Von der Geschichtsstunde aus gehen wir zum Mittagessen. Eier, Brei mit Chili, Bier und dickes, dunkles Brot. Nach dem Essen eine Stunde privater Meditation, jeder in seinem Zimmer, wo wir uns verzweifelt darum bemühen, einen Zusammenhang in all dem zu finden, was man uns in den Kopf geschüttet hat. Dann ertönt der Gong und ruft uns wieder zur Arbeit auf den Feldern. Jetzt hat die Nachmittagshitze ihren Höhepunkt erreicht, und sogar Oliver hält sich zurück: Wir bewegen uns nur langsam, säubern den Hühnerstall, setzen Samen ein und unterstützen die unermüdlichen Farmerbrüder, die fast den ganzen Tag gearbeitet haben. Zwei Stunden vergehen damit; die ganze Bruderschaft arbeitet Seite an Seite, alle bis auf Bruder Antony, der allein im Haus der Schädel bleibt. (Zu einer solchen Zeit sind wir hier angekommen.) Endlich werden wir von der Plackerei erlöst. Verschwitzt und ausgeglüht von der Sonne torkeln wir auf unsere Zimmer, baden ein weiteres Mal und ruhen uns, jeder für sich, aus, bis es Zeit für das Abendessen ist.
Dann eine weitere Mahlzeit. Die übliche Anordnung. Nach dem Abendbrot helfen wir bei den Aufräumungsarbeiten. Kurz vor Sonnenuntergang gehen wir mit Bruder Antony, und an den meisten Abenden begleiten uns vier oder fünf von den anderen Brüdern, zu einem niedrigen Hügel westlich vom Schädelhaus; dort vollführen wir den Ritus des Sonnenatemtrinkens. Dazu muß man sich in einer eigentümlichen und höchst unbequemen Weise mit verschränkten Beinen niederlassen — eine Kombination aus dem Lotussitz und der Stellung des Sprinters beim Start — und direkt in den roten Ball der untergehenden Sonne starren. Und erst in dem Moment, wo wir befürchten, ein Loch in die Netzhaut gebrannt zu bekommen, dürfen wir die Augen schließen und über das Farbspektrum meditieren, das von der Sonnenscheibe zu uns strömt. Wir werden darin unterrichtet, uns darauf zu konzentrieren, dieses Spektrum in unseren Körper fließen zu lassen, den es durch die Lider betritt und das sich dann durch Knochenhöhlen und Nase in Kehle und Brust ausbreitet. Zum Schluß sollen sich die Sonnenstrahlen im Herzen niederlassen und Wärme und Licht erzeugen.
Wenn wir zu echten Adepten geworden sind, sollen wir angeblich in der Lage sein, die eingezogene Strahlung auf jeden Teil des Körpers zu verteilen, der gerade einer besonderen Stärkung bedarf — die Nieren oder die Genitalien oder die Bauchspeicheldrüse oder was auch immer. Die Brüder, die neben uns auf dem Hügel hocken, sind wahrscheinlich gerade in eine solche Verteilung vertieft. Wieviel Wert solch eine Übung hat, kann ich beim besten Willen nicht entscheiden. Wissenschaftlich gesehen, kann ich dabei nicht die Spur eines Nutzens erkennen, aber Eli beharrte schon von Anfang an darauf, daß das Leben mehr zu bieten habe, als die Wissenschaft behauptet, und falls die Techniken der Langlebigkeit hier auf metaphorischen und symbolischen Rückbesinnungen auf den Metabolismus beruhen, die zu empirischen Wechseln im Körpermechanismus führen, dann könnte es für uns von außerordentlicher Wichtigkeit sein, den Sonnenatem zu trinken. Die Brüder zeigen uns nicht ihre Geburtsurkunden; wir müssen uns dieser Operation, wie wir alle wissen, aus purem Glauben unterziehen.
Wenn die Sonne endgültig versunken ist, begeben wir uns in einen der größeren Versammlungsräume, um der letzten Verpflichtung des Tages nachzukommen: der Gymnastiksitzung mit Bruder Bernard. Nach dem Buch der Schädel ist es für die Verlängerung des Lebens von essentieller Bedeutung, den Körper geschmeidig zu halten. Nun, das ist natürlich nichts Neues, aber trotzdem enthält die Technik der Bruderschaft, den Körper geschmeidig zu halten, einen besonderen mystisch-kosmologischen Aspekt. Wir beginnen mit Atemübungen, deren Bedeutung uns Bruder Bernard in seiner üblichen lakonischen Art erklärt hat; sie haben etwas mit der Wiederherstellung der Beziehungen zum Universum der Phänomene zu tun, so daß sich bei einem der Makrokosmos innen und der Mikrokosmos draußen befindet, glaube ich jedenfalls, aber ich hoffe, daß ich nähere Erläuterungen darüber im Verlauf dieser Veranstaltungen bekomme. Außerdem gibt es eine ganze Menge esoterischen Gequatsches, die Entwicklung des „inneren Atems“ betreffend, aber offensichtlich wird es für uns als nicht so dringlich angesehen, das jetzt schon zu verstehen. Nun, wie dem auch sei, wir lassen uns nieder und bemühen uns energisch, den eigenen Körper durchzulüften, pumpen allen Unrat aus unseren Lungen und saugen gute, saubere, von den Geistern gebilligte Nachtluft ein; nach einer langen Periode des vollen Ein- und Ausatmens machen wir weiter mit Übungen zum Luftanhalten, die uns begeistern und schwindlig machen, bis wir zu befremdlichen Atemtransportmanövern kommen, durch die wir lernen sollen, unsere eingeatmete Luft zu allen möglichen Teilen unseres Körpers zu dirigieren, ganz ähnlich dem, was wir vorher mit dem Sonnenlicht gemacht haben. Das ist ganz schön anstrengend, aber die Durchlüftung beschert einem ein Gefühl unbeschwerten Glücks: Unser Kopf fühlt sich ganz beschwingt an, wir werden optimistisch und versichern uns gegenseitig wie selbstverständlich, daß wir auf dem richtigen Weg zum ewigen Leben sind. Vielleicht sind wir das auch, wenn Sauerstoff Leben und Kohlendioxid Tod bedeutet.
Sobald Bruder Bernard zu dem Schluß kommt, daß wir uns in ein Stadium der göttlichen Gnade geatmet haben, fangen wir mit dem Winden und Krümmen an. Diese Übungen ändern sich jeden Abend, als verfüge der Bruder über ein unbegrenztes Repertoire, das sich über tausend Jahrhunderte entwickelt hat. Setzt euch mit übereinandergeschlagenen Beinen hin, die Hacken auf dem Boden, verhakt die Hände über dem Kopf und berührt mit den Ellenbogen fünfmal rasch den Boden. (Au!) Berührt mit der linken Hand das linke Knie, hebt die rechte Hand über den Kopf und atmet zehnmal tief ein. Wiederholt das Ganze mit der rechten Hand zum rechten Knie, linke Hand nach oben. Jetzt beide Hände hoch über den Kopf, schreit und laßt dabei den Kopf nach oben schnellen, bis ihr hinter geschlossenen Augen Sterne sehen könnt. Steht auf, legt die Hände an die Hüften, dreht euch heftig zur Seite, bis der Rumpf in einem Neunzig-Grad-Winkel gebogen ist, erst nach links, dann nach rechts. Steht auf einem Bein und hebt das Knie des anderen ans Kinn. Hüpft herum wie von der Tarantel gestochen. Und so weiter, noch viele Sachen, für die wir im Moment noch nicht gelenkig genug sind: Fuß um den Kopf wickeln, Arme nach innen beugen, mit übereinandergeschlagenen Beinen aufstehen und wieder hinsetzen. Wir geben unser Bestes, was allerdings in Bruder Bernards Augen nie gut genug ist; wortlos gemahnt er uns durch die Geschmeidigkeit seiner eigenen Bewegung an das große Ziel, auf das wir zustreben. Ich bin darauf vorbereitet, daß wir eines Tages lernen, zum Gewinn des ewigen Lebens sei es absolut notwendig, die Kunst zu beherrschen, den eigenen Ellenbogen in den Mund zu stecken; wenn du das nicht kannst, ist das aber bitter, Junge, und du bist dazu verdammt, am Wegesrand zu vertrocknen.
Bruder Bernard läßt uns bis zum Rand der Erschöpfung schuften. Er selbst macht jede Übung mit, die er von uns verlangt, läßt keine einzige Biegung oder Beugung aus und zeigt bei seinen Verrenkungen keinerlei Überanstrengung. Unser Bester bei diesen Leibesübungen ist Oliver, unser schlechtester Eli; dennoch geht Eli mit einem erschreckenden plumpen Enthusiasmus an die Sache, den man nur noch bewundern kann.