Wasservögel schwärmten zwar scharenweise über dem Sumpfe, Wiederkäuer aber zeigten sich kaum, was Max Huber sehr bedauerte. Die Enten und Trappen der vorhergehenden Tage hätte er so gern wieder durch Sassabys-Antilopen, Inyalas, Wasserböcke oder andere Vierfüßler ersetzt. Immer hielt er sich deshalb auch mit dem schußfertigen Gewehre, wie ein Jäger auf dem Anstand, vorn auf dem Flosse auf und spähte das Ufer ab, dem sich Khamis je nach den Windungen des Flusses gerade mehr näherte.
Man mußte sich also zum Mittagsessen wohl oder übel mit Keulen und Flügeln von Vögeln begnügen. Verwunderlich war es ja nicht, daß die Theilnehmer an der Karawane des Portugiesen Urdax ihrer täglichen Nahrung etwas überdrüssig wurden. Nichts als gebratenes, geröstetes oder gekochtes Fleisch und dazu einfaches Wasser, kein Obst, kein Brod, kein Körnchen Salz! Zuweilen wohl Fisch, doch in nicht schmackhafter Zubereitung. Sie sehnten sich recht sehr, nach den ersten Ansiedlungen am Ubanghi zu kommen, wo sie alle diese Entbehrungen, dank der großen Gastfreundlichkeit der Missionäre, gewiß bald vergessen würden.
Am heutigen Tage suchte Khamis vergeblich nach einem geeigneten Halteplatze. Die mit hohem Gesträuch bestandenen Ufer erschienen völlig ungangbar. Wie sollte es an ihrem halb erweichten unteren Theile möglich sein, sie zu betreten? Für das Vorwärtskommen war dieser Umstand sogar günstig, denn das Floß setzte infolgedessen seine Fahrt ununterbrochen fort.
So ging es bis gegen fünf Uhr weiter. John Cort und Max Huber plauderten inzwischen von den Erlebnissen während der Reise. Sie erinnerten sich der verschiedenen Vorfälle seit dem Aufbruche aus Libreville, der anregenden und erfolgreichen Jagden im Gebiete des oberen Ubanghi, der reichen Beute an Elefanten, der Gefahren des Zuges, die sie im Laufe von zwei Monaten so glücklich überstanden hatten, und ferner ihrer unbehinderten Rückkehr bis zu dem Tamarindenhügel, der beweglichen Feuer, des Auftauchens der Pachydermenherde und ihres Angriffes auf die Karawane, sowie der Flucht der Träger, des traurigen Endes des Händlers Urdax, der nach dem Sturz des Baumes elend zertreten wurde, und der Verfolgung durch die Elefanten, die erst am Waldessaum aufhörte.
»Ein trauriger Ausgang des so glücklich begonnenen Zuges, schloß John Cort. Und wer weiß, ob ihm nicht ein zweiter und eben so schlimmer noch bevorsteht?
– Das ist wohl möglich, meiner Ansicht nach aber nicht wahrscheinlich, lieber John.
– Nun ja, ich übertreibe vielleicht etwas.
– Nein, sogar bestimmt, denn dieser Wald birgt nicht mehr Geheimnisse als Euere großen Waldungen im fernen Westen, und wir haben obendrein nicht einmal einen Ueberfall durch Rothhäute zu besorgen! Hier giebt es weder Nomaden, noch Ansässige, keine Chiloux, Denkas oder Monbullus, jene wilden Sippen, die durch die Gebiete des Nordostens ziehen und
»Fleisch! Fleisch!« rufen, wie echte Menschenfresser, die zu sein sie ja eigentlich nicht aufgehört haben. Nein, und dieser Wasserlauf, dem wir den Namen Rio Johausen gegeben haben, den des Mannes, dessen Spuren ich so gern nachgegangen wäre, dieser friedliche, sichere Fluß wird uns mühelos bis zu seiner Einmündung in den Ubanghi tragen.
– Den Ubanghi, lieber Max, an den wir auch auf dem Wege um den Wald herum gekommen wären, wie das der arme Urdax sich vorgenommen hatte, und dann noch dazu in einem bequemen Wagen, wo es uns bis zum Ziele der Reise an gar nichts gefehlt hätte!
– Du hast ja recht, bester John, das wäre besser gewesen.
Entschieden gehört dieser Wald auch zu denen der alltäglichsten Sorte und verdient keinen besonderen Besuch. Es ist eben ein Gehölz, ein großes Gehölz, weiter aber auch nichts! Du erinnerst Dich ja der Fackeln, die sich an seinem Rande hin und her bewegten und zwischen dem Gezweig der vordersten Bäume aufleuchteten… dann, als wir dahin kamen… nichts, keine Seele mehr zu entdecken!… Wohin zum Kuckuck, mögen jene Neger nur verschwunden sein!…
Zuweilen kommt mir wirklich der Gedanke, sie in den Kronen der Baobabs, Bombax, Tamarinden und anderer Riesen des Waldes zu suchen… Nein, wahrlich, kein Mensch!
– Max! unterbrach ihn da John Cort.
– John? antwortete Max Huber.
– Willst Du einmal dort hinaus, stromabwärts sehen… dort am linken Ufer….
– Wie?… Ein Eingeborner?
– Ja, doch einer mit vier Beinen!… Sieh, da draußen über dem Gebüsch, ein paar prächtige, kielförmig gestaltete Hörner…«
Auch der Foreloper wandte seine Aufmerksamkeit jetzt derselben Stelle zu.
»Ein Büffel… sagte er.
– Hei, ein Büffel! wiederholte Max, das Gewehr ergreifend.
Das giebt einmal ein leckeres Gericht, wenn ich den Burschen in gute Schußweite bekomme!«
Khamis legte das Steuer mit kräftiger Hand um. Das Floß trieb schräg auf die Uferwand zu; sehr bald war es nur noch etwa dreißig Meter davon entfernt.
»Also endlich ein gutes Beefsteak in Aussicht, murmelte Max Huber, der die Feuerwaffe gegen das linke Knie gestützt hatte.
– Du magst den ersten Schuß haben, Max, sagte John Cort, ich begnüge mich mit dem zweiten, wenn der nöthig würde.«
Der Büffel schien nicht geneigt, von der Stelle, wo er stand, zu weichen. Wohl schnüffelte er eifrig die Luft durch die weiten Nasenlöcher ein, erkannte aber nichts von der Gefahr, die ihm drohte. Da man nicht nach dem Herzen des Thieres zielen konnte, mußte der Kopf als Ziel gewählt werden, und das that auch Max Huber, als er das Thier gut ins Visier bekam.
Der Schuß krachte, der Schwanz des Büffels peitschte hinter dem Gebüsch die Luft und gleichzeitig erscholl ein schmerzhaftes Gebrüll, nicht das gewöhnliche, rauhe Blöken der Büffel… ein Beweis, daß dieser tödtlich getroffen war.
»Hat gesessen!« jubelte Max Huber in befriedigter Jagdlust.
John Cort brauchte nicht erst noch zu feuern, was eine zweite Patrone ersparte. Das zwischen dem Gesträuch zusammengebrochene Thier glitt den Uferabhang hinunter und ein Blutstrom färbte längs des Ufers das klare Wasser des Rio.
Um das köstliche Beutestück nicht einzubüßen, steuerte das Floß nach der Stelle, wo der Wiederkäuer erlegt worden war, und der Foreloper machte sich daran, ihn zu zerlegen, um nur die eßbaren Theile mitzunehmen.
Die beiden Freunde bewunderten voller Freude dieses Exemplar der Wildochsen Afrikas, das von erstaunlicher Größe war. Wenn diese Thiere in Herden von zwei- bis dreihundert Köpfen über die Ebene dahinstürmen, kann man sich wohl vorstellen, welch wüthende Galoppade inmitten der von ihnen aufgewühlten Staubwolken das geben mag.
Hier handelte es sich aber um einen »Onga«, mit welchem Namen die Eingebornen die vereinzelt als Hagestolze umherschweifenden männlichen Büffel bezeichnen, die ihre europäischen Namensverwandten an Größe weit übertreffen.
Die hiesigen haben auch eine mehr gerade Stirne, eine verlängerte Schnauze und mehr oval zusammengedrückte Hörner. Die Haut des Büffels dient zur Anfertigung vorzüglich guter Lederarbeiten, seine Hörner liefern das Material zu Tabakdosen und Kämmen, sein zähes schwarzes Fellhaar benutzt man zum Polstern von Stühlen und Sesseln, seine Filets, Coteletten und Rippenstücke aber geben eine ebenso schmackhafte wie stärkende Nahrung, gleichgiltig ob es sich um afrikanische, asiatische oder amerikanische Büffel handelt.
Kurz, Max Huber hatte einen glücklichen Schuß gethan. Fällt ein Büffel aber nicht auf den ersten Schuß, so wird er zum furchtbaren Feinde, wenn er sich auf den Jäger stürzt.
Mit Hilfe des Beiles und seines Messers nahm Khamis die Ausweidung des Thieres vor, wobei seine Gefährten ihm so gut wie möglich helfen mußten. Das Floß durfte nicht unnöthigerweise überlastet werden, und zwanzig Kilogramm dieses appetitlichen Fleisches versprachen ja für mehrere Tage auszureichen.
Während nun diese wichtige Arbeit vor sich ging, war Llanga, der sonst immer gern beobachtete, was seine Freunde Max und John interessierte, diesmal unter dem Bananendache, und zwar aus folgendem Grunde zurückgeblieben: Bei dem Knalle des Flintenschusses war sein kleiner Pflegling ein wenig aus der langen Betäubung erwacht und hatte mit den Armen eine leichte Bewegung gemacht. Hoben sich seine Lider dabei auch nicht in die Höhe, so entfloh seinen entfärbten Lippen doch nochmals das einzige Wort, das Llanga bisher von ihm vernommen hatte: