Beate stand an der Tafel und wiederholte ihre Anordnungen einem halben Dutzend Dienern zum soundsovieltenmal. Sie schlug fröhlich in die Hände, als sie Klaudine erblickte.
»Wahrhaftig, Herzenskind«, rief sie, »du bist unheimlich reizend heute in deinem vorweltlichen Kleide da. Und wie gut sich der Urgroßmutterstaat erhalten hat, nicht einmal das Silber ist schwarz geworden!«
Sie klopfte der Cousine die Wange, und auf die Tafel zeigend, die blitzte und funkelte, fragte sie: »Ist's recht so, Klaudinchen? Von dort oben, wo Ihre Hoheit sitzt, kann man das Feuerwerk am besten sehen. Du kommst hier etwas weiter unten her, diese zwölf Gedecke sind für die Prinzessinnen und ihre Herren. Die anderen müssen sich an allen den kleinen Tischen im Garten oder im Saale verteilen, wie das Geschick sie zusammenführt. Dort stehen die Körbchen mit den Losen, ich habe deinen Rat befolgt.«
»Ich bitte dich, Beate, laß mich von der herzoglichen Tafel weg«, rief Klaudine flehend, »ich sitze irgendwo anders lieber.«
»Damit mir deine Hoheit den ganzen Abend ein böses Gesicht zieht! Nein, mein Schatz, daraus wird nichts, beiße nur in den sauren Apfel. Wer dein Nachbar wird, weiß ich allerdings nicht. Aber verzeih, ich muß noch einmal zu der Mamsell.«
»Beate!« rief Klaudine, aber diese war schon hinter dem Teppich verschwunden, der den Flur heute von der Halle abschloß. Zögernd schritt sie dem Ausgang zu. Am liebsten wäre sie noch in dieser Minute auf den dünnen Sohlen die steinigen Waldwege entlang gewandert nach ihrem friedvollen, weltabgeschiedenen Heim. Drüben klangen jetzt die Töne eines Walzers, ihr war so bitter zumute. Sie wußte sich frei von Schuld, und dennoch wich ein beklemmendes Gefühl nicht von ihr. Sie wußte, daß der Herzog deshalb noch zugesagt hatte, weil die Durchreise des Großherzogs von Z., den zu begrüßen er nach der nächsten Bahnstation hatte fahren wollen, abgemeldet worden war. Und dennoch, auf all diesen Gesichtern hatte sie einen so sonderbaren Ausdruck gelesen, man war so beflissen gewesen zurückzutreten, als Seine Hoheit sich näherte, und er hatte sie aus der Nähe des Herzogs entfernt mit einer Bemerkung, so unartig, so unritterlich wie möglich! Sie preßte die Lippen aufeinander.
Plötzlich hob sie den Kopf. Ein eigentümlicher Laut, der grell über der gedämpften Musik schwebte, ließ sie aufhorchen, sie wußte nicht, kam er aus der Halle oder von draußen. Es klang wie der ängstliche Schrei eines Tieres. Aber jetzt – nein, das war eine Kinderstimme – angstvoll, gellend scholl sie herunter von dort oben. Im nächsten Augenblick flog Klaudine die Stufen empor, eilte durch den breiten oberen Flur und trat in die weitgeöffnete Tür, aus der die Klagetöne erschollen.
Der rosa Schein der leise schwankenden Ampel erhellte nur matt das Gemach. Zunächst sah Klaudine nichts als den großen weichen Spielteppich der Kleinen mit durcheinander geworfenen Puppen und anderem Spielzeug, und das leere Bettchen, dessen Vorhänge weit zurückgeschlagen waren. Das Weinen war verstummt, nichts rührte sich. Klaudines Blicke forschten umher, dann trat sie einen Schritt näher und ihre Augen wurden starr vor Entsetzen. Dort im weit geöffneten Fenster, nicht mehr auf der inneren Fensterbank, nein, auf der Steinbrüstung außen kauerte das Kind! Sein langes Nachtkleid hatte sich hindernd um die Beinchen gewickelt, es saß da ganz frei, den Rük- ken nach der Tiefe gewendet, und starrte mit tränenerfüllten Augen die unerwartete Erscheinung der fremden Dame an. Die geringste Bewegung – und das Kind mußte hinunterstürzen.
Atemlos stand das junge Mädchen einen Augenblick, blitzschnell kreuzten sich die Gedanken hinter ihrer Stirn. Würde das Kind erschrecken, wenn sie näher trat? »Barmherziger Gott, hilf mir!« flüsterte sie.
Über ihr starres Gesicht glitt plötzlich ein Lächeln, mit raschem Griff hatte sie ihr Armband abgenommen und drehte es spielend und lockend hin und her, während sie einen Schritt vorwärts tat, und noch einen und noch einen. Jetzt erfaßte sie das lange Kleidchen, ein schwacher Schrei entrang sich – der kleine Körper schlug rückwärts, aber kraftvoll griff die zweite Hand nach, und im nächsten Augenblick kniete sie auf dem Teppich, das zu Tode erschreckte Kind im Schoß. Die zitternden Knie hatten ihr den Dienst versagt, halb ohnmächtig sank ihr Kopf gegen den Pfeiler eines Spiegeltisches, während ihre blauen, großen Augen wie erloschen aus dem kreideweißen Antlitz blickten.
Es kniete jemand neben ihr, genau so erschreckt, so blaß, so zitternd. Zwei heiße Lippen preßten sich auf ihre Hände und auf des Kindes Gesichtchen.
»Lothar!« murmelte sie und strebte zitternd empor.
Er nahm ihr das Kind vom Schoß, trug es ins Bettchen und trat dann zu ihr, die hochaufgerichtet dort stand und nun mit schnellen Schritten an ihm vorüberstrebte.
»Klaudine!« scholl es bebend, und seine Gestalt vertrat ihr den Weg.
»Es war beinahe zu spät«, sagte sie und versuchte zu lächeln.
Er faßte ihre Hand und führte sie zu dem Bettchen. Die Kleine saß aufrecht darin und lachte. Er hob sie empor und hielt des Kindes Gesicht an die blasse Wange des Mädchens.
»Bedanke dich!« sagte er mit seltsam bewegter Stimme, »dein Vater darf es nicht.«
Klaudine sah, wie die Hände, die das Kind hielten, zitterten. Sie küßte flüchtig die kleine Wange.
»Ich war vorher sehr zornig auf mich«, sprach sie kühl, »daß ich Ihre Einladung doch noch annahm, Vetter – ich darf mir jetzt wohl verzeihen.«
Eine schwüle Pause entstand. Die Kleine hatte jauchzend nach dem Stern in dem blonden Haar gegriffen, Klaudine mußte den Kopf neigen, um die Fäustchen zu lösen. Draußen flog eben mit zischendem Laut eine Rakete empor, das Zeichen für den Beginn des Mahles. Musik, Lachen, plaudernde Stimmen drangen deutlicher herauf, und ein glutroter Schimmer brach durch die Fenster.
Sie war vor den Spiegel getreten, um die zerzausten Löckchen etwas zu ordnen. Sie sah nicht den leidenschaftlichschmerzlichen Blick der dunklen Männeraugen, die ihr folgten, wie sie nicht gesehen hatte, daß vor ein paar Minuten in der weit geöffneten Tür eine zierliche Gestalt im blaßblauen Seidenröckchen wie hingeweht gestanden hatte, um gleich wieder zu fliehen, als sei dort in dem dämmernden Zimmer etwas entsetzliches zu erblicken gewesen, während es doch das entzückendste Bild war, ein schlankes Mädchen an der Seite des schönen Mannes, der sein spielendes Kind auf den Armen hält.
»Ich werde veranlassen, daß die Wärterin kommt«, sagte Klaudine jetzt im Hinausgehen, »die kleine Unternehmungslustige möchte sich sonst zum zweitenmal aus dem Bettchen entfernen.«
In diesem Augenblick erschien zwar nicht die unzuverlässige Kinderfrau, wohl aber Frau von Berg.
»Sie werden die Güte haben, Frau von Berg, an Leonies Bett zu bleiben, bis die Kinderfrau, die Sie übrigens vortrefflich unterrichtet zu haben scheinen, zur Stelle ist. Ich möchte nämlich nicht gern, daß die Kleine noch einmal in die Gefahr kommt, dort hinauszustürzen.«
Klaudine war rasch auf den Flur getreten, sie konnte nicht mehr das namenlos bestürzte Gesicht der schönen Italienerin erblicken, die auf ein paar verzweiflungsvoll geflüsterte Worte der Prinzeß Helene über das befremdende Schauspiel kraft ihres Amtes einmal in der Kinderstube nachschauen wollte. Klaudine schritt schon am Ende des Ganges, als Lothar sie einholte. Nebeneinander betraten sie die Treppe, die in die Halle führte.
Es ging wie staunende Bewunderung einen Augenblick durch alle die Menschen, die den Raum füllten oder draußen vor der Halle standen. Die Herzogin aber winkte mit ihrem Granatstrauß empor.
»Klaudine«, sagte sie, als das Mädchen vor ihr stand, »wir haben beschlossen, mitzulosen. Warum sollten sich der Herzog und ich nicht auch einmal dem Zufall anvertrauen? Unsere liebenwürdige Wirtin hat noch rasch unsere Namen hineinwerfen müssen.«
Und als jetzt Komtesse Moorsleben in einem blumigen Rokokokostüm mit zierlichem Knicks Ihrer Hoheit die silberne Schale darbot, welche die goldgeränderten Zettelchen mit den Namen der Herren enthielt, griff die schmale Frauenhand keck hinein und entnahm eine der kleinen Rollen. Prinzeß Thekla dankte. Die Hand der Prinzeß Helene, die einen Schritt hinter Ihrer Hoheit stand, zitterte, als sie den kleinen Zettel nahm.