Aber die Nephilim schützten sich nicht nur mithilfe der Runenmale — sie trugen auch robuste, mit magischen Symbolen versehene Lederkleidung als Kampfmontur. Der Codex zeigte Abbildungen der verschiedenen Kampfmonturen in unterschiedlichen Ländern und zu Tessas Überraschung waren auch Zeichnungen von Frauen in langärmligen Hemden und Hosen darunter — keine Pumphosen, wie Tessa sie in Karikaturen gesehen hatte, sondern richtige Herrenhosen. Während sie die Seite umblätterte, fragte sie sich kopfschüttelnd, ob Charlotte und Jessamine derart befremdlich anmutende Kleidung tatsächlich trugen. Die nächsten Seiten beschäftigten sich mit den anderen Gaben, die Raziel den ersten Schattenjägern überreicht hatte: mächtige magische Objekte namens Engelsinsignien und ein eigenes Heimatland, ein winziges Fleckchen Erde, herausgeschnitten aus dem damaligen Heiligen Römischen Reich und von Schutzschilden umgeben, sodass kein Irdischer es betreten konnte. Diese Heimat der Nephilim hieß Idris. Im flackernden Schein der Lampe las Tessa Seite um Seite, obwohl ihre Lider immer schwerer wurden. Schattenweltler, so erfuhr sie, waren übernatürliche Wesen — genau wie Feen und Elben, Werwölfe,
Vampire und Hexenwesen. Bei den Vampiren und Werwölfen handelte es sich um Menschen, die sich mit einer Dämonenkrankheit angesteckt hatten. Feenwesen stammten dagegen zur Hälfte von Dämonen und zur Hälfte von Engeln ab und zeichneten sich deshalb durch große Schönheit und einen bösartigen Charakter aus. Und Hexenwesen waren direkte Nachfahren eines Menschen und eines Dämons — kein Wunder, dass Charlotte sie gefragt hatte, ob sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter menschlicher Herkunft seien. Und das traf doch auf ihre Eltern zu, überlegte Tessa. Daher kann ich keine Hexe sein, Gott sei Dank!
Sie schaute wieder in das Buch und betrachtete eine Abbildung, die einen großen Mann mit wirren Haaren zeigte: Er stand in der Mitte eines Pentagramms, das auf den Steinboden unter seinen Füßen gezeichnet worden war, und wirkte völlig normal — wenn man einmal von der Tatsache absah, dass er katzenartige Pupillen besaß. In jeder der fünf Ecken des sternförmigen Kreidesymbols brannte eine Kerze. Während Tessa das Bild betrachtete, verschwammen ihre Augen vor Erschöpfung immer mehr, bis die Flammen miteinander zu verschmelzen schienen. Schließlich fielen ihr die Lider zu und sie versank sofort in einen tiefen Traum.
In ihrem Traum tanzte sie durch wirbelnde Rauchfahnen in einem langen, von Spiegeln gesäumten Korridor. Und jeder Spiegel, den sie passierte, zeigte ein anderes Bild von ihr. Sehnsuchtsvolle, schwermütige Musik drang an ihr Ohr, Musik, die aus großer Ferne zu kommen schien und sie gleichzeitig von allen Seiten umhüllte. Vor ihr ging ein Mann, sehr jung, schlank und bartlos — doch obwohl sie das Gefühl hatte, ihn zu kennen, konnte sie ihn nicht identifizieren, denn sein Gesicht war nicht zu sehen. Er hätte ihr Bruder sein können oder Will oder jemand völlig anderes. Sie folgte ihm, rief ihm etwas hinterher, doch er bewegte sich so schnell durch den Korridor, als würde der Rauch ihn mit sich tragen. Die Musik schwoll immer stärker an, lauter und lauter ...
Tessa erwachte ruckartig. Ihr Atem ging stoßweise und das Buch rutschte ihr vom Schoß, während sie sich aufsetzte. Der Traum war verschwunden, aber die Musik blieb, sehnsuchtsvoll und lieblich. Neugierig lief Tessa zur Tür und spähte hinaus in den Flur. Hier klang die Musik noch lauter und Tessa erkannte, dass sie aus einem Zimmer auf der gegenüberliegenden Seite des Korridors kam. Die Tür war nur angelehnt und die Töne schienen aus dem schmalen Spalt zu perlen wie Wasser aus dem Hals einer engen Vase.
An einem Haken an der Tür hing ein Morgenmantel, den Tessa nun nahm und überstreifte. Dann trat sie aus ihrem Zimmer, durchquerte den Flur wie in Trance und legte vorsichtig eine Hand auf die Tür, die unter ihrer Berührung weit aufschwang. Der dahinterliegende Raum war nur vom Mondschein beleuchtet und sie erkannte, dass das Zimmer ihrem eigenen ähnelte: dasselbe große Himmelbett, dieselben schweren Möbel. Die Vorhänge waren zurückgezogen und silbriges Licht fiel wie ein glitzernder Nadelregen durch das hohe Fenster. Im rechteckigen Lichtfleck vor dem Fensterbrett stand jemand ... ein Junge ... zu schmächtig für einen erwachsenen Mann. Der Junge drückte eine Geige gegen die Schulter; seine Wange ruhte auf dem Instrument und der Bogen strich über die Saiten und entlockte ihnen Töne — so zart und vollendet, wie Tessa sie noch nie gehört hatte.
Der Junge hatte die Augen geschlossen. »Will?«, fragte er, ohne die Lider zu öffnen oder sein Spiel zu unterbrechen, »Will, bist du das?«
Tessa schwieg. Sie brachte es nicht übers Herz, die liebliche Musik zu stören — doch im selben Moment nahm der Junge den Bogen von der Geige und öffnete stirnrunzelnd die Augen.
»Will ...«, setzte er an, doch als er Tessa sah, musterte er sie erstaunt. »Sie sind nicht Will.« Er klang neugierig und überhaupt nicht verärgert, trotz der Tatsache, dass Tessa mitten in der Nacht in sein Zimmer eingedrungen war und ihn beim Geigenspiel überrascht hatte, noch dazu in seiner Nachtwäsche. Zumindest nahm Tessa an, dass es sich um sein Nachtzeug handelte: Er trug eine dünne, weite Hose und ein kragenloses Hemd unter einem locker geknoteten Morgenmantel aus schwarzer Seide. Tessa hatte sich nicht geirrt — er war tatsächlich jung, wahrscheinlich im selben Alter wie Will, und sein schmächtiger Körperbau unterstrich den Eindruck der Jugendlichkeit zusätzlich. Zugleich war er groß und sehr schlank und unter dem Rand seines Hemds konnte Tessa die geschwungenen Konturen der schwarzen Zeichnungen erkennen, die sie auch bei Will und Charlotte gesehen hatte.
Jetzt wusste sie, wie diese Zeichnungen hießen —
Runenmale. Und sie wusste auch, wozu sie ihren Träger machten — zu einem Nephilim. Dem Nachfahren eines Menschen und eines Engels. Kein Wunder, dass seine blasse Haut im Mondlicht so hell zu schimmern schien wie Wills Elbenlicht. Auch seine Haare leuchteten silberhell, genau wie seine mandelförmigen Augen.
»Bitte entschuldigen Sie vielmals«, setzte Tessa an und räusperte sich. Das Geräusch erschien ihr schrecklich laut und harsch in der Stille des Raumes und sie krümmte sich innerlich. »Ich ... es war nicht meine Absicht, hier einfach so einzudringen. Aber ... mein Zimmer liegt auf der anderen Seite des Flurs und ...«
»Ist schon in Ordnung.« Der junge Mann nahm die Geige von der Schulter. »Sie sind Miss Gray, stimmt’s? Das Gestaltwandler-Mädchen. Will hat mir schon von Ihnen erzählt.«
»Oh«, murmelte Tessa.
»Oh?« Der Junge zog eine Augenbraue hoch. »Es scheint Sie nicht sehr zu erfreuen, dass ich weiß, wer Sie sind.«