»Beck, wo bist du? Ich sehe dich nicht.« »Ich bin hier oben.«
»Auf dem Baum?« »Nein, auf dem Tisch.«
Auf dem Tisch? Einen Tisch kann ich nicht entdecken, ratlos blicke ich umher.
»Auf dem Tisch auf dem Rasen. Lauf hinter das Beet, dann siehst du ihn!«
Ich trabe also hinter das linke Blumenbeet und sehe dort tats?chlich einen grossen Gartentisch, beziehungsweise die Tischbeine eines solchen. Aus Dackelsicht gar nicht so leicht hinter diesen hohen Stauden zu entdecken, aber das muss er wohl sein.
»Genau, jetzt bist du richtig. Spring mal auf den Stuhl, dann siehst du mich.«
Welche Art Ratespiel soll das eigentlich werden? Ich sehe mich nach einem Stuhl um und finde ihn gleich neben dem Tisch. Hoppla, der ist aber hoch! Hoffentlich komme ich da?berhaupt mit einem Satz drauf.
»H?r mal, Beck, ich weiss nicht, ob ich da raufspringen kann. Das ist ziemlich hoch f?r mich. Warum sagst du mir nicht einfach, was du willst, oder noch besser, kommst einfach zu mir runter?«
»Das geht nicht. Wirst gleich sehen, warum. Also bitte, gib dir M?he und spring!«
Ich seufze und mache drei Schritte zur?ck, um ein bisschen Anlauf zu nehmen. Dann sause ich los und hechte auf den Stuhl. Geschafft! Knapp zwar, aber immerhin. Ein bisschen stolz auf diese Leistung sehe ich mich mit hocherhobenem Kopf um - und entdecke Herrn Beck mitten auf dem Gartentisch. Genauer gesagt: in einem Vogelbauer,der mitten auf dem Gartentisch steht.
»Na, siehst du jetzt, warum ich nicht kommen kann?«
Beck schaut mich ungl?cklich an. Ich hingegen muss sehr an mich halten, um nicht vor Lachen gleich wieder vom Stuhl zu fallen.
»Was machst du denn da? Das sieht ja saukomisch aus! Ein fetter Kater wie du in so einem kleinen K?fig!«
»Ja, danke auch f?r dein Mitgef?hl. Was werde ich hier wohl machen? Ich hatte die historische Chance, mir diesen nervigen, altklugen Wellensittich zu schnappen. Leider habe ich nicht bedacht, dass die K?figt?r nach innen aufgeht und ich sie jetzt nicht aufkriege, weil ich sie mit meiner Gr?sse selbst blockiere.«
»Ich sage doch: Du bist fett!«
Beck ignoriert diesen Einwand und schaut mich stattdessen so eindringlich an, wie man es als Katze durch Gitterst?be hindurch eben kann.
»Du musst mir helfen, Carl-Leopold. Wenn die alte Meyer sieht, dass ich mir ihren Vogel geschnappt habe, gibt es richtig ?rger.«
»Kann sie sich doch auch so denken, selbst wenn du nicht im K?fig sitzt.«
»Ja, denken vielleicht. Aber nicht beweisen. Mein erstes Herrchen war Anwalt, und ich sage dir - zwischen Glauben und Wissen machen die Menschen einen Riesenunterschied.«
»Wie dem auch sei - warum sollte gerade ich dir helfen? Ich kann doch froh sein, wenn du ins Tierheim oder sonst wohin wanderst. Habe ich endlich meine Ruhe vor dir.«
»Hey, Kumpel? Ist das etwa Solidarit?t unter Haustieren?«
»Solidarit?t unter Haustieren? Weiss nicht, dazu w?rde ich jetzt gerne mal den Wellensittich befragen.«
Ich will mich schon umdrehen, da unternimmt Herr Beck noch einen letzten Versuch:»Gut, dann nenn es eben, wie du willst. Aber wenn du jemals mit dem Gedanken gespielt hast, das Kriegsbeil zwischen uns zu begraben, dann w?re jetzt ein extrem g?nstiger Zeitpunkt daf?r. Denk mal dr?ber nach, ob es nicht n?tzlich w?re, einen Freund in diesem Haus zu haben - und zwar einen, der sich verdammt gut mit Menschen auskennt!«
Okay, damit hat er mich. Ich seufze.»Also gut, was soll ich tun?«
»Komm neben den K?fig. Man kann ihn auch von oben ?ffnen, aber daf?r muss man erst einmal die Knoten in der Kordel durchkauen, und das kann ich mit meinem Gebiss nicht allein.«
Ich schaue mir an, was er meint. Tats?chlich, der K?fig hat noch eine obere Klappe, die mit einer Art Band befestigt ist. Die Knoten dieses Bandes liegen ausserhalb des K?figs und sehen aus wie eine l?sbare Aufgabe.
»Ich denke, das k?nnte ich schaffen. Daf?r m?ssen wir den K?fig allerdings umkippen, sonst komme ich nicht an die Knoten ran.«
»Ja, kein Problem. Kipp den K?fig vom Tisch - lieber ein paar Schrammen als weiter hier drin zu sitzen.« »Na gut, dann pass mal auf!«
Mit einem kr?ftigen Schups schiebe ich den K?fig ?ber den Rand des Tisches. Er f?llt mit einem kr?ftigen Rumpeln herunter und landet tats?chlich auf der Seite.
»Autsch!«, ruft Beck aus und sch?ttelt sich kr?ftig. »Na ja, so solltest du wohl rankommen.«
Ich h?pfe vom Tisch ?ber den Stuhl nach unten. Dann stehe ich neben dem K?fig und betrachte mir die Sache noch einmal genauer. Ja, so k?nnte es klappen. Die Knoten liegen genau auf H?he meiner Schnauze. Und f?r meine F?higkeiten als Sachen-Zerkauer bin ich geradezu ber?hmt. Legende, m?chte ich sagen. Sehr zum Leidwesen Emilias, hat sie diese Tatsache doch schon das ein oder andere Paar Schuhe gekostet. Aber irgendwie will diese F?higkeit ja auch trainiert werden.
Ich brauche keine drei Minuten, dann f?llt das Band zur Erde, und die Klappe ?ffnet sich - zum Gl?ck nach aussen. Die ?ffnung ist zwar ziemlich klein, aber Herr Beck zw?ngt sich mit aller Gewalt hindurch. Erstaunlich, wie biegsam Katzen sind. Eigentlich w?ren sie auch gute Baust?berer - aber wahrscheinlich sind sie zu feige, einem Dachs von Angesicht zu Angesicht entgegenzutreten. Da ist so ein Wellensittich nat?rlich leichtere Beute.
Schnaufend sitzt Beck schliesslich neben mir. »Danke, mein Freund.«
»Gerne. Aber sag mal, du hast wirklich diesem bedauernswerten Sittich den Garaus gemacht? Pfui.«
Ich betrachte den K?fig. Komisch, man sieht kaum Federn. Nur ein kleiner gr?ner Plastikvogel liegt schwer zerkratzt auf dem Boden. Hat Beck den Wellensittich tats?chlich mit Haut und Federn verschlungen? Brrr, bei dem Gedanken sch?ttelt es mich. Erlegen ist ja die eine Sache - aber das Beutetier komplett zu fressen? Na ja. Jeder, wie er meint. Beck ist allerdings merkw?rdig still.
»He, ist dir der Sittich auf den Magen geschlagen?«
»Tja, also, wie soll ich sagen - der Sittich lebt noch. Ich habe ihn nicht gefressen.«
»Er lebt noch? Du meinst, du warst in seinem K?fig, und er lebt noch? Aber wo ist er denn?«
»Es ist mir zwar peinlich, es zuzugeben, aber er war gar nicht in dem K?fig, als ich ihn gejagt habe.«
Ich schaue Beck mit grossen Augen an.
»Ja, ich weiss, was du denkst. Aber es ist so: Der bl?de Vogel war nicht in dem K?fig. Ich bin heute Morgen in den Garten spaziert. Als ich den K?fig auf dem Tisch stehen sah, dachte ich, das ist meine Chance. Also ich rauf und gleich rein in den Bauer. Schnappe mir den Kameraden, beisse zu - und habe das bl?de Plastikteil da unten im Maul. Verstehst du? Die alte Meyer hat nur den K?fig draussen saubermachen wollen und ihn deswegen rausgestellt. Der Vogel war gar nicht drin, sondern nur sein Plastikfreund.«
»Bitte? Du hast was? Du hast allen Ernstes den Plastikkameraden da unten erlegt?« Ich pruste laut los. »Das kann doch nicht wahr sein! Wie kann man das Teil denn mit einem echten Vogel verwechseln? Daf?r muss man doch komplett blind sein, ha ha!« Ich rolle mich vor Vergn?gen auf dem Rasen hin und her.
»Na, das Plastikteil sieht schon aus wie ein echter Vogel«, wendet Beck eingeschnappt ein.
»Ja, es sieht vielleicht entfernt so aus. Aber esriechtdoch ganz anders!«
Beck schweigt. Offensichtlich ist mein neuer Freund schwer getroffen von meiner Schadenfreude. Gut, vielleicht sollte ich es nicht?bertreiben.
»Hey, tut mir leid. Ich wollte mich nicht ?ber dich lustig machen. Ich konnte mir nur nicht vorstellen, wie das passiert ist.«
Betr?bt schaut mich Beck an. »Ich kann dir genau sagen, wie das passiert ist: Ich bin eben mittlerweile ein verdammt alter Kater, der nicht mehr die besten Augen und schon gar nicht mehr die beste Nase hat. So ist das passiert. Dass ein Jungspund wie du sich das nicht vorstellen kann, ist v?llig klar.«
O je, da ist jemand gerade ziemlich geknickt. Ist aber auch eine bl?de Geschichte: einen K?fig ohne Beute entern und dann nicht mehr allein rauskommen. Ich versuche, ihn ein bisschen aufzumuntern.
»Ach komm, daf?r kannst du viele Sachen, von denen ich keine Ahnung habe.«