

Gundi: Jetzt komme ich Ihnen näher.

Amadeus: Kommen Sie. Bitte.

Gundi: Wollen Sie lieber geliebt oder gefürchtet werden?

Amadeus: Mir egal.

Gundi: Glaub ich Ihnen nicht.

Amadeus: Ich auch nicht.

Gundi: Also?

Amadeus: Das oder macht jede Antwort falsch. Kein Mensch ist das oder das.

Gundi: Also?

Amadeus: Gefürchtet und geliebt. Das will jeder.

Gundi: Aber nicht jede.

Amadeus: Sie werden frauenfeindlich.

Gundi: Jetzt breche ich eine Verabredung.

Amadeus: An Verabredungen halten sich nur Leute mit zwei Komma fünf Dioptrien.

Gundi: Und wenn ich jetzt sage, meine Kontaktlinsen haben zwei Komma sieben?

Amadeus: Ihre Augen sind so unmittelbar wie eine ungefaßte Quelle.

Gundi: Ich breche eine Verabredung.

Amadeus: Brechen Sie ruhig.

Gundi: Wir sind seit Jahren per du.

Amadeus: Ach.

Gundi: Ich habe dir gesagt, daß es besser wäre, wir sagten vor der Kamera Sie zueinander.

Amadeus: Ich hatte mir vorgenommen, Ihnen während der Sendung das Du anzubieten.

Gundi: Es gibt in München einen Professor, der fragt jedesmal, wenn er mich sieht: Sind wir eigentlich per du oder per Sie.

Amadeus: Und was sagst du dann?

Gundi: Manchmal sage ich: Wir sind per du. Oder ich sage: Herr Professor, wir sind per Sie.

Amadeus: Und er akzeptiert?

Gundi: Er ist siebzig.

Amadeus: Da kann ich ja froh sein, daß ich erst sechzig bin.

Gundi: Das kannst du wirklich. So, und jetzt lege ich hier den Schmuck ab, den mir ein Mann geschenkt hat, der sehr bald siebzig sein wird.

Amadeus: Und?

Gundi: Wart’s ab. Sie, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, kennen den Schmuck. Sie waren dabei, als ich zur Schmuckträgerin wurde. Ich glaube nicht, daß ich wieder zur schmucklosen Frau tendiere, aber diesen Schmuck darf ich nicht mehr tragen. Dieses Armband und diese gewaltige in Platin gefaßte Perle, beides von einem wahrhaft lieben Mann, der nicht mehr mein Mann ist. Wir werden uns nicht mit Gründen dekorieren. Was zählt, ist das Faktum. Cécile!

Cécile kommt durch die Rückwand.

Gundi: Die Versteigerung, bitte.

Cécile zieht einen Vorhang zurück, da sitzen vor einer weiteren Zeltwand zwei Sekretärinnen an Telefonen. An der Zeltwand erscheint die Nummer: 089 — 111222.

Gundi: Sie, liebe Zuschauer und Zuschauerinnen, können jetzt bei Cécile diesen Schmuck ersteigern. Der Erlös wird dem Hilfswerk für krebskranke Kinder überwiesen. Bitte, Cécile.

Cécile: Das Platin-Armband, besetzt mit Diamanten, Saphiren, Rubinen und Smaragden, und diese Perle in Platin gefaßt, 20 000 Euro.

Jetzt hört man wieder die Frauenstimme mit diesem aggressiv wehmütigen, sich dann von aller Wehmut befreienden Gesang.

Gundi: Ich bin gespannt.

Amadeus: Darf ich auch mitsteigern?

Gundi: Aber ja.

Amadeus: Dann biete ich 21 000.

Eine Telefonistin: 21 500.

Die zweite Telefonistin: 22 000.

Amadeus: 22 500.

Die zweite Telefonistin: 23 000.

Amadeus: 23 500.

Die erste Telefonistin: 24 000.

Amadeus: 25 000.

Cécile: 25 000 zum ersten, zum zweiten …

Die zweite Telefonistin: 30 000.

Amadeus: Der meint es ernst. 35 000.

Die zweite Telefonistin: 50 000.

Amadeus: Ich kapituliere.

Gundi: Fragen Sie, ob wir den Namen nennen dürfen.

Cécile nimmt den Hörer.

Cécile: Dürfen wir Ihren Namen hier mitteilen?

Sie erfährt den Namen.

Cécile: Lambert Trautmann.

Gundi: Diego!!

Amadeus: Das hätte ich mir denken können.

Gundi: Er bekommt den Schmuck. Nach der Bezahlung.