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Und was ein, zwei Meter Höhe anging — naja, sie würde nur ungern das Einzugsgebiet der Gräber verlassen und weiter ins Gebirge vorstoßen, wo der Copper River in schmalen Rinnen zwischen schieferscharfem Felsgestein dahinschoss. Davor und bis da vertraute sie voll und ganz ihren Füßen.

Was also machte ihr noch Angst?

Irgendeines von zehntausend unerwarteten Ereignissen, dachte Zoe. Ganz zu schweigen von ihrer Gemütsverfassung.

Nicht, dass es ihr schlecht ging. Im Gegenteil. So wechselhaft ihr zumute gewesen war, im Moment fühlte sie sich überraschend fit, schritt aus im Sonnenschein und ließ die Arme schwingen mit einem Gefühl von Freiheit, wie sie es seit der Kinderkrippe nicht mehr empfunden hatte. Der Pfad folgte einem niedrigen Hügelkamm Richtung Osten. Manchmal trug er sie so hoch hinauf, dass sie das grüne Dach des Waldes sehen konnte, das sich gen Westen senkte, so dicht und geschlossen wie ein wohl gehütetes Geheimnis. Das alles berührte sie — sie hatte kein besseres Wort dafür —, berührte sie, wie sie es nicht für möglich gehalten hätte; gerade so als hätte sie Yambuku verlassen und zuvor keine schützende Membran angelegt, sondern eine abgestreift. Sie war wie ein offener Nerv; beim schieren Anblick des blauen Himmels hätte sie vor Freude weinen mögen.

Sie fand keine Erklärung für diese Stimmungsschwankungen… es sei denn, sie lief aus dem Ruder. War das denkbar? Thymostaten waren einfache homöostatische Maschinen; sie arbeiteten absolut wartungsfrei und zuverlässig. Eine gestörte Bioregulation musste doch Spuren in der medizinischen Telemetrie hinterlassen?

Egal, raunte irgendein separatistischer Teil von ihr. Sie lebte — sie war lange nicht mehr so lebendig gewesen — und das gefiel ihr.

Gefiel ihr fast so sehr wie es ihr Angst machte.

Lange vor Einbruch der Dunkelheit machte sie Halt; die Roboter erkannten die potenziellen Lagerplätze durch Mustervergleich. Der Hügelkamm erweiterte sich hier zu einem felsigen Plateau, im Mutterboden zwischen den glazialen Felsplatten saßen Büschel grüner Fettpflanzen. Das Zelt aufzuschlagen war ein Kinderspiel — es war so intelligent, dass es die meiste Arbeit selbst besorgte —, die Verankerung war da schon schwieriger. Zoe trieb Pflöcke in Steinspalten und in ausgefüllte Hohlräume und vertäute das Zelt auf altmodische Weise. Sie rief den Wetterbericht ab, nichts hatte sich geändert seit heute Morgen: wolkenlos, windstill. Isis zeigte sich von der besten Seite.

Nach einem hastigen Imbiss meldete sie sich bei Dieter. Alles wie gehabt, meinte Dieter, außer dass Avrion Theophilus, dieser mysteriöse Mensch von Devices & Personnel, den nächsten Shuttle nach Yambuku gebucht hatte.

Theo in Yambuku, dachte Zoe.

So wie sie drauf war, hätte sie sich freuen müssen.

Warum tat sie es bloß nicht?

* * *

Die Sonne versank hinter den Copper Mountains. Zoe beendete die umständliche Prozedur der Nahrungsaufnahme durch den Anzug hindurch und wollte eben einen neuen Angriff auf die Zitadelle des Schlafs starten, als ein Alarmsignal in ihr Hornhautdisplay platzte. Diesmal gehörte die Stimme Lee Reisman, Dieters Ablösung. »Wir haben ein großes Tier in Ihrer Nähe«, sagte Lee, dann: »Wau! Das ist ja ein Gräber!«

Sie war sofort hellwach. »Kommt er näher?«

»Nein… nach den Telesensorien hält er etwa hundert Meter Abstand. Roboter sind positioniert, um ihn abzufangen, aber…«

»Lassen Sie ihn mal in Ruhe.«

»Zoe? Das ist jetzt nicht der Augenblick, um Kontakt aufzunehmen.«

»Ich will nur einen Blick auf ihn werfen.«

Sie krabbelte aus dem Zelt in den dunklen Abend hinaus. In dem Maße, wie sie ihre Sehkraft aufdrehte, glühten die Schieferfelsen auf; das Gestein gab ab, was es tagsüber an Wärme aufgenommen hatte. Sie hatte befürchtet, den Gräber kaum noch ausmachen zu können, doch sie sah ihn sofort und optimierte die Einstellung ihrer Membranlinsen.

Sie erkannte ihn an den langen, weißen Schnurrhaaren, diesen abgespreizten Tastorganen unter den Augen: Das war der Alte, wie Hayes ihn genannt hatte.

Sie betrachtete den Alten, und der Alte betrachtete sie.

Es war beim besten Willen nicht möglich, in dieses Gesicht etwas hineinzulesen. Wir projizieren unsere Emotionen auf andere Lebewesen, überlegte Zoe; Katzen und Hunden glauben wir anzusehen, was in ihnen vorgeht; doch dieser Gräber war so unergründlich wie ein Hummer. Die Augen zum Beispiel. Bei jeder Kreatur, die größer war als ein Käfer, waren die Augen das eigentliche Orakel; doch die Augen des Gräbers waren einfache, schwarze Ellipsoide in einem Bett aus körnigem Fleisch. Tintenblasen. Fenster, aus denen Zoe sich von einem trüben Dreiviertelbewusstsein kühl beobachtet fühlte.

»Alter«, sagte sie leise. Neugieriger Alter.

Der Alte blinzelte — ein silbriger Funke auf schimmerndem Schwarz —, dann wandte er sich ab und trottete davon.

Dreizehn

Was Hayes wirklich in Schach gehalten und wovon er Zoe nichts erzählt hatte, war eine Kaskade von Dichtungspannen. Er wünschte sich unwillkürlich Mac Feya zurück — Mac hatte sich auf das Flicken von Dichtungen verstanden. Abgesehen von der einen, die ihn umgebracht hatte.

Lee, Sharon und Kwame waren ungemein tüchtige Ingenieure, aber sie waren physisch überfordert, versuchten, mit einem Minimum an Schlaf auszukommen. Momentan schien die Lage stabil — die Dichtungen waren ausgetauscht und Proben des erodierten Materials warteten im Glove-Box-Archiv. Hayes hatte die Arbeiten minutiös verfolgt. Dieter Franklin nahm Hayes mit in sein Labor, um ihm zu zeigen, wie sich die Bakterien auf dem Dichtungsmaterial veränderten. Die zunehmende Dichte der fibrillären Substanz im Zellkörper, Mikrotubuli, die sich wie DNS ringelten, wo vor einem Monat nur ein paar vereinzelte Fäden gewesen waren. Auch die körnigen Strukturen auf der Zelloberfläche waren neu, die höchst gegensätzlichen Moleküle, die sie synthetisierten und absonderten, gruben sich ringsherum in das Dichtungsmaterial. Dieter wies auf den Bildschirm, der eben zum Leben erwachte. »Das ist nicht mehr der Organismus, mit dem wir es vor sechs Monaten zu tun hatten.«

»Selbes Genom, selber Organismus«, sagte Hayes.

»Dasselbe Genom, aber es drückt sich radikal anders aus.«

»Reagiert also auf die Umwelt.«

»Und nicht zu knapp. Man könnte meinen, es versucht regelrecht in die Station einzubrechen.«

Der Übertreibung nach müsste Dieter zum Gamma Stone-Clan gehören. »Sie wachsen, weil wir sie füttern.«

»Sie sterben so rasch wie sie wachsen.«

Das stimmte. Verpackt in seiner Außenmontur hatte auch Hayes mit Hand angelegt, um den Filz aus abgestorbenen Bakterien von der Außenwand der Station zu schrubben. Kamikaze-Bakterien? »Ich glaube nicht, dass sie die Absicht haben, uns zu töten, Dieter.«

»Eine Annahme, die uns zum Verhängnis werden könnte.«

* * *

Hayes arbeite von früh bis spät, hieß es. Er kenne keinen Schlaf.

In letzter Zeit war das nur allzu wahr gewesen. Er hatte persönlich einen Großteil von Zoes erweitertem Außenaufenthalt überwacht, ganz zu schweigen von der Koordination der Dichtungsreparaturen und einem kompletten Filteraustausch in einem der großen Klimaaggregate. Er schlief durchschnittlich vier bis fünf Stunden pro Nacht und war manchmal überglücklich, wenn er so lange schlafen durfte. Der Schlafentzug hatte ihn reizbar und überempfindlich gemacht. Zum ersten Mal in seinem Leben beneidete er die Terrestrier um ihre Thymostaten. Er musste mit koffeinhaltigen Getränken und seiner Willenskraft auskommen, den Bioreglern des kleinen Mannes.