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Langsam schleppte er mich über den Schulhof. Als wir um die Ecke der Cafeteria gebogen waren und von Haus vier aus – falls Mr Banner aus dem Fenster guckte – nicht mehr gesehen werden konnten, blieb ich stehen.

»Lässt du mich mal hinsetzen, kurz?«, bat ich ihn.

Er half mir dabei, mich auf den Boden zu setzen.

»Und nimm auf keinen Fall deine Hand aus der Tasche«, warnte ich ihn. Mir war immer noch verdammt schwindlig. Ich ließ mich zur Seite sacken, legte meine Wange auf den kalten, feuchten Beton und schloss die Augen. Das schien ein wenig zu helfen.

»Gott, Bella, du bist ganz grün«, sagte Mike nervös.

»Bella?«, rief eine andere Stimme aus der Entfernung.

Nein! Bitte, lass es nicht wahr sein, lass es nicht diese schrecklich vertraute Stimme sein.

»Was ist passiert – ist sie verletzt?« Seine Stimme war jetzt ganz nah – und besorgt. Er war keine Einbildung. Ich kniff meine Augen zu und wollte sterben. Oder wenigstens nicht kotzen.

Mike klang überfordert. »Ich glaube, sie ist einfach zusammengeklappt. Ich weiß auch nicht, was passiert ist, sie hatte sich noch nicht mal in den Finger gestochen.«

»Bella.« Edwards Stimme war jetzt ganz nah – und erleichtert. »Hörst du mich?«

»Nein«, stöhnte ich. »Geh weg.«

Er lachte leise.

»Ich war gerade dabei, sie zur Schwester zu bringen«, erklärte Mike. »Aber dann konnte sie nicht mehr weiterlaufen.«

»Ich bringe sie hin«, sagte Edward. Ich hörte immer noch das Schmunzeln in seiner Stimme. »Du kannst wieder zurückgehen.«

»Nein«, protestierte Mike. »Ich soll das machen.«

Plötzlich verschwand der Gehweg unter mir. Erschrocken flogen meine Arme zur Seite. Edward hatte mich mit einer Leichtigkeit auf seine Arme geladen, als würde ich fünf Kilo wiegen und nicht 55.

»Lass mich runter!« Bitte, bitte, mach, dass ich mich jetzt nicht übergebe, dachte ich panisch. Er war schon losgelaufen, bevor ich meinen Satz überhaupt beenden konnte.

»Hey!«, rief Mike, der bereits zehn Schritte hinter uns war.

Edward ignorierte ihn. »Du siehst furchtbar aus«, teilte er mir grinsend mit.

»Lass mich runter«, jammerte ich. Das Auf und Ab der Bewegung förderte nicht unbedingt mein Wohlbefinden. Er hielt mich behutsam von seinem Körper weg, so dass mein gesamtes Gewicht auf seinen Armen lastete. Es schien ihm nichts auszumachen.

»Du fällst also in Ohnmacht, wenn du Blut siehst?«, fragte er. Es schien ihn zu erheitern.

Ich antwortete nicht, sondern schloss meine Augen, presste meine Lippen zusammen und kämpfte mit ganzer Kraft gegen den Schwindel an.

Keine Ahnung, wie er mit mir auf seinen Armen die Tür öffnete, aber plötzlich wurde es warm, und ich wusste, wir waren im Gebäude.

»Ach herrje«, hörte ich eine Frau hervorstoßen.

»Sie ist in Bio zusammengeklappt«, erklärte Edward.

Ich öffnete meine Augen. Wir befanden uns im Sekretariat, und Edward lief mit langen Schritten am Empfangstresen vorbei zum Krankenzimmer. Ms Cope, die rothaarige Sekretärin, rannte ihm voraus, um die Tür aufzuhalten. Die großmütterliche Krankenschwester blickte erstaunt von einem Roman auf, als Edward mich ins Zimmer hineintrug und sanft auf dem raschelnden Papier der Krankenliege ablegte. Dann lehnte er sich an die Wand, so weit entfernt von mir, wie es der schmale Raum zuließ. Seine Augen glänzten vor Aufregung.

»Ihr ist nur ein bisschen schwarz vor Augen geworden«, beruhigte er die erschrockene Schwester. »Sie ermitteln Blutgruppen in Bio.«

Die Schwester nickte wissend. »Einen gibt es jedes Mal.«

Er unterdrückte ein Kichern.

»Du Ärmste, bleib einfach eine Weile liegen; es wird gleich besser werden.«

»Ich weiß«, seufzte ich. Das Schwindelgefühl ebbte bereits ab.

»Passiert dir das öfter?«, fragte sie.

»Manchmal«, gab ich zu. Edward hüstelte, um nicht lachen zu müssen.

»Du kannst wieder zum Unterricht gehen«, sagte sie zu ihm.

»Ich soll bei ihr bleiben.« Er sagte das mit einer solch selbstverständlichen Autorität, dass die Schwester – obwohl sie misstrauisch ihre Lippen schürzte – nicht weiter nachfragte.

»Ich geh etwas Eis für deine Stirn holen, Kindchen«, sagte sie zu mir und eilte geschäftig aus dem Raum.

»Du hattest Recht«, stöhnte ich und ließ meine Augenlider zufallen.

»Normalerweise schon – aber womit denn speziell?«

»Schwänzen ist tatsächlich gut für die Gesundheit.« Ich konzentrierte mich darauf, regelmäßig zu atmen.

»Einen Moment lang hatte ich wirklich Angst«, gestand er nach ein paar Sekunden Stille. Es klang, als bekenne er sich zu einer peinlichen Schwäche. »Ich dachte, Newton zerrt deine Leiche in den Wald, um sie zu vergraben.«

»Haha.« Meine Augen waren noch immer geschlossen, aber ich fühlte mich mit jeder Minute normaler.

»Ehrlich – ich hab schon Leichen gesehen, die eine gesündere Gesichtsfarbe hatten als du. Ich dachte schon, ich müsste deine Ermordung rächen.«

»Armer Mike. Er ist bestimmt sauer.«

»Er verabscheut mich zutiefst«, sagte Edward fröhlich.

»Das weißt du doch gar nicht«, widersprach ich, aber dann fragte ich mich plötzlich, ob er es nicht doch wusste.

»Ich hab sein Gesicht gesehen – das war eindeutig.«

»Wie hast du mich überhaupt gesehen? Ich dachte, du schwänzt?« Mir ging’s fast wieder gut, obwohl die Übelkeit wahrscheinlich schneller verschwunden wäre, wenn ich in der Mittagspause etwas gegessen hätte. Andererseits – vielleicht war es ganz gut, dass mein Magen leer war.

»Ich saß im Auto und hab Musik gehört.« Ich war überrascht – eine völlig normale Antwort!

Ich hörte die Tür aufgehen; die Schwester kam mit einer kalten Kompresse in der Hand zu mir.

»So, meine Liebe.« Sie platzierte sie auf meiner Stirn. »Du siehst schon besser aus«, fügte sie hinzu.

»Ich glaub, mir geht’s wieder gut«, sagte ich und setzte mich auf. Ich hatte noch ein leichtes Klingen in den Ohren, aber es drehte sich nichts mehr. Die mintgrünen Wände blieben, wo sie hingehörten.

Ich sah, dass sie mich dazu bewegen wollte, mich wieder hinzulegen, doch da öffnete sich die Tür und Ms Cope steckte ihren Kopf herein.

»Da kommt noch einer«, sagte sie.

Ich sprang von der Liege, um Platz für den nächsten Invaliden zu machen, und reichte der Schwester die Kompresse. »Hier, ich brauch sie nicht mehr.«

Und dann wankte Mike mit dem kreidebleichen Lee Stephens, der auch mit uns Bio hatte, zur Tür herein. Edward und ich drückten uns gegen die Wand, um ihnen Platz zu machen.

»O nein«, murmelte Edward. »Geh raus, Bella.«

Verwirrt blickte ich zu ihm auf.

»Vertrau mir – los.«

Ich drehte mich um, fing die Tür ab, bevor sie ins Schloss fallen konnte, und stürzte aus dem Krankenzimmer. Ich spürte, dass er unmittelbar hinter mir war.

»Du hast tatsächlich auf mich gehört.« Er war verblüfft.

»Ich hab das Blut gerochen«, sagte ich mit gerümpfter Nase. Lee hatte, anders als ich, nicht schlappgemacht, weil er fremdes Blut gesehen hatte, sondern sein eigenes.

»Menschen können kein Blut riechen«, widersprach Edward.

»Ich schon – das ist es ja gerade, was ich nicht vertrage. Es riecht nach rostigem Metall … und Salz.«

Er starrte mich mit einem unergründlichen Ausdruck an.

»Was ist denn?«, fragte ich.

»Nichts.«

Mike kam aus dem Krankenzimmer und schaute von mir zu Edward. Und die Art, wie er ihn anschaute, bestätigte Edwards Überzeugung: Mike verabscheute ihn. Dann richtete er seine Augen wieder auf mich; sie waren voller Kummer.

»Du siehst besser aus«, sagte er anklagend.

»Solange du deine Hand nicht aus der Tasche nimmst«, warnte ich ihn noch einmal.

»Es blutet nicht mehr«, brummelte er. »Kommst du wieder mit zurück?«

»Soll das ein Witz sein? Da kann ich auch gleich hierbleiben.«

»Ja, wahrscheinlich … Also, wie sieht’s aus bei dir dieses Wochenende – kommst du mit? Zum Strand?« Während er sprach, warf er abermals einen wütenden Blick auf Edward, der bewegungslos wie eine Skulptur am unaufgeräumten Empfangstresen lehnte und in die Luft starrte.