So viel Lob machte Geary skeptisch, und er begann zu grübeln, was der Mann beabsichtigte. »Das ging aber schnell.«
Den unterschwelligen Sarkasmus schien Captain Falco nicht zu bemerken, da er sich hinsetzte und auf das Display zeigte, das die Umgebung des Sutrah-Systems darstellte. »Ich sage Ihnen, was wir tun sollten. Der direkte Weg ins Allianz-Gebiet führt über Vidha. Von dort …«
»Vidha verfügt über ein Hypernet-Portal der Syndiks«, unterbrach Geary ihn sofort. »Da das unser wahrscheinlichstes Ziel ist und die Syndiks dort schnell ihre Truppen zusammenziehen können, wird uns dort erheblicher Widerstand begegnen, ganz abgesehen davon, dass die Sprungpunkte massiv vermint sein werden.«
Falco runzelte wieder die Stirn, was bei ihm automatisch der Fall zu sein schien, sobald er in seinem Redefluss gestoppt wurde. Er bekam sich aber gleich wieder in den Griff und spielte den respektvollen Kollegen. »Diese Flotte kann jeden Syndik-Widerstand überwinden«, erklärte er. »Das muss ich einem Befehlshaber wie Ihnen wohl nicht erst noch sagen. Diese Flotte hat die Initiative ergriffen und befindet sich in einer Vorwärtsbewegung, die jetzt nicht gebremst werden darf. Sie wissen, wie wichtig es ist, den Feind weiterhin dazu zu zwingen, auf unsere Schachzüge zu reagieren. Also, von Vidha aus …«
»Wir fliegen nicht nach Vidha.« Da Falco nicht fähig zu sein schien, Andeutungen zu begreifen, musste Geary seine Einstellung deutlich zum Ausdruck bringen — obwohl er eine gewisse Bewunderung für Falcos Art empfand, seine eigenen Ideen so zu formulieren, dass ein vernünftiger Befehlshaber wie Geary eigentlich gar nichts dagegen einwenden konnte.
Es dauerte eine Weile, bis Gearys Worte zu seinem Gegenüber durchdrangen. Unerwartete Entwicklungen schienen den Mann auf eine Weise aus dem Konzept zu bringen, dass Geary nur staunen konnte. War es nur gespielt, um seine Kontrahenten zu täuschen, damit sie ihn unterschätzten? In den alten Unterlagen war Geary auf keine Hinweise gestoßen, die eine solche Taktik erwähnten.
Schließlich schüttelte Captain Falco den Kopf. »Mir ist klar, dass uns bei Vidha Syndik-Streitkräfte erwarten werden. So wie wir sehen die Syndiks Vidha auch als die einzige vernünftige Alternative an.«
Dass er Begriffe wie »wir« und »uns« einfließen ließ, war ebenfalls eine kluge Taktik, musste Geary dem Mann zugestehen.
»Von dort gelangen wir nicht nur zügig zurück ins Allianz-Gebiet, wir bekommen auch die Gelegenheit, die bei Vidha lauernden Syndiks vernichtend zu schlagen.«
»Ich betrachte das eher als eine Gelegenheit, barfuß in einen Korb voller Skorpione zu steigen«, hielt Geary dagegen. »Unsere beste Wahl ist immer noch die, dann einen Kampf zu beginnen, wenn wir den Ort und den Zeitpunkt bestimmen können. Wenn wir nach Vidha reisen, bestimmen die Syndiks darüber. Bei Vidha können wir bestenfalls damit rechnen, massive Verluste zu erleiden und alle Überlebenden im nächsten System zur leichten Beute für den Feind zu machen, wenn wir überhaupt noch eines erreichen.«
Falco zog die Augenbrauen zusammen und machte eine lange Pause, um Gearys Worte zu verarbeiten. »Ich verstehe. Sie betrachten das Ganze unter dem materiellen Gesichtspunkt.« Er ließ es klingen, als sei das eine fehlgeleitete, wenn auch nicht völlig unvernünftige Einstellung.
»Materieller Gesichtspunkt?«, wiederholte Geary. »Sie meinen Dinge wie Anzahl und die Art der Gegner? Eingerichtete Minenfelder? Feste Verteidigungsanlagen, die nur darauf warten, die mobilen Einheiten zu unterstützen?«
»Ja, genau«, meinte Falco strahlend und ließ Bewunderung für Gearys Verständnis erkennen. »Das sind völlig zweitrangige Faktoren. Sie wissen das! Sie sind Black Jack Geary! Die Moral steht in einem Verhältnis von drei zu eins zum Material! Mit uns als Befehlshabern …« Falco zögerte und lächelte gut gelaunt. »Mit Ihnen als Befehlshaber und mit mir an Ihrer Seite besitzt diese Flotte eine überwältigende moralische Überlegenheit. Die Syndiks werden in heller Aufregung die Flucht ergreifen, und wir werden keine Schwierigkeiten haben, sie zu zermalmen.«
Geary fragte sich, ob er sich einfach nicht anmerken lassen wollte, wie entsetzt er war. Die Feuerkraft zu einem zweitrangigen Faktor nach der Moral zu erklären! Zugegeben, die Moral zählte auch, aber seit Geary das Kommando übernommen hatte, waren ihm die Syndiks nicht als so schlecht ausgebildet und so unmotiviert erschienen, dass sie sich von der Allianz-Flotte in Panik versetzen lassen würden. »Captain Falco, diese Flotte hat bei Kaliban gegen eine erhebliche Syndik-Streitmacht gekämpft. Sie hat nicht besonders gut gekämpft, aber sie hat gekämpft.«
»Ich habe mir die Aufzeichnungen dieser Schlacht angesehen«, merkte Falco an. »Für Ihre Anstrengungen sind Sie wirklich zu beglückwünschen. Aber sehen Sie doch nur, wie wenige unserer Schiffe wir verloren haben! Die Syndiks haben so schlecht gekämpft, weil unsere moralische Kraft sie überwältigt hat!«
»Die Syndiks wurden überwältigt, weil wir zahlenmäßig überlegen waren und weil wir alte Taktiken eingesetzt haben, auf die sie nicht vorbereitet waren«, berichtigte Geary ihn. »Bislang habe ich immer wieder erleben müssen, dass die Syndiks sogar dann kämpfen, wenn sie hoffnungslos unterlegen sind und wenn der gesunde Menschenverstand ihnen vorschreibt, dass man besser keine Flotte herausfordert, die in der Lage ist, ganze Planeten zu zerstören.«
»Niemand hat gesagt, dass die Syndiks schlau sind«, tat Falco mit einem erneuten Lächeln kund. »Unser Ziel ist es, die Syndik-Flotte in einen Kampf zu verwickeln und dabei auszulöschen. Wenn die blindlings in ihr Verderben laufen wollen, kommt uns das nur umso gelegener.«
»Mein Ziel ist, diese Flotte so vollständig wie möglich nach Hause zu bringen«, machte Geary ihm klar. Einen Moment lang überlegte er, ob er Falco von dem Hypernet-Schlüssel erzählen sollte, der sich an Bord der Dauntless befand, verwarf diesen Gedanken aber gleich wieder. Nach allem, was er bislang von dem Mann zu sehen und zu hören bekommen hatte, wollte er Falco einfach nicht eine so heikle Information anvertrauen. »Ich hoffe, wir können den Syndiks dabei erheblichen Schaden zufügen, aber das oberste Ziel ist und bleibt, diese Flotte heimzubringen.«
Falco starrte Geary an und war diesmal offenbar richtig schockiert. »Sie können doch nicht eine solche Gelegenheit zum Kämpfen ungenutzt verstreichen lassen!«
Geary stand auf und ging langsam in seiner Kabine auf und ab, ohne den anderen Captain anzusehen. »Warum nicht?«
»Das ist … das ist eine Allianz-Flotte!«
»Ganz genau.« Er warf Falco einen ausdruckslosen Blick zu. »Und ich habe nicht vor, sie grundlos in ihren Untergang zu führen. Damit würden wir nur den Syndiks einen Gefallen tun. Wie ich bereits erwähnte, kämpfe ich nach Möglichkeit immer nur, wenn und wo ich es will.«
»Aber Sie sind Black Jack Geary!«
»Ich bin John Geary, und ich werde weder die Schiffe dieser Flotte noch ihre Besatzungsmitglieder einem Risiko aussetzen.«
Falco hatte den Schock überwunden und setzte eine verbohrte Miene auf. »Das ist unglaublich. Wenn die Befehlshaber unserer Schiffe abstimmen …«
»Es wird nicht darüber abgestimmt, welche Maßnahmen in dieser Flotte ergriffen werden, Captain Falco.«
Das schien den Mann noch mehr zu erschüttern als alles, was Geary bislang gesagt hatte. Er war mittlerweile davon überzeugt, dass Falcos Geschick, so wie das von Admiral Bloch, sich ganz auf ein politisches Taktieren konzentrierte, um den Ausgang solcher Abstimmungen zu seinen Gunsten zu manipulieren. Vermutlich hatte Falco seine größten Siege am Konferenztisch errungen, aber nicht auf dem Schlachtfeld. Auf einmal redete Falco langsam weiter, als sei es ihm wichtig, dass Geary etwas begriff. »Die Tradition verlangt, dass die Weisheit und die Erfahrung eines jeden Schiffskommandeurs bei der Entscheidung über die Vorgehensweise der Flotte eine Rolle spielen.«