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Ein wenig von der dunklen blauen Flüssigkeit tropfte in seinen Mundwinkel. Orgrim leckte mit der Zunge, schmeckte die Flüssigkeit und fand sie süß.

Der Blutfalke setzte sich auf den Arm seines Herrn, seine Krallen griffen tief in das schützende Leder. Ner’zhul ging weiter, während der Falkenmeister die Botschaft entrollte und sie ihm gab. Schnell überflog er das kleine Pergament.

So einfach. Es war so einfach gewesen. Nicht ein einziger Verlust, obwohl einige natürlich verletzt waren. Ihr erster Überfall, und die Orcs waren siegreich auf ganzer Linie gewesen. Schwarzfaust schrieb verächtlich davon, wie schnell sie die Gruppe niedergemacht und ihnen die Schädel zerschmettert hatten. Es geschah alles so, wie Rulkan es ihm versprochen hatte. Ganz sicher würde das Wesen, mit dem Rulkan Kontakt hatte, auch ihm erscheinen. Die Orcs, geführt von Ner’zhul, hatten mit diesem großen Sieg bewiesen, dass sie etwas wert waren.

Er las die Nachricht noch einmal. Schwarzfaust und die Schwarzfels-Orcs waren tatsächlich die richtige Wahl gewesen, um sie gegen die Draenei zu schicken. Sie waren machtvoll und gewalttätig, aber anders als der Kriegshymnen- oder einer der anderen Clans standen sie vollständig unter der Kontrolle ihres Häuptlings.

In dieser Nacht hatte er für sie ein Siegesfest vorbereitet, und sie aßen, tranken, lachten und sangen, bis Ner’zhul ins Bett taumelte und in einen tiefen Schlaf fiel.

Und das Wesen kam.

Es war herrlich, leuchtend, so hell, dass Ner’zhul geblendet war. Er fiel auf die Knie, bebte vor Freude, und Ehrfurcht durchfuhr ihn.

„Du bist gekommen“, flüsterte er. Tränen quollen aus seinen Augen und liefen ihm übers Gesicht. „Ich wusste, wenn ich dir diene, würdest du erscheinen.“

„Das hast du tatsächlich, Ner’zhul, Schamane, Seelenwahrer der Orcs.“ Die Stimme durchdrang seine Knochen, und Ner’zhul schloss seine Augen, denn ihm schwindelte. „Ich habe gesehen, wie meisterlich du dein Volk geführt hast, wie du die Clans vereint hast, mit einem gemeinsamen Ziel, einem herrlichen Ziel.“

„Einem, das durch dich aufgezeigt wurde, Großes Wesen“, entgegente Ner’zhul. Er dachte an Rulkan und fragte sich kurz, warum sie ihm nicht länger erschien. Dann schob er den Gedanken an sie beiseite. Dieses große Wesen stand viel höher als selbst der Schatten seiner geliebten Frau. Ner’zhul sehnte sich nach mehr Worten von dem Großartigen.

„Du kamst zu uns und hast uns die Wahrheit enthüllt“, fuhr Ner’zhul fort. „Wir haben getan, was nötig war.“

„Das habt ihr in der Tat, und ich bin sehr zufrieden mit dir. Ruhm und Ehre und süßer Sieg werden weiterhin dein sein, wenn du tust, was ich sage.“

„Natürlich werde ich das, Großes Wesen. Aber dieser unwürdige Bittsteller fragt nach einem Gefallen.“

Ner’zhul riskierte einen Blick auf das Wesen. Es war riesig, strahlend und rot, mit einem kraftvollen Körper und Beinen, die in Hufen endeten und nach hinten gebogen waren wie bei einem Talbuk...... oder wie bei einem Draenei!

Ner’zhul blinzelte. Es war still, nachdem er seinen Wunsch geäußert hatte, und er meinte, ein plötzliches Frösteln zu spüren. Dann sprach die Stimme wieder in seinem Geist und in seinen Ohren, und sie war immer noch weich und süß wie Honig.

„Frag, und ich entscheide, ob du würdig bist.“

Plötzlich fühlte sich Ner’zhuls Mund trocken an, und die Worte wollten sich nicht formen. Mit Anstrengung sagte er: „Großes Wesen hast du einen Namen, bei dem ich dich rufen kann?“

Ein Lachen rumpelte durch Ner’zhuls Blut. „Ein simpler Wunsch, leicht gewährt. Ja, ich habe einen Namen. Nenne mich Kil’jaeden!“

9

Es ist leicht zu verstehen, warum so viele meiner Zeitgenossen es vorziehen, diese Geschichte ruhen zu lassen. Lasst sie langsam und still in Vergessenheit geraten, durch die Strudel der Zeit rauschen, bis die Oberfläche wieder glatt ist und niemand sich mehr an die Schmach in der Tiefe erinnert. Auch ich fühle diese Schmach, obwohl ich noch gar nicht lebte, als es passierte. Ich sehe sie in Drek’Thars Gesicht, wenn er Teile dieser Geschichte mit brechender Stimme erzählt. Ich sah ihre Last auf Orgrim Schicksalshammer lasten. Grom Hellschrei, Freund und Verräter und dann wieder Freund, hat diese Geschichte völlig erschüttert.

Aber die Geschichte zu leugnen würde bedeuten, dass wir uns selbst zu Opfern machen, statt zuzugeben, dass wir mitschuldig waren an unserem eigenen Untergang. Wir haben so entschieden, wir haben diesen Weg gewählt und sind ihn gegangen, bis es zur Umkehr zu spät war. Wenn wir uns das bewusst machen, werden wir demnächst, in einer ähnlichen Situation, vielleicht anders entscheiden.

Deshalb möchte ich das Zeugnis all derer hören, die diesen Weg beschritten, der beinahe zur Vernichtung unserer Art führte. Ich will verstehen, warum sie jeden einzelnen Schritt gegangen sind, was geschehen ist, dass ihnen auch der nächste Schritt als richtig erschien.

Ich will es wissen, damit ich, sollte so etwas noch einmal passieren, es rechtzeitig erkennen kann.

Die Menschen haben zwei sehr schlaue Redensarten.

Die erste lautet: „Die, die nicht aus der Geschichte lernen, sind verdammt, sie zu wiederholen.“

Und die zweite lautet: „Kenne deinen Feind.“

Velen war tief in seiner Meditation versunken, als Restalaan ihn vorsichtig unterbrach. Er saß im zentralen Innenhof des Tempels von Karabor, aber nicht auf einer der bequemen Bänke, die das rechteckige Becken begrenzten, sondern auf dem harten Stein. Die Luft war erfüllt mit dem Geruch blühender Büsche aus dem wundervollen Garten, und das Wasser plätscherte sanft. In den Blättern der Bäume raschelte der Wind. Ansonsten war alles still und friedlich, aber Velen bekam das nicht mit, denn sein ganzes Sein war nach innen gerichtet.

Schon sehr lange vertrauten die Draenei und die Naaru einander. Die leuchtenden Wesen, die sich so selten entschlossen, eine feste Form anzunehmen, hatten sich zuerst um die vertriebenen Eredar gekümmert, sie dann unterrichtet und waren schließlich zu ihren Freunden geworden. Sie waren gemeinsam gereist und hatten viele Welten gesehen. Jedes Mal hatten die Naaru, besonders das Wesen, das sich selbst K’ure nannte, den Draenei zu fliehen geholfen, wenn die Man’ari sie entdeckt hatten. Und jedes Mal waren Kil’jaeden und die monströsen Kreaturen, die einst Eredar gewesen waren, ihnen ein Stückchen näher gekommen. Velen war immer betrübt, wenn er und sein Volk eine Welt verlassen mussten, um sich selbst zu retten. Er wusste, dass alle Wesen, die sie zurückließen, wie die Eredar verändert werden würden. Kil’jaeden war immer darauf bedacht, die Legion seines dunklen Herrn Sargeras zu vergrößern.

K’ure war darüber ebenso bekümmert wie Velen. Aber er argumentierte in Velens Geist mit der unwiderlegbaren Logik, dass Kil’jaeden, Archimonde und Sargeras ansonsten eine andere Welt in derselben Zeit zerstört hätten. Alle Welten, alle Wesen, alle Völker waren in Sargeras’ Augen erschreckend gleich. Sie alle mussten mit Feuer ausgelöscht werden. Wäre Velen durch die Hände seiner ehemals besten Freunde getötet worden, hätte das keinen der glücklosen Unschuldigen gerettet. Überlebte er aber, so konnte er eines Tages vielleicht die Rettung bringen.

„Wie denn?“, hatte Velen sich einst erregt. „Wie kann mein Leben denn wichtiger und wertvoller sein als das anderer?“

Unsere Vereinigung arbeitet langsam, hatte K’ure geantwortet, aber wir geben niemals auf. Es gibt andere Naaru wie mich, die die jüngeren Völker bereisen. Wenn sie alle bereit sind, werden sie vereint, und vielleicht wird Sargeras dann von denen zu Fall gebracht, die immernoch an das Gute und Wahre glauben. Das ist das zeitlose Gleichgewicht im Universum.