Der Maester lauschte höflich.»Die Wildlingsfrau könnte Old Nan im Geschichtenspinnen unterrichten, denke ich«, sagte er, als Bran fertig war.»Ich werde mit ihr sprechen, wenn du möchtest, aber es wäre das beste, wenn du deinen Bruder nicht mit dieser Narretei belastest. Er hat mehr als genug zu bedenken und sollte sich nicht noch dazu um Riesen und tote Männer in den Wäldern sorgen müssen. Es sind die Lannisters, die deinen Vater gefangenhalten, Bran, nicht die Kinder des Waldes. «Sanft legte er Bran eine Hand auf den Arm.»Denk
darüber nach, was ich dir gesagt habe, Junge.«
Und zwei Tage später, als der Morgen rot am windgepeitschten Himmel begann, fand sich Bran auf dem Hof unter dem Tor wieder, auf Dancers Rücken festgeschnallt, und nahm von seinem Bruder Abschied.
«Du bist nun Herr auf Winterfell«, erklärte Robb. Er saß auf einem zottig grauen Hengst, sein Schild hing an der Flanke des Pferdes, Holz, von Eisen eingefaßt, weiß und grau, und darauf das zähnefletschende Gesicht eines Schattenwolfes. Sein Bruder trug graue Ketten über gebleichtem Leder, Schwert und Dolch an seiner Hüfte, einen pelzbesetzten Umhang um die Schultern.»Du mußt an meine Stelle treten, wie ich an Vaters getreten bin, bis wir heimkehren.«
«Ich weiß«, erwiderte Bran niedergeschlagen. Nie zuvor hatte er sich derart klein oder allein oder verschüchtert gefühlt. Er wußte nicht, wie man ein Lord war.
«Höre auf Maester Luwins Rat und kümmere dich um Rickon. Sag ihm, ich käme wieder, sobald die Kämpfe vorüber sind.«
Rickon hatte sich geweigert, herunterzukommen. Er hockte oben in seiner Kammer, rotäugig und trotzig.»Nein!«hatte er geschrien, als Bran ihn fragte, ob er sich von Robb denn nicht verabschieden wolle.»KEIN Abschied!«
«Ich habe es ihm gesagt«, antwortete Bran.»Er meint, niemand kommt je zurück.«
«Er kann nicht ewig ein Säugling bleiben. Er ist ein Stark und fast schon vier. «Robb seufzte.»Nun, Mutter wird bald zu Hause sein. Ich bringe Vater mit, versprochen.«
Er wendete sein Pferd und trabte davon. Grey Wind folgte ihm, lief neben dem Streitroß, schlank und schnell. Hallis Mollen ritt vor ihnen durch das Tor, trug das flatternde, weiße Banner des Hauses Stark über einer hohen Standarte von grauer Asche. Theon Greyjoy und der Grearjon ritten zu beiden
Seiten von Robb, und ihre Ritter formierten sich hinter ihnen zu einer doppelten Kolonne, und die stählernen Spitzen ihrer Lanzen glitzerten in der Sonne.
Beunruhigt dachte er an Oshas Worte. Er marschiert in die falsche Richtung, dachte er. Einen Moment lang wäre er ihm gern nachgaloppiert, um ihn zu warnen, doch als Robb unter den Falltoren verschwand, war der Augenblick vergangen.
Von jenseits der Burgmauern war Geschrei zu hören. Die Fußsoldaten und Dorfbewohner jubelten Robb zu, während er vorüberritt. Jubel für Lord Stark, für den Herrn von Winterfell auf seinem großen Hengst, mit seinem flatternden Umhang und Grey Wind an seiner Seite. Ihm würden sie niemals so zujubeln, drängte es sich mit dumpfem Schmerz in sein Bewußtsein. Er mochte der Lord von Winterfell sein, solange sein Bruder und sein Vater fort waren, dennoch blieb er Bran, der Gebrochene. Er konnte nicht einmal allein von seinem Pferd steigen.
Als der ferne Jubel zu Stille verklungen war und sich der Hof schließlich geleert hatte, erschien ihm Winterfell verlassen und tot. Bran betrachtete die Gesichter derjenigen, die geblieben waren, Frauen und Kinder und alte Männer… und Hodor. Der riesenhafte Stalljunge sah ihn mit verlorenem und verängstigtem Blick an.»Hodor?«sagte er traurig.
«Hodor«, stimmte Bran ihm zu, ohne zu wissen, was es bedeutete.
Daenerys
Nachdem er sich mit ihr vergnügt hatte, erhob sich Khal Drogo von der gemeinsamen Bettstatt und ragte über ihr auf. Dunkel wie Bronze schimmerte seine Haut im rötlichen Licht des Feuers, die leisen Spuren alter Narben waren deutlich auf seiner breiten Brust zu erkennen. Pechschwarzes Haar, offen und ungebunden, wallte über Schultern und Rücken hinab, weit über seine Hüften. Feucht glänzte seine Männlichkeit. Der Mund des khal zuckte zweifelnd unter seinem langen Schnauzbart.»Der Hengst, der die Erde besteigt, braucht keine Eisenstühle.«
Dany stützte sich auf einen Ellenbogen und blickte zu ihm auf, wie er groß und prachtvoll dastand. Besonders sein Haar liebte sie. Es war nie geschnitten worden, er hatte nie eine Niederlage erlitten.»Der Prophezeiung nach wird der Hengst zu den Enden der Welt reiten«, sagte sie.
«Die Erde endet am schwarzen Salzmeer«, entgegnete Drogo barsch. Er befeuchtete ein Tuch in einem Becken mit warmem Wasser, um Schweiß und Öl von seiner Haut zu waschen.»Kein Pferd kann das giftige Wasser überqueren.«
«In den Freien Städten gibt es Tausende von Schiffen«, erklärte ihm Dany wie schon oft zuvor.»Hölzerne Pferde mit hundert Beinen, die auf windgefüllten Flügeln über die See fliegen.«
Khal Drogo wollte davon nichts hören.»Ich werde nicht mehr weiter über Holzpferde und Eisenstühle sprechen. «Er ließ das Tuch fallen und begann, sich anzuziehen.»Heute werde ich ins Gras gehen und jagen, Eheweib«, verkündete er, während er sich eine bemalte Weste überzog und einen breiten Gürtel mit schweren Medaillons aus Silber, Gold und Bronze anlegte.
«Ja, meine Sonne, meine Sterne«, sagte Dany. Drogo würde seine Blutreiter nehmen und sich auf die Suche nach krakkar, dem großen, weißen Löwen der Steppe machen. Falls sie erfolgreich heimkehrten, wäre die Freude ihres Gatten unbändig, und vielleicht würde er sie dann anhören.
Wilde Tiere fürchtete er nicht, und auch keinen Menschen, der je über diese Erde gewandelt war, doch das Meer war eine andere Sache. Für die Dothraki war Wasser, das Pferde nicht trinken konnten, faulig. Die wogenden, graugrünen Ebenen des Meeres erfüllten sie mit argwöhnischer Verachtung. Drogo war in einem halben Hundert Dinge kühner als die anderen Reiterlords, wie sie herausgefunden hatte… nur nicht in dieser Hinsicht. Wenn sie ihn nur auf ein Schiff locken könnte…
Nachdem der khal und seine Blutreiter mit ihren Bögen fortgeritten waren, rief Dany ihre Dienerinnen. Ihr Leib fühlte sich so fett und plump an, daß sie die Hilfe ihrer starken Arme und flinken Hände willkommen hieß, während ihr früher die Art und Weise, in der man sie umschwirrte und umschwärmte, oftmals unangenehm gewesen war. Man schrubbte sie sauber und kleidete sie in weite, fließende Seide. Als Doreah ihr Haar auskämmte, schickte sie Jhiqui, nach Ser Jorah Mormont zu suchen.
Der Ritter kam sogleich. Er trug Hosen aus Pferdehaar und eine bemalte Weste wie ein Reiter. Grobes, schwarzes Haar überzog seine breite Brust und die muskulösen Arme.»Meine Prinzessin, wie kann ich Euch zu Diensten sein?«
«Ihr müßt mit meinem Hohen Gatten sprechen«, sagte Dany.»Drogo sagt, der Hengst, der die Welt besteigt, wird über alle Länder unserer Erde herrschen und muß nicht übers giftige Wasser fahren. Er spricht davon, sein khalasar gen Osten zu führen, sobald Rhaego geboren ist, um die Länder an der Jadesee zu plündern.«
Der Ritter wirkte nachdenklich.»Der khal hat die Sieben
Königslande nie gesehen«, sagte er.»Sie bedeuten ihm nichts. Wenn er überhaupt eine Vorstellung von ihnen hat, dann denkt er ohne Zweifel nur an Inseln, ein paar kleine Städte, die sich wie Lorath oder Lys an die Klippen klammern, umgeben von stürmischer See. Die Reichtümer des Ostens müssen ihm verheißungsvoller erscheinen.«
«Aber er muß nach Westen reiten«, wandte Dany verzweifelt ein.»Bitte, helft mir, es ihm zu vermitteln. «Auch sie hatte die Sieben Königslande nie gesehen, ebensowenig wie Drogo, doch war ihr, als kannte sie diese aus all den Geschichten, die ihr Bruder erzählt hatte. Tausendmal hatte Viserys versprochen, er wollte sie eines Tages dorthin bringen, und nun war er tot, und sein Versprechen war mit ihm gestorben.
«Die Dothraki handeln nach ihrer eigenen Zeit, nach ihren eigenen Beweggründen«, antwortete der Ritter.»Habt Geduld, Prinzessin. Begeht nicht den Fehler Eures Bruders. Wir werden in die Heimat zurückkehren, das verspreche ich.«