„Sieh dort, lauter Zuckerhüte!“ rief Filitra plötzlich, aufgeregt den Arm Henrys umklammernd.
Tatsächlich, aus einer Geröllmulde erhoben sich mehrere kleine Hügelkuppen. Sie ähnelten in ihrer Form stark dem sogenannten Zuckerhut bei Rio de Janeiro, der weltbekannten brasilianischen Bergspitze am Atlantischen Ozean.
Aber Henry erfaßte diese Seltenheit nur halb. Seine Aufmerksamkeit galt einer anderen Erscheinung. Im kleinen Kreisausschnitt des Panzerglases gähnte an einer schroff abfallenden Kante des Asteroiden eine dunkle Öffnung, groß wie ein Hallentor. Wahrscheinlich war das eine Höhle.
Da stutzten beide. Sie sahen etwas, was ihnen bekannt erschien, etwas, was in diesem Chaos von rissigem und schlackigem Fels durch das Gleichmaß seiner Form wohltuende Ruhe ausstrahlte: Mitten auf einem kleinen Plateau erhob sich der mattgraue Panzerkegel des Funkwarnfeuers. Die Kegelspitze lief in einen dünnen, langen, dreißig Meter hohen Rohrmast aus, den Antennenträger.
Alles schien unversehrt.
„Es scheint alles unversehrt zu sein“, sagte Kommandant Kerulen zu Timofei Mirsanow.
Sie saßen im zentralen Steuerraum vor dem großen Bildschirm und beobachteten ebenfalls den Asteroiden. Planetoid und Raumschiff flogen fast auf gleicher Höhe nebeneinander.
„Jetzt den Schaltschock probieren“, riet Mirsanow.
Kerulen nickte. Er wandte sich an den Funker. „Norbert, senden Sie kurz den Schaltimpuls für die Funkwarnfeuer. Am besten aus dem Richtstrahler. Und den Richtstrahler direkt auf den Kegel richten. Bitte die Sendeleistung verzehnfachen.“
Man hoffte, mit dieser überstarken Impulsdosis das Funkwarnfeuer in Tätigkeit setzen zu können. Aber der Schock blieb wirkungslos. Das Funkwarnfeuer schwieg auch jetzt noch.
Adonis hatte das Raumschiff inzwischen überholt und begann vorauszueilen.
Der automatische Astropilot ertönte. Die Flugoperation, die er ankündigte, war nicht schwierig. Die Rakete erhöhte ihre Geschwindigkeit geringfügig, so daß sie sich dem Asteroiden wieder näherte.
Kerulen gab den Start der Erkundungsrakete frei.
Wenige Minuten später glitt aus der Schleusenöffnung unterhalb der Bugspitze des Raumschiffes die Aufklärungsrakete hervor, vom Katapult herausgeschleudert. Durch einen kurzen Feuerstoß aus dem Triebwerk glich der Pilotron den Rückstoß aus, den das Katapult verursachte. Die kleine Kolibri-Rakete huschte davon, sich eilig vor der großen Mutterrakete einen Vorsprung verschaffend. Dabei scherte sie allmählich aus und wechselte zur Bahn des Asteroiden hinüber.
Leicht den Flug abbremsend, ließ Kioto Yokohata dann den Asteroiden von hinten herankommen. Langsam schoben sich die öden Gesteinsmassen, träge, rotierend, hinter dem Heck vorbei. Aufmerksam suchten die drei Kundschafter, der Pilot, ein Monteur und Rai Raipur, der Elektroneningenieur, die Oberfläche des Asteroiden nach dem Schutzkegel des Senders ab. Als er überraschend über dem kleinen, engbegrenzten Horizont des Planetoiden im dämmrigen Sonnenlicht emporwuchs, galt es, schnell zu handeln. Yokohata wollte so nahe wie möglich am Sender aufsetzen. Ein kurzer, schwacher Flammenstoß aus der Bugdüse gegen die Flugrichtung genügte, die Geschwindigkeit noch mehr zu verlangsamen. Die Distanz zum Plateau verringerte sich zusehends. Fünzig Meter über dem Boden bremste Yokohata die Rakete mit einem Feuerstoß aus der Heckdüse ab. Kurz vor dem Aufsetzen glitten drei Teleskopbeine aus dem Heck, spreizten sich und fingen den leichten Stoß auf, der bei der Berührung des Bodens zu spüren war.
Die Erkundungsrakete war gelandet.
Zwei der Kundschafter machten sich fertig zum Aussteigen. Yokohata mußte leider in der Kabine bleiben, um seine kleine Raumrakete vorschriftsmäßig unter Aufsicht zu haben. Der Monteur und Rai Raipur erhoben sich vorsichtig aus ihren Sesseln. Hier auf dem Asteroiden fehlte die normale Schwerkraft, wie sie sie von der Erde gewöhnt waren und wie sie im Raumschiff mit viel Energieaufwand künstlich erzeugt wurde. Es war klar, daß Adonis mit seinem Durchmesser von nur einem Kilometer bei weitem nicht die Anziehungskraft entwickeln konnte wie der Heimatplanet mit seinen rund 12700 Kilometern Durchmesser.
Rai Raipur öffnete die Luke. Zuvor hatten Pumpen die Luft aus der Kabine abgesaugt. Da alle drei den Raumanzug mit dem fest auf der Schulter sitzenden Panzerglas-Helm anhatten, spürten sie nichts von dem Druckschwund. Im Raumanzug herrschte nach wie vor eine Atmosphäre Druck. Auch die notwendige Atemluft wurde der Helmglocke zugeführt.
Bevor sich Rai Rapur und der Monteur durch die Luke hinauszwängten, hakten sie eine zwirnstarke, aber reißfeste Sicherheitsleine in einer Öse am Lukendeckel fest. Sie vermieden damit, daß sie durch die Kraft ihrer Muskeln beim Abstoßen vom Fußboden oder durch einen unvorsichtigen Schuß aus der Rückstoßpistole ungewollte Hoch- und Weitsprünge von mehreren hundert Metern machten. Im Fall einer Gefahr konnten sie sich mit Hilfe des winzigen Motors in der taschenuhrgroßen Seiltrommel schnell zur Rakete zurückspulen.
Der Monteur und der Ingenieur ließen sich die wenigen Meter am Rumpf der Rakete zum Boden hinabgleiten. Sie fanden gerade noch Zeit, sich nach dem Kegel des Funkwarnfeuers umzusehen, der ungefähr einhundertzwanzig Meter entfernt aufragte, dann war es plötzlich stockdunkel um sie herum. Die Planetoidennacht hatte begonnen. Sie hatte schlagartig das dämmrige Licht der Sonne verdrängt. Diese Nacht war aber nur sehr kurz. Sie würde etwa zwanzig Minuten dauern. Danach würde es wieder für zwanzig Minuten hell sein. Dieser schnelle Wechsel von Dunkelheit und Dämmerung entsprach der Rotationsdauer des Planetoiden.
Die beiden Kundschafter schalteten ihre Handlampen ein und bewegten sich vorsichtig in der Richtung, in der sie den Sendekegel gesehen hatten. Sie machten das mit steifen Beinen, mit absichtlich durchgedrückten Knien. Sie stießen sich, lediglich die Fußgelenke bewegend, mit dem Ballen vom Boden ab. Sogleich schnellten ihre Körper, leicht vorgeneigt, mehrere Meter weiter. Mit dieser eigenartig hüpfenden Gangart hatten sie bald die Strecke bis zum Funkwarnfeuer zurückgelegt. Den beiden Kundschaftern stand jetzt erfahrungsgemäß eine langwierige und schwierige Arbeit bevor. Sie mußten in den Kegel eindringen und herausfinden, warum der Sender schwieg.
Kioto Yokohata, ebenfalls von der rasch hereinbrechenden Dunkelheit umfangen, erkannte nur an dem heftig auf- und abhüpfenden Lichtfleck der Handlampen, wo sich die Gefährten befanden. Amüsiert sah er dem Tanz der beiden Lichtstrahlen zu. „Hallo, ihr Känguruhs!“ rief er dann in das Mikrophon. „Wie steht's? Findet ihr den Sender nicht? Soll ich euch den Scheinwerfer einschalten?“
„Danke, nein, wir sind gleich da“, antwortete Rai.
Plötzlich schwankte die kleine Rakete leicht. Der Pilot spürte zwar nichts, aber die Gleichgewichtswaage am Armaturenbrett reagierte. Sie sprach selbst auf das kaum fühlbare Schwerefeld des Planetoiden an und zeigte, daß sich die Rakete um einige Grade zur Seite geneigt hatte. Wird die Rakete nun umfallen oder sogar vom Plateau herunterrollen? fragte sich Kioto Yokohata.
Aber es geschah nichts weiter. Wahrscheinlich hatte der poröse Fels unter einem der Federbeine etwas nachgegeben. Oder einer der beiden da draußen hatte eine zu heftige Bewegung gemacht, so daß sich die Sicherheitsleine gespannt hatte.
Als Kioto wieder nach dem Lampenschein der Kundschafter Ausschau hielt, war dieser verschwunden.
„Hallo, Rai, seid ihr endlich ins Ziel gehüpft?“ erkundigte sich Kioto, vergnügt schmunzelnd. „Muß ja ein mächtiger Freudensprung gewesen sein. Ihr hättet mich beinahe umgerissen.“
„Ach, du meine Güte“, vernahm er anstelle einer Antwort Rais Stimme. Sie klang überrascht und fassungslos.
„Was ist los, Jungs?“ rief Kioto beunruhigt.
Er bekam keine Antwort.
„Das ist ja unwahrscheinlich“, hörte er dafür nach einer Weile den Monteur zu Rai Raipur sagen.