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„Aber Ihr Mann …“

„Hans war Jakob treu ergeben, als Mitarbeiter und als Freund. Er wäre mit ihm durchs Feuer gegangen.“

„Und Alexander Henschel? Welche Rolle spielte er?“

„Ich mochte ihn nicht. Er war nicht ehrlich, wirkte auf mich verschlagen.“

„Und Henschels Tochter?“

„Ein Teufel in Menschengestalt. Sie versucht sich an unseren Stefan heranzumachen, aus welchen Gründen auch immer. Ich habe ihn vor ihr gewarnt, aber, wie es scheint, vergeblich. Das ist etwas, das mir Sorgen macht.“

„Was konkret ist der jungen Frau vorzuwerfen?“

„Sie ist ein durch und durch schlechter Mensch. Hochintelligent. Doch nützt sie diese Gabe nur negativ, um Menschen und Tieren zu schaden. Ich weiß Dinge, über die ich nicht sprechen möchte. Ich hoffe, Stefan kommt zur Vernunft. Sie haben Ihren Kaffee nicht getrunken, Herr James.“

„Oh, ich leide zurzeit an Sodbrennen und möchte meinen Magen schonen.“

„Möchten Sie einen Tee oder Kakao?“

Der Butler lehnte höflich ab und verabschiedete sich.

*

„Sie sind das!“, rief Lady Marbely erstaunt, als der Mann die Zelle betrat. Er trug eine militärische Uniform mit einer doppelten Acht am linken Ärmel seiner Jacke.

„Jawohl, ich bin der zweite Führer, der das so schmählich unterbrochene Werk seines Vorgängers fortsetzen und zur Vollendung bringen wird. Deutschland wird wiederauferstehen aus der Schmach und den Demütigungen des vergangenen Jahrhunderts.“

„Und dafür benötigen Sie das Geld einer alten Engländerin?“

„Falsch. Das Geld eines Deutschen, das durch widrige Umstände an eine Engländerin gefallen ist. Natürlich nur vorübergehend.“

„Also muss diese alte Engländerin sterben, wie so viele in diesem Fall.“

„Persönliche Interessen müssen dem großen Ganzen untergeordnet werden.“

„Sie müssen mich also töten, um an meine Erbschaft zu kommen.“

„Nicht unbedingt. Vielleicht lassen Sie sich für unsere Ziele begeistern.“

„Ach herrje. Und wenn nicht?“

„Dann wird uns letzten Endes nichts anderes übrig bleiben, als …“

„Und vorher?“

„Vorher sind die Schritte zu setzen, die den legalen Übergang der Erbschaft von Ihnen auf uns ermöglichen.“

„Also ein neues Testament?“

„Ein Testament“, sagte der Mann schließlich, „das uns das nötige Geld sichert, das sonst im Ausland verschwände. Bei unserem Erzfeind.“

„Auf der Insel.“

„Richtig. Ich habe Papier und Kugelschreiber mitgebracht.“

„Und Sie glauben, ich bin so dumm, mein eigenes Todesurteil zu unterschreiben?“

Dieses Mal schwieg ihr Gegenüber.

„Sie wollen, dass ich mein gesamtes Vermögen dem Bund 88 hinterlasse. Oder soll ich schreiben meinen lieben Mördern?“ Miladys Stimme zitterte.

„Der Stiftung Aufhauser, die von einem Gremium anerkannter Persönlichkeiten vertreten wird. Ich habe einen Mustertext aufgesetzt. Sie müssen nur abschreiben.“

„Ich nehme mir Bedenkzeit.“

„Die bekommen Sie. Allerdings ist unsere Geduld beschränkt. In vier Stunden sehen wir uns wieder. Dann haben Sie entweder unterschrieben …“

„Oder nicht.“

„Von dieser Möglichkeit rate ich allerdings dringend ab. Wir haben Mittel und Wege, Sie zum Schreiben zu bringen.“

„Folter?“

Der Führer hüstelte dezent.

*

„Was ist mit unserer Lady passiert?“, fragte Stefan Obermann. „Sie hätte doch am Abend zurückkommen sollen.“

„Sie wird in Siegen geblieben sein“, versuchte Ruth ihn zu beruhigen.

„Kennt die Lady eigentlich unsere Telefonnummern?“

„Nein. Und wir kennen die ihre nicht. Sie wird schon wieder kommen. Vielleicht streikt der Wagen. Und ich muss leider noch mal weg.“

„Wohin?“, fragte Stefan.

„Ich muss mich um meine Klienten kümmern. Du könntest dich hier nützlich machen. Am Nachmittag bin ich wieder da.“

„Nützlich in welcher Weise?“

„Holz hacken, Essen machen. Dir wird schon etwas einfallen.“

„Okay. Zuerst frühstücken wir aber.“

Die junge Frau lächelte. „Natürlich. Ich mache das Frühstück, du wäschst ab.“

Nachdem Ruth weggefahren war, fühlte sich Stefan derart träge, dass er sich wenigstens ein paar Minuten ausruhen wollte, bevor er sich dem Alltag im Blockhaus stellen konnte. Kaum lag er auf dem weichen Bett, da war er schon in einen tiefen Schlaf gefallen.

Zur gleichen Zeit fuhr Ruth Henschel in ihre Praxis für Systemische Therapie in die Siegener Leimbachstraße. Drei Klienten warteten an diesem Vormittag auf sie. Wobei man nie wusste, ob sie tatsächlich kamen. Das war bei psychisch Kranken nicht immer vorauszusehen. Das Sitzen und Warten gehörte zu den Tätigkeiten, die Ruth am meisten hasste. Da war es schon spannender, wenn jemand eine akute Krise hatte oder aggressiv wurde. Damit konnte sie umgehen. Ausreichend Erfahrung hatte sie in den drei Jahren ihrer Tätigkeit gesammelt. Sie hatte in der Therapie, die sie in der Ausbildung selbst mitmachen musste, herausgefunden, dass sie aufgrund ihrer eigenen, nicht unproblematischen Geschichte eine natürliche Begabung für das Aufspüren menschlicher Schwächen oder Schwächen in Systemen wie Büros oder Arbeitsgruppen hatte. Die Konstellation in ihrer eigenen Familie war ziemlich verworren gewesen. Der Vater wollte die Familie führen, war aber tatsächlich nichts anderes als ein ewiges Kind geblieben. Ein Peter Pan, der einen Captain Hook als Gegner benötigte, oder zumindest ein Krokodil, um sich als Mann zu spüren. Ein Kasperl im Kampf gegen Hexen und Krokodile, der mit einer Frau wenig anzufangen wusste. Und schon gar nichts mit einer Tochter. Wobei man von Glück sagen konnte, dass Ruth kein Junge war. Der wäre sicher im ewigen Konkurrenzkampf mit dem Vater untergegangen.

Die Mutter hatte eine komplexere Persönlichkeit gehabt. Musste sie wohl, sonst hätte sie einen Mann wie Ruths Vater nicht zum Partner genommen. Sie war scheinbar ruhig und zurückhaltend, auf das Haus konzentriert, das sie perfekt in Ordnung hielt, wie Frauen aus dem Orient, die tatsächlich die absoluten Herrscherinnen in den Familien waren. So war es auch bei ihnen gewesen. Der Vater verdiente, die Mutter lenkte die Geschicke. Nur Ruth hatte, sobald sie dazu fähig gewesen war, eine Gegenstrategie entworfen, der die Mutter nichts entgegensetzen konnte. Sie hatte sich zum absoluten Liebling des Vaters entwickelt. Auch zur Mutter war sie reizend und zuvorkommend, nur tat sie nicht, was diese ihr auftrug. Sie fand immer eine Ausrede, und die Mutter ließ sie gewähren. Als Ruth fünfzehn war, änderte ein äußeres Ereignis die Situation radikal. Der Vater, der die Familie vom Blockhaus im Hochtaunus nach Hause fuhr, schlief für einen kurzen Augenblick am Steuer des Wagens ein und raste gegen einen Baum am Straßenrand. Die Mutter wurde bei diesem Unfall getötet, der Vater regelrecht skalpiert und im Gesicht verletzt. Seither lächelte er ständig. Ruth trug eine Schädelverletzung davon und lag monatelang im Koma. Sie litt noch immer unter Kopfschmerzen, wenn das Wetter umschlug. Als sie ins Internat zurückkehrte, war sie nicht mehr dieselbe. Sie sah ihre Umwelt mit anderen Augen und versuchte, allein zu sein. Sie beschränkte sich auf die Bekanntschaft zu einem verschüchterten Jungen namens Stefan Obermann.

Ruth begann in dem Therapieheft ihres nächsten Klienten zu blättern, eines Gymnasiallehrers mit Schlafstörungen. Der schüchterne Mann hatte den falschen Beruf gewählt. Er litt eindeutig an einer schizoiden Persönlichkeitsstörung, führte ein einsames Leben und wurde jeden Tag mit dem unkontrollierbaren Wesen seiner Schüler konfrontiert. Bibliothekar wäre das Richtige für diesen faden Menschen, der ohnehin nichts an sich und seinem Leben ändern wollte, der Woche für Woche in ihre Praxis kam, um gegen Geld eine sichere, geregelte Beziehung geboten zu bekommen. Eine Beziehung zu ihr, seiner Therapeutin. Ihre Strategie war es, eben diesem Wunsch nicht zu entsprechen und ihn zum Reagieren zu zwingen. Sie verhielt sich kühl, sprach nur wenig, saß nur da und blickte den Mann an, dessen angstvoll geweitete Augen um Wärme und menschliche Nähe flehten. Er erinnerte sie an Stefan in den ersten Jahren im Internat. Der Junge schien ständig zu frieren, bis sie ihm die Wärme gab, nach der er sich so sehnte. Seither hing er an ihr wie eine Klette. Er hatte wie sie Psychologie studieren wollen, musste aber erkennen, dass ihm das nicht lag. Er wollte, wie er sagte, nicht dauernd von nervenden Menschen umgeben sein. Also sattelte er um auf Technische Physik. Wie sein Vater. Stefan brauchte Vorbilder auf seinem Weg durchs Leben. Und Ruth unterstützte ihn finanziell; sie verdiente gut, obwohl sie erst Psychotherapeutin in Ausbildung war. Auch die Frage des Geldes war ein Punkt, den sie ihren Klientinnen und Klienten klar zu machen versuchte. Geld war nichts Schlechtes, sondern ein Mittel, Träume Wirklichkeit werden zu lassen und das Leben nach eigenen Wünschen zu gestalten. Vom Sklaven zum Herrn zu werden.