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Dieser dachte bereits, sein letztes Stündlein habe geschlagen, durfte allerdings unmittelbar darauf durchatmen: »Erstens: Sie nehmen die Personalien von diesem Seelenklempner auf und werfen ihn umgehend aus der Leitung«, bellte Mielke, aufs Äußerste erregt.

»Und zweitens?«, fragte der Leutnant keck.

»Zweitens –«, fuhr Mielke fort, drückte ihm die Morgenpost in die Hand und legte die Stirn in Falten, »Sie setzen sämtliche Hebel in Bewegung, dass der Kriminalkommissar, von dem auf Seite drei die Rede ist, für immer von der Bildfläche verschwindet. Und zwar auf der Stelle.« Mielke warf seinem Büroleiter einen auffordernden Blick zu. »Haben wir uns diesbezüglich verstanden, Genosse? Oder gibt es am Ende noch irgendwelche Fragen?«

»Nein, Genosse Minister.«

»Guter Mann«, antwortete Mielke, machte kehrt und warf die Tür hinter sich zu.

21

Brandenburg an der Havel, Untersuchungshaftanstalt in der Steinstraße | 08.10 h

Flucht oder Strick. Etwas riskieren oder in diesem Dreckloch verrecken. So und nicht anders lautete die Frage.

Laut aufstöhnend vor Schmerzen, biss der 32-jährige Gefangene die Zähne zusammen, richtete sich im Zeitlupentempo auf und horchte auf den Korridor vor seiner Zelle hinaus. Fehlanzeige. Es rührte sich nichts. Das einzige Geräusch, das die bedrückende Stille durchbrach, war sein stoßweises, beinahe asthmatisches Keuchen, unterbrochen von einem Ächzen, das sich wie ein unterdrückter Hilferuf anhörte. Mit das Schlimmste für ihn war ein durchdringender Pfeifton im Ohr, wie vieles andere eine Folge der Verhöre, die er im Verlauf der letzten 24 Stunden hatte durchstehen müssen.

Peinliche Befragungen und anschließend drei Tage Dunkelhaft für unkooperatives Verhalten.

So einfach war das.

Noch hatten sie ihn jedoch nicht kleingekriegt. Solange ein Funke Leben in ihm steckte, würde das auch nicht passieren. Er würde sich zur Wehr setzen, sich mit Zähnen und Klauen verteidigen. Das hatte er sich geschworen. Immer und immer wieder. Und diesen Schwur würde er halten. Allen Versuchen, seinen Willen zu brechen, zum Trotz.

Der einstmals strohblonde, mittlerweile ergraute Schlacks lächelte gequält. All das war freilich leichter gesagt als getan, wenn nicht gar unmöglich. Unter anderem, weil er noch nicht einmal die Hälfte seiner Strafe abgesessen hatte. Damals, kurz nach seinem missglückten Fluchtversuch aus dem NKWD-Speziallager Nr. 3, war das anders gewesen. Zu dieser Zeit war er, Ole Jensen, im Vollbesitz seiner Kräfte, der Krieg erst seit ein paar Wochen zu Ende. Nicht im Traum hätte er zu jener Zeit daran gedacht, länger als ein paar Wochen im Knast sitzen zu müssen. Doch er war eines Besseren belehrt worden. Wieder einmal. Aus ein paar Tagen waren Monate, aus Monaten mittlerweile volle acht Jahre geworden. Die Hälfte hatte er in Berlin-Hohenschönhausen, den Rest innerhalb dieser Mauern absitzen müssen. Aus Gründen, die ihm bis zum heutigen Tage nicht ganz klar waren. Gut und schön, kurz nach Kriegsende war er an die Russen verpfiffen worden. Pech gehabt, keine Frage. Obwohl die vom Coup mit dem Bernsteinzimmer bis zum heutigen Tag nichts mitbekommen hatten. Die Operation Alberich war von Anfang bis Ende wie am Schnürchen gelaufen. Ein verächtlicher Zug trat auf Jensens Gesicht, auf einen Schlag, so schien es, waren sämtliche Blessuren vergessen. Es lief ganz bestimmt nicht so, wie sich das ein gewisser Hans-Hinrich von Oertzen vorgestellt hatte, nichtsdestoweniger mit beträchtlichem Erfolg. Die Alliierten, allen voran die Russen, hatten keine Spur des achten Weltwunders gefunden. Und würden auch keine finden. Es sei denn, er, Ole Jensen, würde sie auf die richtige Spur bringen. Genau das war jedoch ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht etwa, weil er nicht wollte. Für seine Freilassung hätte er alles getan, sogar das Geheimnis, hinter dem offenbar auch die Stasi her war, verraten. Sondern schlicht und ergreifend deshalb, weil er nicht konnte.

Ohne fremde Hilfe, in erster Linie die seiner beiden Kameraden, war er nicht imstande etwas auszurichten. Da konnte ihn die Stasi noch so oft in die Mangel nehmen, ihn foltern, verprügeln, oder mit Schlafentzug an den Rand des psychischen Zusammenbruchs treiben. Nützen würde es den Folterknechten aus der Normannenstraße nichts. Aber auch rein gar nichts.

Wieder halbwegs bei Kräften, stützte sich Jensen auf die Handflächen und streckte seine Beine aus. Dass er dabei ins Leere stieß, überraschte ihn kaum. Aus Erfahrung wusste er, dass die Kellerverliese, in denen die zu Dunkelhaft verurteilten Häftlinge dahinvegetierten, im Gegensatz zu den übrigen Zellen mitunter recht geräumig waren. Nur eine der Methoden, um die Panik, in die man hier automatisch verfiel, noch zu steigern. Jensen holte tief Luft und zwang sich zur Ruhe. Hier galt es, einen kühlen Kopf zu bewahren, unter den gegebenen Umständen allerdings kein leichtes Unterfangen.

Kurze Zeit später, trotz angebrochener Rippe, blutender Nase und verstauchtem Schultergelenk, war es schließlich geschafft. Er hatte sich bis zur gegenüberliegenden Zellenwand vorgearbeitet. Dort machte er eine Kehrtwendung, rutschte auf dem Hosenboden nach hinten und ruhte sich mit schmerzverzerrter Miene aus.

Geschafft!

Fürs Erste jedenfalls. Um die Nerven zu behalten, ließ Jensen seine Gedanken geraume Zeit später erneut in die Vergangenheit abschweifen. Wie lange war das mit dem Bernsteinzimmer doch gleich her? Genau. Acht Jahre, zwei Monate und sieben Tage. Wenn es einen Tag gab, der sich ihm mehr als alle anderen ins Gedächtnis eingegraben hatte, war es der 10. April 1945 gewesen. Dieses Datum würde er so schnell nicht vergessen. Und die drei anderen, von Oertzen mit eingeschlossen, vermutlich auch nicht. Jensen fuhr mit der Handfläche an den Nasenlöchern entlang und stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Wenigstens hatte seine Nase aufgehört zu bluten. Für den Anfang gar nicht so schlecht.

Zurück zu von Oertzen, ermahnte er sich in der Absicht, die schmerzende Schulter so gut es ging zu ignorieren. Zu seiner klammheimlichen Freude hatte der Herr Standartenführer sein Fett abbekommen, wenn auch nicht so, wie er sich das gewünscht hatte. Wäre es nach ihm gegangen, hätte dieser arrogante Pinkel den nächsten Tag mit Sicherheit nicht mehr erlebt.

Wie immer, wenn Jensen an den 10. April dachte, wandten sich seine Gedanken dem eigentlichen Grund seines Hierseins zu. Logisch, er hatte versucht zu türmen, nicht einmal drei Tage nach seiner Arretierung im Speziallager Nr. 3. Dafür hatten ihm die Russen 20 Jahre aufgebrummt. Inklusive Zwangsarbeit in Sibirien. Das eigentlich Verwunderliche daran war jedoch, dass die Strafe nicht vollzogen und die gefürchtete Deportation nicht stattgefunden hatte. Allein das war ihm ein Rätsel gewesen, am heutigen Tage mehr denn je. Ein fast so großes wie das plötzliche Verschwinden von SS-Obersturmbannführer Curt Holländer, der ihm im Speziallager über den Weg gelaufen und von jetzt auf nachher wie vom Erdboden verschluckt gewesen war. Dafür musste es einen Grund geben, wenngleich er bezweifelte, dass er ihn jemals erfahren würde.

Seit damals waren mehr als acht Jahre vergangen, und es war an der Zeit, endlich einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen. Wären da nicht die Verhöre der letzten Tage gewesen, die allesamt um das gleiche Thema gekreist waren.