Allem Anschein nach kam es Elliot nie in den Sinn, daß Karen Ross ihn ebenso kaltblütig benutzte wie er sie. Von Anfang an war Karen Ross ihm gegenüber nie ganz offen. Travis hatte sie angewiesen, bei der Darstellung der Kongo-Mission der ERTS und ihre Ziele »ein paar Angaben unter den Tisch fallenzulassen«. Das war ihr ohnehin zur zweiten Natur geworden - jeder bei der ERTS hatte gelernt, nur das Allernötigste zu sagen. Elliot behandelte Karen Ross wie eine der üblichen Finanzierungsquellen - ein großer Fehler.
Letzten Endes war es so, daß Karen Ross und Peter Elliot einander falsch einschätzten, weil bei beiden der äußere Schein auf die gleiche Art und Weise trog. Elliot wirkte so schüchtern und farblos, daß jemand von der Fakultät in Berkeley einmal bemerkt hatte: »Kein Wunder, daß er sich mit Affen abgibt. Er hat nicht den Nerv, mit Menschen zu reden.« Andererseits war Elliot auf dem College beim Football ein harter Mittelfeldspieler gewesen, und hinter seiner harmlosen Wissenschaftlermaske verbarg sich unbeugsamer Ehrgeiz.
Ähnlich war es bei Karen Ross: trotz ihrer jugendlichen Schönheit und ihrer sanften, verführerischen Stimme mit dem texanischen Tonfall war sie von hoher Intelligenz und einer tiefen, inneren Härte. Sie hatte sehr jung die Schule abgeschlossen, und einer ihrer Lehrer hatte sie einmal als »die Blüte maskuliner texanischer Weiblichkeit« gepriesen. Sie fühlte sich für die gescheiterte ERTS-Expedition verantwortlich und war entschlossen, frühere Fehler wiedergutzumachen. Es war zumindest möglich, daß Elliot und Amy ihr an Ort und Stelle helfen konnten - Grund genug, beide mitzunehmen. Darüber hinaus machte Karen Ross sich Sorgen wegen des Konsortiums, das augenscheinlich hinter Elliot her war, sonst hätte Morikawa nicht bei ihm angerufen. Wenn sie nun Elliot und Amy mitnahm, verlor das Konsortium einen möglichen Vorteil - ein weiterer ausreichender Grund, sie mitzunehmen. Außerdem brauchte sie eine Tarnung, falls ihre Expedition an einer der Grenzen angehalten wurde, und ein Primatenforscher und sein Menschenaffe gaben eine hervorragende Tarnung ab.
Aber letzten Endes ging es Karen Ross nur um die Diamanten aus dem Kongo. Um an sie heranzukommen, war sie bereit, alles zu tun, alles zu sagen und notfalls alles zu opfern. Auf Fotos, die auf dem Flughafen von San Francisco gemacht wurden, wirken die beiden wie lächelnde junge Wissenschaftler, die zu einer fröhlichen gemeinsamen Expedition nach Afrika aufbrechen. Aber in Wirklichkeit hatten sie unterschiedliche Motive, die sie wild entschlossen voreinander geheimhielten. Elliot mochte ihr nicht eingestehen, was für theoretische und akademische Ziele er verfolgte - und Ross mochte nicht eingestehen, wie handfest die ihren waren.
Wie auch immer, am Mittag des 14. Juni fuhr Karen Ross mit Peter Elliot in dessen klapprigem Fiat durch die Hallowell Road am Sportplatz der Universität vorbei. Ihr war etwas unbehaglich zumute: sie waren auf dem Weg zu Amy.
Elliot schloß die Tür auf, an der ein rotes Schild hing: NICHT STÖREN - TIERVERSUCH. Amy grunzte und kratzte ungeduldig an der Tür. Elliot hielt kurz inne und erklärte: »Wenn Sie ihr gleich gegenüberstehen«, sagte er, »denken Sie bitte daran, daß sie ein Gorilla und kein Mensch ist. Bei Gorillas gibt es Verhaltensweisen, die unbedingt beachtet werden müssen. Sprechen Sie nicht laut, und machen Sie keine plötzlichen Bewegungen, bis sie sich an Sie gewöhnt hat. Entblößen Sie beim Lächeln die Zähne nicht, das faßt sie als Drohgebärde auf. Und halten Sie die Augen niedergeschlagen, denn diese Tiere betrachten es als feindseligen Akt, wenn Fremde ihnen in die Augen blicken. Stellen Sie sich nicht zu nahe neben mich und berühren Sie mich auch nicht, denn Amy ist sehr eifersüchtig. Und lügen Sie nicht, wenn Sie mit ihr sprechen. Auch wenn sie selbst nur die Zeichensprache beherrscht, versteht sie, was wir sagen, und wir sprechen meist nur zu ihr. Sie merkt es, wenn man die Unwahrheit sagt, und sie mag es nicht.« »Sie mag es nicht?«
»Sie läßt Sie stehen, spricht nicht mit Ihnen und wird tückisch.« »Sonst noch etwas?«
»Nein, das wäre wohl alles.« Er lächelte ihr aufmunternd zu. »Es gibt zwischen uns ein traditionelles Begrüßungsmittel, für das sie eigentlich schon etwas zu groß ist.« Er öffnete die Tür, stemmte die Beine fest gegen den Boden und sagte: »Guten Morgen, Amy.«
Eine riesige schwarze Gestalt kam aus der Tür gestürmt und warf sich Elliot in die Arme, so daß er zurücktaumelte. Karen Ross war über die Größe des Tiers erstaunt. Sie hatte sich Amy kleiner und niedlicher vorgestellt. Immerhin war sie so groß wie eine erwachsene Frau.
Amy gab Elliot mit ihren großen Lippen einen Kuß auf die Wange. Neben seinem Kopf wirkte ihr schwarzer Schädel gewaltig. Durch ihren Atem beschlugen seine Brillengläser. Karen Ross nahm einen süßlichen Geruch war und sah zu, wie Elliot freundlich Amys lange Arme von seinen Schultern löste. »Amy zufrieden heute?« fragte er.
Amys Finger bewegten sich rasch dicht an ihrer Wange, als wischte sie Fliegen fort. »Ja, ich komme heute spät«, sagte Elliot. Wieder bewegte sie die Finger, und jetzt merkte Karen Ross, daß Amy sich in Zeichensprache ausdrückte. Die Geschwindigkeit war verblüffend - sie hatte es sich langsamer und schwerfälliger vorgestellt. Sie bemerkte, daß Amy nie den Blick von Elliots Gesicht wandte. Sie war ungeheuer aufmerksam und behielt ihn mit tierhafter Konzentration stets im Auge. Sie schien alles in sich aufzunehmen, seine Haltung, seinen Gesichtsausdruck, den Klang seiner Stimme und den Sinn dessen, was er sagte. »Ich muß arbeiten«, sagte Elliot. Wieder seufzte sie und machte verächtliche Handbewegungen. »Ja, ganz recht, Menschenarbeit.« Er führte Amy in den Wohnwagen zurück und bedeutete Karen Ross, ihm zu folgen. Als die Tür hinter ihnen geschlossen war, sagte er: »Amy, das ist Dr. Ross. Sag ihr guten Tag.« Amy warf Karen Ross einen mißtrauischen Blick zu. »Hallo, Amy«, sagte Karen Ross und lächelte den Fußboden an. Sie kam sich ein bißchen albern vor, aber Amy war so groß, daß sie ihr Furcht einjagte.
Amy sah sie einen Augenblick an, wandte sich dann ab und ging quer durch den Wohnwagen zu ihrer Staffelei. Sie hatte mit Fingerfarben gemalt und nahm ihre Tätigkeit wieder auf, ohne die beiden weiter zu beachten.
»Was bedeutet das?« fragte Karen Ross. Sie hatte das deutliche Gefühl, Amy habe sie geschnitten. »Das wird sich zeigen«, sagte Elliot.
Nach einigen Augenblicken kam Amy auf ihren Knöcheln gehend zurückgeschlendert. Sie ging direkt auf Karen Ross zu, beschnüffelte ihre Hose am Schritt und nahm sie gründlich in Augenschein. Besonders interessiert schien sie an der ledernen Handtasche der Besucherin, vor allem an der glänzenden Messingschließe daran. Karen Ross berichtete später: »Es war wie bei einer Cocktailparty in Houston. Ich wurde von einer anderen Frau begutachtet und hatte das Gefühl, sie würde mich jeden Augenblick fragen, wo ich meine Kleider kaufe.« Ganz so war es jedoch nicht. Amy streckte die Hand aus und strich bedächtig Kleckse von grüner Fingerfarbe auf das Kostüm der Besucherin.
»Ich habe nicht den Eindruck, daß das gutgehen wird«, sagte Karen Ross.
Elliot hatte diese erste Begegnung mit mehr Mißbehagen beobachtet, als er zugeben mochte. Amy Menschen vorzustellen war oft schwierig, besonders wenn es Frauen waren. Im Laufe der Jahre hatte Elliot zahlreiche ausgesprochen »weibliche« Züge bei Amy erkannt. Sie konnte spröde sein, reagierte auf Schmeicheleien, war auf ihr Äußeres bedacht, machte sich gern zurecht und war sehr wählerisch, wenn es um die Farbe der Pullover ging, die sie im Winter trug. Sie hatte lieber mit Männern als mit Frauen zu tun und war eindeutig eifersüchtig auf Elliots weibliche Bekanntschaften. Er brachte sie auch selten mit, doch manchmal schnüffelte sie ihn morgens nach dem Duft von Parfüm an und kommentierte es stets, wenn er sich nicht umgezogen hatte.