»Also. Gehen wir’s an. Ivor, Sie kommen auch mit. Reden Sie nicht dazwischen, aber haben Sie auch keine Angst, was zu sagen, wenn’s Ihnen notwendig erscheint.«
Diesmal wurde sie also nicht fallengelassen, nachdem sie die Drecksarbeit erledigt hatte, dachte Novello. Toll!
Es sei denn, Dalziel wollte einfach einen Sündenbock parat haben, falls die Dinge nicht so liefen, wie sie sollten. Und das taten sie vom allerersten Augenblick an nicht.
Slater sah ohne sichtbares Wiedererkennen von Wield zu Dalziel und sagte: »Himmel, was soll das denn? Werden Sie sich auf meinen Schoß setzen, während der da mich zu Tode erschreckt?«
»Ein Witzbold«, sagte Dalziel. »Ich lache gern.«
»Ach ja? Und wer zum Henker sind Sie, Kumpel?«
»Ich? Ich bin der Mistkerl, der für diesen Scheißhaufen verantwortlich ist«, entgegnete Dalziel. »Aber das weißt du doch ganz genau, oder, Benny? Wir kennen uns doch.«
Slater sah ihn verständnislos an. Dann sagte er: »Wie haben Sie mich grade genannt?«
»Benny. Ehemals Benjamin Lightfoot.«
Da grinste Slater von einem Ohr zum anderen.
»Ich heiße Barney. Sie denken, ich bin Benny? Ist es das, worum die ganze Sache hier geht? Himmel, was für eine Riesenpanne!«
Wenn er nur spielte, spielte er wirklich gut. Doch Wield, der das Gesicht des Mannes genau beobachtete, war fast sicher, daß er nicht spielte. Der Kerl sah dem Foto von Benny, das er selbst zusammengeschustert hatte, zwar sehr ähnlich, aber im ganzen gab es zu viele Unterschiede.
Dabei ging es weniger um äußerliche Merkmale, sondern eher um den Gesichtsausdruck, das Flackern in den Augen, das Zucken um die Mundwinkel, das lauernde Neigen des Kopfes auf eine Seite, Kleinigkeiten wie diese. Na gut, Menschen konnten sich in fünfzehn Jahren sehr verändern, aber Wield konnte sich keinesfalls vorstellen, daß der verklemmte, scheue und einzelgängerische Junge von damals sich in diesen selbstsicheren, aggressiven und souveränen Mann verwandelt hatte, ebensowenig, wie er sich vorstellen konnte (und das gestand er sich hier zum erstenmal selbst ein), daß Benny Lightfoot genügend Grips gehabt hatte, sicher außer Landes zu gelangen. Nicht einmal mit fünfzigtausend Pfund. Der erste einigermaßen gewiefte Mensch, den er getroffen hätte, hätte ihm das Geld abgenommen!
Wield fragte: »Wann haben Sie Ihren Bruder das letzte Mal gesehen, Mr. Slater?«
»Bevor Ma mit uns nach Australien ging. Wir sind im Tal gewesen, um Granny Lightfoot zu besuchen. Ma meinte, er könnte immer noch mitkommen, wenn er wollte, aber er schüttelte nur den Kopf und klammerte sich an der alten Dame fest, als würde ihn jemand wegzerren wollen.«
Dalziel stöhnte laut auf, sagte aber nichts.
»Hatten Sie weiter Kontakt? Briefe oder so?« wollte Wield wissen.
»Nee. Mal ’ne Weihnachtskarte war das höchste. Wir sind ’ne ziemlich schreibfaule Familie. Bis auf Grannys Briefe, als Benny den Ärger hatte, und das waren auch nur zwei.«
»Wußten Sie von den vermißten Mädchen aus Dendale?«
»Hab mal was gehört. Hab nicht so drauf geachtet. Hatte selber genug Ärger am Hals. Kurz nachdem wir in Australien angekommen waren, fing die Scheiße an. Jack, also Jack Slater, mein Stiefvater, entpuppte sich als der Falsche. Er hat keine krummen Dinger gedreht – jedenfalls nichts, was man gemerkt hätte. Aber schon bald hielt er sich nur noch an Pferde, Schnaps und Flittchen. Ich ging von der Schule, so früh ich konnte, viel früher, als gut für mich war, soviel ist sicher. Jemand mußte ja Geld verdienen. Denn Ma versuchte, mit Jack mitzuhalten, zumindest, was den Schnaps anging. Sie hatte nur nicht seine Konstitution. Als Jack sie schließlich verließ, war sie schon ganz schön krank davon. Das war wohl die Zeit, als die Briefe kamen.«
»Die Briefe von Ihrer Großmutter, Mrs. Lightfoot?«
»Genau. Hören Sie, wenn ich Ihnen das alles erzähle, lassen Sie mich doch hier raus, oder?«
Diese Worte richtete er an Dalziel.
Das Äffchen mochte die Ansprache halten, dachte Novello, aber Slater wußte genau, wer an der Orgel drehte.
»Allmählich denke ich, je eher ich Ihren Allerwertesten sehe, um so besser«, erwiderte Dalziel aufrichtig. »Aber ich kann Ihr Gesicht bestimmt noch so lange ertragen, bis Sie uns alle Fragen beantwortet haben.«
»Sie brauchen mich nicht mit Ihrem Charme zu überschütten, Kumpel«, meinte Slater. »Also gut. Die Briefe. Ich hab nicht weiter drauf geachtet – erst Jahre später, als ich nach dem Tod meiner Ma ihre Sachen aufräumte. Im ersten stand, das alte Mädchen hätte eine neue Adresse bei einer Verwandten in Sheffield, und wenn wir was von Benny hörten, sollten wir’s ihr sagen. Im zweiten stand, daß sie wieder umgezogen war, in dieses Pflegeheim, ›Wark House‹, und sie fragte wieder nach Benny. Das war’s.«
»Hat Ihre Mutter zurückgeschrieben?« fragte Wield.
»Wie soll ich das wissen?« fragte Slater zurück. »Könnte sein aber wie ich schon sagte, die meiste Zeit war sie nicht besonders bei Bewußtsein. Hat manchmal über Granny Lightfoot geredet und sie wohl ganz schön gehaßt. Aber ich glaube, das beruhte auf Gegenseitigkeit. Ma erzählte immer, daß sie ’ne ordentliche alte Frau war mit genug Grips zwischen ihren Ohren, und wenn einer aus der Familie mal zu’n bißchen Kohle käme, dann sie.«
»Hat sie sich denn keine Sorgen um Benny gemacht?« hörte Novello sich fragen.
Slater zuckte mit den Schultern und meinte: »Wer weiß? Sie hat nicht viel von ihm geredet, und wenn, dann nur, daß er sich seine Suppe selbst eingebrockt hätte und sie nun auch auslöffeln könnte. Ich glaube, sie war echt sauer, daß er lieber bei seiner Großmutter bleiben wollte als bei ihr.«
»Aber er war ihr Sohn, ihr Erstgeborener«, beharrte Novello.
»Ach ja? Das machte es ja nur noch schlimmer. Manchmal, wenn sie vom Saufen ganz rührselig war, sagte sie, sie würde Benny gern sehn, bevor sie stirbt. Dann kam sie wieder drüber weg und sagte, er hätte inzwischen wahrscheinlich die Kohle vom alten Mädchen geerbt und würde in Saus und Braus leben, also warum zum Henker sollte sie sich Sorgen um ihn machen, wenn er nicht mal an sie denkt.«
Wield blickte über seine Schulter zu Novello, um zu sehen, ob sie noch etwas zu sagen hätte. Sie schüttelte leicht den Kopf.
»Also, nachdem Ihre Mutter gestorben war, dachten Sie, Sie könnten mal nach England kommen und nachsehen, ob die alte Dame tatsächlich reich war und Sie nicht etwas aus ihr herauspressen können. War es so?« fragte der Sergeant.
»Nein«, sagte Slater, von der provozierenden Fragestellung unbeeindruckt. »Ma ist gestorben, und auf einmal war ich frei und konnte tun und lassen, was mir gefiel, mein Geld ganz für mich allein haben, und ich dachte, die einzigen Verwandten, die ich hab auf der Welt, sind im alten England, also warum nicht hinfahren und mal sehen, was es zu sehen gibt?«
»Und dann sind Sie schnurstracks zum ›Wark House‹ gefahren!« sagte Wield anklagend.
»Aber nein, Kumpel. Ich bin am Montag gelandet und erst mal nach London zu ’nem Kumpel von ’nem Kumpel zum Übernachten. Der hatte dann diesen alten Campingbus, den er mir für ’n paar Scheine geliehen hat. Ist viel billiger als Hotels, und ich bin nun mal ’n Naturbursche. Dann bin ich Richtung Norden gefahren und hab mir die Landschaft angeguckt. Freitag morgen kam ich nach Yorkshire und dachte, es kann ja nicht schaden, die alte Granny Lightfoot zu besuchen. Schön, daß sie noch am Leben war. Allerdings war sie ziemlich gebrechlich. Und durcheinander. Dachte, ich wär Benny. Ich hab versucht, ihr das auszureden, aber dann sagte sie was, das mir echt in den Ohren geklingelt hat, und ich hab’s nicht weiter versucht. Irgendwas, daß sie immer gewußt hätte, daß ich das Geld gefunden und mich damit in Sicherheit gebracht hätte.«
»Ich dachte, Geld interessiert Sie nicht«, sagte Wield.
»Das hab ich nicht gesagt, Kumpel. Ich sagte, das war nicht der Grund, warum ich hergekommen bin. Aber ich wollte auch nicht weggucken, wenn’s so aussieht, als ob es da ein bißchen Knete für mich gibt. Vor allem, als sie andeutete, daß es fünfzigtausend in bar sind, die sie in einer Blechdose unter dem Dachgesims verstaut hatte, wo sie, wie Benny wußte, immer alle Wertsachen aufbewahrte. Also würde er wohl da nachgeguckt haben, als sie ins Krankenhaus kam.«