»Hi, ich bin Lisa von Pink Passion Cosmetics und wollte Sie fragen, ob Sie an unserer Gratisaktion heute Nachmittag interessiert wären? Dauert nur fünf Minuten.« Sie strahlte förmlich Hilfsbereitschaft und gute Laune aus.
»Fünf Minuten … und ich muss nichts kaufen?« Die Augen der jungen Frau hatten sich bei dem Wort »gratis« geweitet. Sie musterte nachdenklich den gepflegten Teint der Vertreterin, dem man das professionelle Make-up ansah.
»Nein, garantiert nichts. Ich mache Ihnen ein frisches Make-up, lasse Ihnen einen Katalog und meine Telefonnummer da, und wenn Sie dann etwas aus dem Katalog haben wollen, rufen Sie mich an. Wenn nicht, dann eben nicht.« Sie lächelte freundlich und ein wenig verschwörerisch.
»Fünf Minuten.« Die Frau sah auf die Uhr. »Äh, na ja, sicher. Kommen Sie rein.« Sie trat zur Seite und bedeutete der Auftragskillerin, dass sie eintreten solle.
Cally griff sich unauffällig an den Gürtel, als sie durch die Tür schritt, und legte den kleinen Schalter um. Gleich nachdem die Freundin die Tür geschlossen hatte, hatte Cally die Aktentasche fallen lassen, die Frau gepackt, sie neben der Tasche zu Boden gerissen, lag über ihr und hielt ihr das Klappmesser an die Kehle.
»Lady, Sie haben jetzt die Wahl. Entweder können Sie hier auf ziemlich unangenehme Art sterben, oder tun, was ich sage, und leben. Mir ist’s egal, wofür Sie sich entscheiden.« Sie drückte der Frau dabei das Messer leicht gegen die Kehle, um ihr klar zu machen, dass sie es ernst meinte. Es gab da einen Trick, wie man das Messer genau im richtigen Winkel hielt, damit es sich scharf genug anfühlte, um die andere Person zu beeindrucken, ohne tatsächlich die Haut zu verletzen. Mit einem einigermaßen scharfen Messer, wie dem hier, war das besonders schwierig. Aber sie hatte ja genügend Übung.
»O mein Gott, mein Gott, tun Sie mir nichts. Bitte, töten Sie mich nicht. O Gott. Was wollen Sie? Ich tue alles, was Sie verlangen, bloß, bitte, bitte, bringen Sie mich nicht um.«
»Ich brauche Sie nicht umzubringen. Ich muss mir nur für kurze Zeit Ihr Apartment ausborgen.« Sie suchte in der Tasche herum, zog den Pappbehälter mit dem Wein heraus und vergewisserte sich, dass es der rot markierte war. »Trinken Sie das. Da ist natürlich ein Schlafmittel drin. Damit Sie schlafen und mir nicht im Weg sind.« Sie reichte den Karton der verängstigten Frau.
»Woher weiß ich, dass das kein Gift ist?«
»Sie wissen es nicht. Sie wissen bloß, dass Sie jetzt und sofort hier sterben werden, wenn Sie es nicht trinken, und zwar auf recht schmerzhafte und unappetitliche Art. Das ist Ihre einzige Chance. Überlegen Sie es sich, ich habe nicht viel Zeit.«
Die andere Frau fing an, den Verschluss aufzuschrauben, hielt aber plötzlich inne.
»Charles. Sie sind hinter Charles her.« Ihr Tonfall verriet ihr wachsendes Entsetzen.
»Wem?« Callys Gesicht hätte nicht verblüffter blicken können. »Man hat mir gesagt, dass Sie hier allein leben. Wird da noch jemand kommen?«, fragte sie streng und drückte mit dem Messer etwas stärker zu, achtete aber immer noch sorgsam darauf, die Haut nicht zu verletzen.
»Äh … nein«, log die Frau schnell, »Charles ist … ist meine Katze.«
»Ist ja großartig. Und ich bin allergisch. Würden Sie jetzt bitte schnell machen und das hier trinken, ehe ich Sie töten muss?«
Die Frau starrte sie an, als versuche sie, sich ihre Gesichtszüge einzuprägen, und trank dann. Cally beobachtete sie die etwa zehn Minuten, die es dauerte, bis ihre Augen glasig wurden, und legte dann das Messer weg.
»In Ihrem Bett werden Sie bequemer schlafen. Kommen Sie, ich bringe Sie hin, damit Sie sich hinlegen können.« Sie half der Frau auf, führte sie ins Schlafzimmer, wobei sie sie stützen musste, fesselte ihr dann — sanft, aber sicher — mit den Kabelbindern Hände und Füße und knebelte sie. Unter dem Einfluss des Schlafmittels würde die Frau ihr keine Schwierigkeiten machen, und bis sie die Besinnung verlor, würde es ohnehin nicht mehr lang dauern. Cally hatte bis jetzt sorgsam darauf geachtet, so wenig wie möglich in dem Apartment zu berühren, aber den Rest des Abends würde sie Gummihandschuhe tragen müssen.
Sie zog ihren PDA heraus und sah sich auf dem Bildschirm den Stadtplan mit dem blinkenden Punkt an, der den Standort des Wagens der Zielperson anzeigte. Bis jetzt war sie recht gut im Zeitplan. Bis Petane hier eintraf, würde noch eine gute Viertelstunde vergehen.
Eigentlich war gar nicht sonderlich viel zu tun, um sich auf ihn vorzubereiten. Einer der Küchenstühle würde für die Befragung ausreichen. Sie stellte ihn hinter die Tür, wo er ihn nicht sehen konnte und deshalb beim Hereinkommen auch nicht erschrecken würde. Angewidert rümpfte sie die Nase über das nicht geleerte Katzenklo, dessen Geruch eine große Schale mit Äpfeln nicht ganz überdecken konnte, und ging dann ins Wohnzimmer zurück, um den gebrauchten Pappbecher in der Aktentasche zu verstauen. Es hatte ja wirklich keinen Sinn, irgendwelche DNA von dritten so offen herumliegen zu lassen.
Sie holte die Strumpfhosen aus ihren Verpackungen und schnitt die Beine auseinander. Die waren nicht so einfach und schnell zu benutzen wie die Kabelbinder, aber vermutlich würde die Zielperson zunächst gegen die Fesseln ankämpfen, und wenn man die Strumpfhosen richtig knotete, würden sie keine Spuren hinterlassen. Sie zog ihre Jacke aus und stopfte sich die Strumpfhosen in die Taschen. Dann war nichts mehr zu tun — außer zu warten. Sie hatte gründlich darüber nachgedacht, wie sie ihn erledigen wollte. Einerseits wollte sie mit den Chemikalien, die man bei der Autopsie in seinem Blutkreislauf finden würde, besonders vorsichtig sein. Andererseits war er ein gutes Stück schwerer als sie und auch größer, das durfte sie trotz ihrer gesteigerten Kräfte nicht vernachlässigen.
Petane war ganz offensichtlich runderneuert, also hatte er Nanniten, die möglicherweise etwaige Reste von Äther oder Chloroform wirksam beseitigen würden, ehe sie mit ihrer Befragung fertig war. Vielleicht aber auch nicht. Und dann war auch möglich, dass er immun war. In seinen Unterlagen war nichts über nennenswerte Ausbildung in Nahkampftechniken zu finden gewesen, nichts über das hinaus, was er bei der Grundausbildung mitbekommen hatte, aber man konnte das nie genau wissen. Schließlich hatte sie sich dafür entschieden, dass sie ihn festhalten und würgen musste, aber dazu würde sie eine auf Knopfdruck reagierende Injektionsspritze mit dem am wenigsten leicht nachweisbaren Betäubungsmittel für alle Fälle bereithalten, falls er sich im Nahkampf erfahrener zeigen sollte, als dies aus seinen Akten hervorging.
»Okay, Buckley, aufwachen.« Sie tippte den Bildschirm an. »Du kannst jetzt aufhören, irgendwelche Kameras zu überwachen, an denen er bereits vorbeigefahren ist. Beobachte die Kamera, die ich dort draußen auf dem Parkplatz platziert habe. Wenn er parkt, dann sag mir … äh … warte, nein, sag es mir nicht. Lass einfach den Bildschirm blau werden.« Wenn ich ihm sage, dass er mir irgendetwas sagen soll, dann wette ich darauf, dass er exakt im falschen Augenblick zu tönen beginnt und ich wieder einmal einen PDA in den Müll kippen muss. Und ich brauche ihn, um die Befragung aufzuzeichnen.
»Du hast Angst, dass ich zum falschen Augenblick etwas Falsches sage und das dann für uns beide der Tod ist, nicht wahr?«, klagte der Buckley sie an.
»Nein, ich würde es bloß vorziehen, in dieser Phase unseres Einsatzes keine unnötigen Geräusche zu haben.«
»Doch, du hast Angst. Du brauchst mich nicht anzulügen, um meine Gefühle zu schonen.«
»Halt die Klappe, Buckley.«
»Geht in Ordnung.«
Sie sah stumm zu, wie der Punkt auf der Straße näher kam. Der Bildschirm wurde blau, und sie schaltete das Gerät auf stimmaktivierte Aufzeichnung, klappte es zu, richtete sich auf, streckte sich kurz und lehnte sich dann gelockert hinter der Tür an die Wand. Für gute Aufnahmequalität musste der PDA sich in weniger als dreißig Prozent Abstand des Subjekts zum Dämpfer befinden.