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Eine Stunde verstrich ohne Aenderung der Sachlage. Khamis ging unausgesetzt nach allen Seiten hin und her und spähte nach der früher führenden Fackel. Warum hätte er dem unbekannten Führer auch nicht noch weiter folgen sollen? Sein Instinct in Verbindung mit gelegentlichen Beobachtungen sagte ihm freilich, daß er immer nach Osten zu gegangen sei. Das war aber nicht die Seite, wo der Ubanghi verlief, nicht der Weg, der ihn zurückführte. Wohin mochte er sich unter Leitung jenes Lichtscheines verirrt haben?

Was war zu thun, da dieser nicht wieder sichtbar wurde?…

Von hier weggehen?… Doch wohin?… Hier bleiben?… Sich ernähren, so gut es anging?… Schon meldeten sich der Hunger und der Durst wieder recht bedenklich.

»Wir werden aber, begann John Cort, trotz alledem gezwungen sein, aufzubrechen, und ich frage mich, ob es nicht das rathsamste ist, sofort weiter zu wandern.

– Nach welcher Seite denn?« warf Max Huber ein.

Das war freilich eine wichtige Frage, zu deren Beantwortung es an jeglicher Handhabe fehlte.

»Kurz und gut, fuhr John Cort ungeduldig fort, so viel ich weiß, sind wir hier doch nicht festgewurzelt. Der Weg zwischen den Bäumen steht ja offen und es ist nicht mehr so dunkel, daß man sich nicht zurechtfinden könnte.

– So kommen Sie!« rief Khamis.

Alle drei gingen etwa einen Kilometer vorsichtig weiter. Der Weg führte unverändert über einen strauch- und buschlosen Boden, über einen nackten und so trockenen Teppich, als läge er unter einem für Regen und Sonnenstrahlen ganz undurchdringlichen Dache.

Ueberall dieselben Bäume, von denen nur die untersten Aeste zu sehen waren. Und noch immer der konfuse Lärm, der von oben herabzuschalten schien und dessen Ursprung ganz unerklärbar blieb.

Der Wald schien unter dem Laubdache nicht gänzlich öde und verlassen zu sein. Wiederholt glaubte Khamis Schattengestalten zwischen den Bäumen hinschlüpfen zu sehen, ohne sich klar zu werden, ob er sich täusche oder nicht.

Nach einer halben Stunde erfolgloser Umschau setzten sich seine Gefährten und er nahe am Stamme einer Bauhinia nieder.

Ihre Augen hatten sich an die, übrigens langsam abnehmende Dunkelheit schon etwas gewöhnt. Infolge des Aufsteigens der Sonne wurde es unter der den Erdboden überspannenden Decke ein wenig heller. Schon konnte man auf zwanzig Schritte alles deutlicher erkennen.

Da flüsterte der Foreloper den anderen zu;

»Dort unten bewegt sich etwas…

– Ein Thier oder ein Mensch? fragte John Cort, während er nach der bezeichneten Richtung hinausblickte.

– Jedenfalls könnte es nur ein Kind sein, sagte der Foreloper.

Der kleinen Gestalt nach…

– Sapperment, das ist ein Affe!« unterbrach ihn Max Huber.

Unbeweglich starrten alle hinaus, um den vermuthlichen Vierhänder nicht zu verscheuchen. Gelang es, sich seiner zu bemächtigen… nun… trotz des von Max Huber und John Cort geäußerten Widerwillens gegen Affenfleisch… freilich, wie hätte das ohne Feuer geröstet oder gebraten werden sollen?

Das seltsame Wesen kam näher heran, verrieth aber keinerlei Erstaunen. Es ging auf den Hinterbeinen und blieb wenige Schritte vor den Männern stehen.

Wie verblüfft waren aber John Cort und Max Huber, als sie jetzt das merkwürdige Geschöpf erkannten, das Llanga gerettet hatte, jenen Schützling des jungen Eingebornen.

Da schwirrten plötzlich die Worte durcheinander:

»Er… das ist er!

– Unzweifelhaft!

– Doch da dieser Kleine hier erscheint, warum sollte Llanga nicht ebenfalls hier sein?

– Sind Sie sicher, daß Sie sich nicht täuschen? fragte der Foreloper.

– Ganz sicher, erklärte John Cort, übrigens werden wir davon sogleich einen Beweis haben!«

Damit zog er die von dem Halse des Kleinen genommene Denkmünze aus der Tasche und ließ sie, die Schnur in der Hand haltend, hin und her pendeln wie ein Spielzeug, das man einem Kinde bietet, um es heranzulocken.

Kaum hatte der Kleine die Denkmünze bemerkt, als er schon mit einem Satze darauf zu sprang. Jetzt war er nicht mehr krank! In den verflossenen drei Tagen hatte er seine Gesundheit und auch seine Gelenkigkeit wieder erlangt. Er stürzte auf John Cort zu mit der deutlichen Absicht, sein Eigenthum wieder in Empfang zu nehmen.

Khamis ergriff ihn bei dieser Bewegung; jetzt entschlüpfte dem Munde des Kleinen aber nicht das Wort »Ngora«, sondern er rief deutlich:

»Li-Maï!… Ngala… Ngala!«

Was diese Wörter einer selbst Khamis völlig unbekannten Sprache wohl bedeuten könnten, darüber nachzudenken hatten die drei Männer jetzt keine Zeit. Plötzlich tauchten nämlich weitere Vertreter derselben Rasse auf, aber lauter Erwachsene, die vom Kopf bis zu den Füßen mindestens fünfundeinhalb Fuß maßen.

Khamis, John Cort und Max Huber hatten noch nicht bestimmt erkennen können, ob sie es hier mit Menschen oder mit Vierhändern zu thun hätten.

Dem reichlichen Dutzend von Bewohnern des großen Waldes Widerstand leisten zu wollen, wäre ganz nutzlos gewesen. Der Foreloper, Max Huber und John Cort wurden an den Armen gepackt, vorwärts gedrängt und gezwungen, zwischen den Bäumen hin zu gehen, und von der Bande umringt, kamen sie erst nach einem Wege von fünf- bis sechshundert Metern zum Stillstehen.

An dieser Stelle hatten es zwei nahe bei einander und schräg stehende Bäume ermöglicht, dazwischen dünne Aeste wie eine Art Stufen zu befestigen. Wenn auch keine Treppe, war das doch besser als eine Leiter. Fünf oder sechs Individuen kletterten darauf voraus, während die übrigen ihre Gefangenen, ohne sie übrigens zu mißhandeln, zwangen, jenen auf dem nämlichen Wege zu folgen.

Je höher man hinauskam, desto heller glänzte das Licht durch das Laubwerk. Da und dort blitzten sogar einzelne Sonnenstrahlen hindurch, deren Khamis und seine Gefährten seit dem Aufbruche vom Rio Johausen beraubt gewesen waren.

Max Huber hätte ein arger Zweifler sein müssen, nicht zuzugestehen, daß das, was er hier erlebte, zur Kategorie des ganz außergewöhnlichen gehörte.

Als der Aufstieg etwa hundert Fuß über der Erde ein Ende nahm, welche Ueberraschung harrte ihrer da! Vor sich sahen sie eine hell vom Himmelslicht beleuchtete Plattform liegen.

Darüber wölbten sich die üppiggrünen Gipfel der Bäume.

Darauf aber standen in leidlicher Ordnung aus gestampfter Erde und Laub erbaute Hütten, die wirkliche Straßen bildeten.

Das Ganze stellte also ein in dieser Höhe errichtetes Dorf dar, dessen Grenzen sich vorläufig dem Blicke entzogen.

Hier schwärmten eine Menge Eingeborner umher, Leute mit ähnlichem Typus, wie dem des Schützlings Llanga’s. Ihre mit der des Menschen übereinstimmende Haltung ließ erkennen, daß sie aufrecht zu gehen gewöhnt waren, sie hatten also das Recht zur Bezeichnung als Erectus – die der Doctor Eugène Dubois den in den Wäldern Javas aufgefundenen Pitheranthropen beigelegt hatte

– womit er einen

anthropogenischen Charakter andeuten wollte, den der genannte Gelehrte, unter Anlehnung an die Lehre Darwin’s als das wichtigste Mittelglied zwischen dem Menschen und dem Affen betrachtete.

Wenn die Anthropologen behaupten, daß auch die am höchsten entwickelten Vierhänder unter dem Affengeschlechte, die, die sich ihrer Körpergestalt nach dem Menschen am meisten nähern, sich von diesem durch die Eigenthümlichkeit unterscheiden, daß sie sich ihrer vier Gliedmaßen bedienen, wenn sie fliehen, so schien es doch, daß diese Bemerkung für die Bewohner des Dorfes in den Lüften nicht zutreffen könne.