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„Ich habe geschworen zu gehorchen“, sagte Durotan mit genauso leiser Stimme. „Ner’zhul spricht für die Ahnen.“

Draka neigte den Kopf gedankenvoll zur Seite. Ein Sonnenstrahl, der durch ein Loch in der Naht des Zeltes drang, erfasste ihr Gesicht und zeichnete ihr starkes Gebiss und die hohen Wangenknochen scharf nach. Durotans Atem stockte, als er seine geliebte Frau ansah. Bei all dem Chaos, wenn nicht Wahnsinn, schien er durch sie zu sich selbst zu finden und zu seinen Leuten, und dafür empfand er ihr gegenüber Dankbarkeit. Sanft berührte er ihr braunes Gesicht mit seinen scharfen Klauen, und sie schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln.

„Mein Gefährte, ich weiß nicht, ob man Ner’zhul trauen kann“, sagte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.

Er nickte. „Aber wir beide trauen Drek’Thar, und er bestätigte Ner’zhuls Worte. Die Draenei haben sich gegen uns verschworen. Ner’zhul sagt sogar, dass sie darauf bestehen, den Oshu’gun zu betreten.“

Wieder betrachtete der Häuptling des Frostwolf-Clans den Brief. „Ich bin froh, dass Ner’zhul mich nicht gebeten hat, Velen zu töten. Vielleicht können wir ihn, wenn wir ihn erst in unserer Gewalt haben, davon überzeugen, seine Pläne zu ändern. Er wird uns sagen können, warum sie unsere Vernichtung planen. Vielleicht können wir einen Frieden aushandeln.“

Der Gedanke wuchs und beschäftigte ihn. So herrlich sein Leben mit Draka war, so stolz er auf seinen Clan war, wie viel glücklicher wäre er gewesen, wenn er einfach das hätte tun können, was sein Vater getan hatte: die Tiere des Waldes jagen, im Mondlicht tanzen, beim Kosh’harg-Fest den alten Sagen zuhören und sich an der Liebe der Ahnen wärmen. Er hätte es Draka niemals gesagt, aber er war im Stillen froh, dass sie noch kein Kind hatten. Diese Zeit war nicht leicht für Kinder. Die Kindheit wurde ihnen gestohlen, Erwachsenenaufgaben hatte man auf ihre Schultern geladen, die noch nicht breit genug waren, sie auch zu tragen. Wenn Draka ein Kind bekommen hätte, Durotan hätte nicht gezögert, seinen Sohn oder seine Tochter genauso wie die anderen Kinder im Kampf zu trainieren. Er verlangte von anderen Eltern nichts, das er nicht selbst auch zu geben bereit wäre. Aber er war froh, dass er diese Entscheidung nicht fällen musste.

Draka betrachtete ihn mit gerunzelten Augenbrauen. Es war, als könnte sie seine Gedanken lesen.

„Du bist Velen schon begegnet“, sagte sie. „Ich habe dich beobachtet. Du hast versucht, deine Erinnerungen an die Begegnung mit Velen in Einklang zu bringen mit der Nachricht, dass die Draenei unsere Vernichtung planen. Es ist dir nicht leicht gefallen.“

„Und das tut es immer noch nicht“, antwortete er. „Vielleicht ist es ja gut, dass mir diese Aufgabe zugeteilt wurde. Velen wird sich an mich erinnern, da bin ich mir sicher. Er wird mit mir reden, wie er es mit Ner’zhul vielleicht nicht tun würde. Ich wünschte, ich hätte den Brief gesehen, den er geschickt hat.“

Draka seufzte und stand auf. „Ich glaube, das wäre sehr aufschlussreich gewesen“, sagte sie.

Durotan tat es ihr gleich. „Ich werde dem Kurier sagen, dass sein Herr in Ruhe schlafen kann. Ich werde mich nicht vor meiner Pflicht drücken.“

Er spürte ihren besorgten Blick, der sich an seinen Rücken heftete, als er ging.

Velen hielt den violetten Kristall ganz nah an seinem Herzen. Der rote und der gelbe lagen neben ihm, während er meditierte. Der violette warf seinen Schimmer auf seine alabasterfarbene Haut. Die vier anderen befanden sich anderswo auf dem Gebiet der Draenei. Ihre große Macht diente seinem Volk, wenn sie gebraucht wurde. Aber den violetten Stein hatte er immer bei sich.

Seine Kraft öffnete seinen Geist, und so war es, als würde er mit dem Naaru von Angesicht zu Angesicht sprechen. Velen fühlte sich jedes Mal stärker, reiner, sein Geist geschärft, wenn er mit dem violetten Kristall meditierte. Obwohl jeder der sieben Kristalle schön und mächtig war, war dieser der Wertvollste.

Er strengte sich an, um K’ures leises Flüstern zu hören, aber er konnte es nicht verstehen. Velens Herz pochte. Er neigte den Kopf.

Er hörte Stimmen und öffnete die Augen. Restalaan sprach mit einem der Akolythen, dann kam er zu Velen.

„Irgendwelche Neuigkeiten, alter Freund?“, fragte dieser und zeigte auf einen Topf mit heißem Kräutertee.

Restalaan winkte ab. „Gutes und Schlechtes, mein Prophet. Ich bedauere es zutiefst, aber ich muss dich darüber informieren, dass der Kurier, den du zum Schamanenanführer Ner’zhul geschickt hast, von einer Gruppe Orcs getötet wurde.“

Velen schloss die Augen. Der violette Kristall wurde für einen Moment wärmer, als wollte er ihn trösten.

„Ich habe seinen Tod gespürt“, sagte Velen schwer. „Aber ich hatte gehofft, dass es nur ein Unfall war. Bist du dir sicher, dass er ermordet wurde?“

„Ner’zhul behauptet es zumindest, und er äußert keinerlei Bedauern darüber.“ In Restalaans Stimme schwang Wut über diesen Vorfall. Er kniete vor Velen, neben seinem Kristall. Velens dunkle blaue Augen richteten sich auf den Kristall, als dieser einmal kurz pulsierte und so auf Restalaans Gefühle reagierte.

„So viel zu deiner Theorie, dass sie einen unbewaffneten Mann nicht angreifen“, fuhr Restalaan bitter fort.

„Ich hatte auf Besseres gehofft“, entgegnete Velen leise. „Aber du hast auch von guten Neuigkeiten gesprochen?“

Restalaan verzog das Gesicht. „Wenn man es so nennen will. Ner’zhul sagt zu, dass sich eine Orc-Abteilung am Fuße des Bergs mit dir treffen will.“

„Er selbst... kommt nicht?“

Restalaan senkte den Blick und schüttelte den Kopf. „Nein, mein Prophet.“

„Wen schickt er denn?“

„Davon steht in dem Brief nichts.“

„Gib ihn mir.“ Velen streckte die weiße Hand aus, und Restalaan übergab ihm das Pergament. Velen entrollte es und überflog den Brief.

Euer Kurier ist tot. Es war ein Glück, dass die, die ihn getötet haben, ihn durchsuchten und die Botschaft fanden. Ich habe sie gelesen. Ich werde eine Abteilung meiner Orcs zum heiligen Berg schicken, die mit dir reden wird. Ich garantiere für nichts, nicht für deine Sicherheit, nicht für einen Waffenstillstand, für nichts! Aber wir werden dich anhören.

Velen seufzte tief. Das war nicht die Antwort, nach der seine Seele verlangt hatte. Was war los mit den Orcs? Warum, in aller Welt und einiger anderer mehr, waren sie plötzlich so versessen darauf, die Draenei zu vernichten, die sie niemals angegriffen hatten?

Ich garantiere für nichts, hatte Ner’zhul geschrieben.

„Nun gut“, sagte Velen leise. „Dann haben wir eben keine Garantien.“ Er lächelte Restalaan an. „So ist das Leben eben.“

Der Tag war unpassend schön und freundlich, und Durotan blinzelte gegen das grelle frühe Sommerlicht. An einem Tag, an dem er sich so düster und traurig fühlte, hatte das Wetter gefälligst dementsprechend zu sein. Zumindest ein paar Wolken wären schön gewesen. Oder noch passender ein kalter Nieselregen. Aber die Sonne kümmerte das schwere Herz eines Orcs nicht oder gar das Schicksal eines ganzen Volkes. Sie schien so fröhlich, als wäre alles in Ordnung, wo immer auch die Strahlen den Boden berührten. Der Oshu’gun schien fast zu brennen, so grell war das Licht, das von seiner facettenreichen kristallinen Oberfläche reflektiert wurde.

Durotan hatte eine Position der Stärke gewählt. Dort, wo seine Krieger standen, würden sie Velens Reisegruppe viel eher sehen als diese die Orcs. Er hatte sich dazu entschlossen zu warten und den Propheten der Draenei zu ihm kommen zu lassen. Trotzdem hatte er an strategischen Punkten Krieger postiert, sodass sie den Draenei jeden Fluchtweg versperren konnten. Und all diese Orcs waren an diesem herrlichen Tag bis an die Zähne bewaffnet, und die Schamanen waren ebenfalls bereit, mit ihren Kräften ins Geschehen einzugreifen, falls dies nötig wurde.

Wegen ihrer scharfen Augen und ihrer erstklassigen Kampfkünste war Draka ein äußerst guter Kundschafter. Er hatte sie der ersten Gruppe zugeteilt. Sobald Velen auftauchte, würde sie mit Hilfe eines von Drek’Thars Sprüchen ihren Gefährten benachrichtigen.