Garrison folgte Tommy in die Eingangshalle und konnte in einem Spiegel einen Blick auf sich selbst erhaschen. Von dem würdevollen silberhaarigen Rechtsanwalt, den in den Gerichtssälen der Stadt jeder kannte, war nicht viel übriggeblieben. Sein Haar war naß und verklebt, sein Gesicht schmutzig. Sand, Grashalme und Seetang klebten ihm an der Haut. Er grinste.
»Hier drin ist ein Telefon«, rief Tommy aus einem der Zimmer.
Nachdem sie das Abendessen zubereitet, gegessen und saubergemacht hatten, unterhielten sie sich wieder besorgt über Einsteins Appetitlosigkeit und vergaßen Garrison Dilworth
anzurufen und ihm für die Mühe zu danken, die er sich mit ihren Gemälden gemacht hatte. Sie saßen vor dem offenen Kamin, als es Nora wieder einfiel.
Wenn sie in der Vergangenheit Garrison angerufen hatten, hatten sie das von öffentlichen Telefonzellen in Carmel aus getan. Das hatte sich als überflüssige Vorsichtsmaßregel erwiesen. Jetzt, an diesem Abend, war keiner von beiden in der Stimmung, in den Wagen zu steigen und in die Stadt zu fahren. »Wir könnten warten und ihn morgen von Carmel aus anrufen«, sagte Travis.
»Es ist völlig ungefährlich, ihn von hier aus anzurufen«, sagte sie. »Wenn die eine Verbindung zwischen dir und Garrison herausgefunden hätten, hätte er angerufen und uns gewarnt.«
»Vielleicht weiß er gar nicht, daß sie die Verbindung herausgefunden haben«, sagte Travis. »Vielleicht weiß er nicht, daß sie ihn beobachten.«
»Garrison würde das ganz bestimmt wissen«, sagte sie entschieden.
Travis nickte. »Ja, ganz sicher würde er das.«
»Also ist es ungefährlich, ihn anzurufen.«
Sie war auf halbem Wege zum Telefon, als es klingelte.
Die Vermittlung war in der Leitung. »Ich habe hier ein R-Gespräch von einem Mr. Garrison Dilworth in Santa Barbara. Nehmen Sie das Gespräch an?«
Ein paar Minuten vor zehn, nach einer gründlichen, aber erfolglosen Durchsuchung des Parks und der Strandzone, mußte Lem sich widerstrebend eingestehen, daß Garrison Dilworth ihm irgendwie entwischt war. Er schickte seine Leute zum Gerichtsgebäude und in den Hafen zurück.
Er und Cliff fuhren ebenfalls zum Hafen und der Sportjacht, von der aus sie Dilworth überwacht hatten: Als sie den Küstenwachtkutter anriefen, der die >Amazing Grace< verfolgte, erfuhren sie, daß die Begleiterin des Anwalts kurz vor Ventura umgekehrt war und jetzt in nördlicher Richtung die Küste herauffuhr, zurück nach Santa Barbara.
Sie erreichte den Hafen um zweiundzwanzig Uhr sechsunddreißig.
An der leeren Schlippe, die Garrison gehörte, standen Lem und Cliff mit hochgezogenen Schultern im kalten Wind und
sahen zu, wie die Frau den Anlegeplatz elegant ansteuerte. Es war ein wunderschönes Boot, und sie manövrierte es äußerst geschickt.
Sie hatte tatsächlich die Frechheit, sie anzurufen: »Stehen Sie doch nicht so da! Nehmen Sie die Leinen und helfen Sie mit, das Boot festzubinden!«
Sie taten ihr den Gefallen, hauptsächlich, weil sie darauf erpicht waren, mit ihr zu reden, und das nicht tun konnten, solange die >Amazing Grace< nicht vertäut war.
Nachdem sie Hilfe geleistet hatten, traten sie durch die Öffnung in der Reling. Cliff trug Segelschuhe, als Teil seiner Verkleidung, Lem aber hatte Straßenschuhe an und bewegte sich auf dem nassen Deck ganz und gar nicht sicher, vor allem weil das Boot etwas schwankte.
Ehe sie zu der Frau ein Wort sagen konnten, ertönte hinter ihnen eine Stimme: »Erlauben Sie, Gentlemen ...«
Lem drehte sich um und sah, wie Garrison Dilworth im Schein einer Docklampe gerade hinter ihnen an Bord ging. Er trug fremde Kleider. Seine Hosen waren ihm in der Taille viel zu weit und mit einem Gürtel zusammengerafft. An den Beinen waren sie zu kurz, so daß seine nackten Knöchel sichtbar waren. Er trug ein ausladendes Hemd.
»Bitte, entschuldigen Sie mich, aber ich muß mir meine eigenen warmen Kleider anziehen und eine Tasse Kaffee trinken ... «
Lem sagte: »Gottverdammt noch mal!«
»... um meine alten Knochen etwas aufzutauen.«
Nach einem erstaunten Aufstöhnen lachte Cliff Soames bellend, warf dann Lem einen Blick zu und sagte: »Tut mir leid.«
Lems Magen verkrampfte sich, es brannte, als begänne sich ein Geschwür zu entwickeln. Er zuckte aber nicht im Schmerz, krümmte sich nicht zusammen, legte nicht einmal die Hand an den Leib, ließ keinerlei Anzeichen von Unbehagen erkennen, weil jedes solches Zeichen Dilworths Triumphgefühl noch gesteigert hätte. Lem starrte den Anwalt bloß an, dann die Frau und ging, ohne ein Wort zu sagen.
»Dieser verdammte Retriever«, sagte Cliff, während er sich Lems Schrittempo auf der Pier anpaßte, »hat sich verdammt viele treue Freunde geschaffen.«
Als Lem Johnson sich dann später in einem Motel schlafenlegte, weil er zu müde war, um das provisorische Büro noch in dieser Nacht zu schließen und nach Orange County heimzufahren, dachte er über das nach, was Cliff gesagt hatte: Treue Freunde. Verdammt viele treue Freunde.
Lem fragte sich, ob er je gegenüber irgend jemandem solch starke Bande der Treue empfunden hatte wie die Cornells und Garrison Dilworth offenbar in bezug auf den Retriever. Er wälzte sich im Bett herum, konnte nicht einschlafen und erkannte schließlich, daß es keinen Sinn hatte, weiter zu versuchen, abzuschalten, bevor er nicht zu der beruhigenden Erkenntnis gelangt war, daß auch er zu dem Maß an Treue und Ergebenheit fähig sei wie die Cornells und ihr Anwalt.
Er setzte sich in der Dunkelheit auf und lehnte sich gegen das Kopfteil des Bettes.
Nun, sicher, er war seinem Land gegenüber verdammt loyal, er liebte und ehrte es. Und der Agency gegenüber ebenfalls. Aber einem anderen Menschen gegenüber? Also gut: Karen, seine Frau. Karen war er in jeder Beziehung treu - im Herzen, in seinem Bewußtsein und in seinen Keimdrüsen. Er liebte Karen. Seit fast zwanzig Jahren liebte er sie innig.
»Ja«, sagte er laut in dem Motelzimmer um zwei Uhr morgens, »ja, und wenn du Karen so treu bist, warum bist du dann jetzt nicht bei ihr?«
Aber da war er jetzt sich selbst gegenüber unfair; schließlich hatte er einen Auftrag zu erledigen, einen wichtigen Auftrag. »Das ist ja das Problem«, murmelte er, »da ist immer - immer - irgend etwas zu erledigen. »
Er verbrachte mehr als hundert Nächte im Jahr außer Haus, eine von dreien. Und wenn er zu Hause war, dann hatte er die Hälfte der Zeit anderes im Kopf, war auf den neuesten Fall konzentriert. Karen hatte sich einmal Kinder gewünscht, aber Lern hatte es immer wieder hinausgeschoben, eine Familie zu gründen, mit dem Hinweis, er könne die Verantwortung für Kinder nicht auf sich nehmen, solange er nicht seine Laufbahn gesichert sehe.
»Gesichert?« sagte er. »Mann, du hast das Geld von deinem alten Herrn geerbt. Du hast mit einem besseren Sicherheitspolster angefangen als die meisten Leute.«
Wenn er Karen so treu war wie jene Leute diesem Köter, dann müßte das auch bedeuten, daß Karens Wünsche Vorrang hatten. Wenn Karen eine Familie wollte, dann müßte die Familie Vorrang vor der Karriere haben. Stimmt's? Zumindest hätte er einen Kompromiß schließen und mit der Familie anfangen sollen, als sie Anfang Dreißig waren. Seine Zwanziger hätten der Laufbahn gewidmet sein können, seine Dreißiger den Kindern. Jetzt war er fünfundvierzig, fast sechsundvierzig, und Karen war dreiundvierzig, und die Zeit, eine Familie zu gründen, war vorbei.
Lem überkam große Einsamkeit.
Er stieg aus dem Bett, ging in Unterhosen ins Bad, schaltete das Licht ein und musterte sein Spiegelbild. Seine Augen waren blutunterlaufen und lagen tief in den Höhlen. Er hatte bei diesem Fall so viel Gewicht verloren, daß sein Gesicht anfing, wie ein Totenschädel auszusehen.