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Hier war jetzt mehr denn je ihr Zufluchtsort. Wenn sie durch die Tür trat und sah, was sie geschaffen hatte, stieg unweigerlich ihre Laune, und sie fand etwas Ruhe vor ihren Problemen.

Nach dem schrecklichen Erlebnis mit Streck wirkte das helle Zimmer wie immer beruhigend auf Nora. Sie setzte sich ans Zeichenbrett und fing eine Bleistiftskizze an, Vorstudie für ein Ölgemälde, das sie schon seit einiger Zeit zu malen vorhatte. Zuerst zitterten ihr die Hände, und sie mußte mehrere Male innehalten, um genügend Kontrolle über sich zu gewinnen und weiterzeichnen zu können. Aber mit der Zeit legte sich ihre Angst.

Sie konnte bei der Arbeit sogar an Streck denken und sich auszumalen versuchen, wie weit er wohl gegangen wäre, wenn sie es nicht geschafft hätte, ihn aus dem Haus zu manövrieren. In letzter Zeit hatte Nora sich gefragt, ob Violet Devons pessimistische Betrachtungsweise hinsichtlich der Welt und aller anderen Menschen richtig war; obwohl das der Einstellung entsprach, die man ihr, Nora, beigebracht hatte, quälte sie der Verdacht, dies sei vielleicht verdreht, ja krankhaft. Nun aber war sie Art Streck begegnet, und dieser schien ein hinreichendes Argument für Violets Ansichten zu sein, ein Beweis dafür, daß es gefährlich war, sich zu sehr mit der Welt draußen einzulassen.

Nach einer Weile, ihre Skizze war zur Hälfte fertig, begann Nora zu denken, sie habe möglicherweise alles, was Streck gesagt und getan hatte, falsch interpretiert. Er hatte ihr bestimmt keinen unsittlichen Antrag machen wollen. Ihr doch nicht,

Sie war schließlich alles andere als begehrenswert. Schlicht. Hausbacken, Vielleicht sogar häßlich, Nora wußte, dies war so, denn ganz gleich, was Violet für Fehler gehabt haben mochte, die alte Frau hatte auch einige Tugenden besessen, und eine davon war gewesen, nie um die Dinge herumzureden. Nora war unattraktiv, langweilig - einfach keine Frau, die erwarten durfte, daß jemand sie an sich drücken, küssen, zärtlich lieben wollte: eine Tatsache im Leben, die Tante Violet ihr schon in frühen Jahren begreiflich gemacht hatte.

Obwohl als Person abstoßend, war Streck in körperlicher Hinsicht ein attraktiver Mann; einer, der seine Wahl unter hübschen Frauen treffen konnte. Es war lächerlich, anzunehmen, er würde sich für ein Aschenbrödel wie sie interessieren. Nora trug immer noch die Kleider, die ihre Tante für sie gekauft hatte - dunkle, formlose Kleider, Röcke und Blusen, ähnlich denen, die Violet getragen hatte. Farbenfrohere, feminine Kleidung würde nur die Aufmerksamkeit auf ihren knochigen, ungrazilen Körper und ihr reizloses, wenig anziehendes Gesicht lenken,

Aber warum hatte Streck gesagt, sie sei hübsch?

Nun, das ließ sich leicht erklären; Er machte sich vielleicht über sie lustig, Oder, was wahrscheinlicher war, er wollte höflich und nett sein,

Je mehr sie darüber nachdachte, je mehr glaubte Nora, daß sie dem armen Mann unrecht getan habe, Jetzt war sie dreißig und bereits eine hysterische alte Jungfer, von Ängsten ebensosehr heimgesucht wie von Einsamkeit geplagt.

Eine Weile bedrückte sie dieser Gedanke. Aber mit verdoppeltem Eifer arbeitete sie an ihrer Skizze, beendete sie und fing eine andere, aus anderer Perspektive, an. Während das Licht des Nachmittags verblaßte, fand sie Zuflucht in ihrer Kunst.

Von unten hallten die Glockentöne der alten Großvateruhr pünktlich jede volle, halbe und Viertelstunde zu ihr herauf.

Die im Westen niedersinkende Sonne färbte sich golden, als mehr Zeit verstrich. Im Zimmer wurde es heller. Die Luft selbst schien Licht auszusenden. Draußen vor dem Südfenster wiegte sich eine Königspalme sanft in der Maibrise.

Um vier Uhr hatte sie ihren Frieden gefunden, summte beim Arbeiten vor sich hin.

Als das Telefon klingelte, schreckte sie hoch,

Sie legte den Bleistift hin und griff nach dem Hörer. »Hallo?« »Komisch«, sagte ein Mann,

»Wie bitte?«

»Die haben nie von ihm gehört.«

»Tut mir leid«, sagte sie, »aber ich glaube, Sie haben die falsche Nummer.«

»Das sind doch Sie, Mrs. Devon?«

Jetzt erkannte sie die Stimme. Er war es. Streck.

Einen Augenblick lang brachte sie keinen Ton heraus.

»Die haben nie von ihm gehört«, sagte er. »Ich habe die Polizei von Santa Barabara angerufen und Officer Devon verlangt. Aber die sagten, sie haben keinen Officer Devon. Ist das nicht eigenartig, Mrs. Devon?«

»Was wollen Sie?« fragte sie mit schwacher Stimme.

»Ich stell' mir vor, da ist ein Computerfehler passiert«, sagte Streck und lachte leise. »Aber ja, sicher! Irgendein blöder Computer hat Ihren Mann aus den Akten entfernt. Ich finde,

Sie sollten ihm das am besten gleich sagen, wenn er nach Hause kommt, Mrs, Devon, Wenn er das nicht in Ordnung bringt,... nun, zum Teufel, dann kriegt er vielleicht am Ende der Woche seinen Scheck nicht.«

Er legte auf, und beim Ton des Freizeichens wurde ihr klar, daß sie hätte zuerst auflegen müssen, im Augenblick, da er sagte, er habe die Polizeistation angerufen, den Hörer hätte auf die Gabel knallen sollen. Sie durfte nicht riskieren, ihn schon allein dadurch zu ermutigen, daß sie ihm am Telefon zuhörte.

Sie ging durchs Haus und prüfte sämtliche Fenster und Türen: Sie waren alle sicher versperrt.

4

Bei McDonald's an der East Chapman Avenue in Orange hatte Travis Cornell fünf Hamburger für den Golden Retriver bestellt, Auf dem Vordersitz des Pick-up sitzend, hatte der Hund das ganze Fleisch und zwei der dazugehörigen Brötchen gefressen und dann seine Dankbarkeit dadurch zum Ausdruck bringen wollen, daß er ihm das Gesicht leckte.

»Du hast einen Atem wie ein Alligator, der Aufstoßen hat«, protestierte er und hielt das Tier von sich ab.

Die Rückfahrt nach Santa Barbara nahm dreieinhalb Stunden in Anspruch, weil die Straßen viel stärker befahren waren als am Morgen. Während der ganzen Fahrt schaute Travis seinen Begleiter immer wieder an, redete zu ihm und wartete darauf, ein weiteres Schauspiel jener wahrhart niederschmetternden Intelligenz geboten zu bekommen, die der Hund schon vorhin geliefert hatte. Doch seine Erwartungen blieben unerfüllt. Der Retriever benahm sich wie jeder beliebige Hund auf einer langen Fahrt. Gelegentlich saß er allerdings sehr aufrecht da und blickte mit ungewöhnlichem Interesse durch die Windschutzscheibe oder das Seitenfenster auf die Landschaft. Aber die meiste Zeit lag er eingerollt auf dem Sitz, schliefund schnüffelte in seinen Träumen - oder er schnaufte, gähnte und schien gelangweilt.

Als der Geruch des schmutzigen Hundefells unerträglich wurde, kurbelte Travis das Fenster herunter, um durchzulüften, und der Retriever steckte den Kopf in den Wind hinaus. Ohren und Fell im Fahrtwind, zeigte er das alberne, für sich einnehmende dümmliche Grinsen aller Hunde, die je auf diese Weise einen Beifahrersitz erobert haben,

In Santa Barbara hielt Travis an einem Shopping Center und kaufte ein paar Dosen Alpo, einen Karton Milk-Bone-Hunde-kuchen, feste Plastikschüsseln für Hundefutter und Wasser, eine eloxierte Waschschüssel, eine Flasche Hundeshampoo mit einem Mittel gegen Flöhe und Zecken, eine Bürste, um dem Tier das verfilzte Fell auszukämmen, sowie eine Leine.

Als Travis seine Einkäufe in den Laderaum des Pick-up schaffte, beobachtete ihn der Hund durch das Hinterfenster

des Fahrerhäuschens und hielt dabei die feuchte Nase an das Glas gepreßt.