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Der Bursche blickte ihn an — ihre Gesichter waren nur ein paar Zentimeter voneinander entfernt — und grinste, dann zuckte er die Achseln, und Arren nahm an, daß er es nicht wußte. Doch dann bewegte er seine gefesselten Hände und versuchte ihm etwas zu zeigen; er öffnete seinen noch grinsenden Mund weit — und wo eine Zunge hätte sein sollen, war nur noch ein schwarzer Stummel.

»Wahrscheinlich nach Schoul«, sagte ein Mann hinter Arren, und ein anderer fügte hinzu: »Oder auf den Markt nach Amrun.« Doch der Mann mit dem Halsband, dem nichts auf dem Schiff zu entgehen schien, zischte: »Ruhe, kein Wort, oder ich werfe euch den Haifischen als Futter vor«, und alle schwiegen.

Arren versuchte sich diese Orte, Schoul und Amrun, vorzustellen. Dort wurden Sklaven verkauft. Sie wurden den Käufern vorgeführt wie Ochsen oder Schafböcke auf dem Markt von Berila. Er würde dort in Ketten stehen. Irgend jemand würde ihn kaufen und nach Hause führen und ihm einen Befehl erteilen, und er würde den Gehorsam verweigern. Oder er würde gehorchen und versuchen zu entfliehen. So oder so, er würde getötet werden. Es war keine Empörung, die bei dem Gedanken an Sklaverei in seinem Herzen aufwallte, dazu fühlte er sich viel zu elend und war zu verwirrt. Er wußte ganz einfach, daß er es nicht tun konnte, daß er innerhalb einer oder zwei Wochen sterben oder getötet werden würde. Obgleich er dies voraussah und als Tatsache hinnahm, erschütterte ihn der Gedanke, und er versuchte, nicht weiter an die bevorstehenden Tage zu denken. Er starrte auf die faulenden, schwarzen Planken des Laderaums zwischen seinen Füßen. Die Sonne brannte auf seine nackten Schultern, und er fühlte, wie der Durst seinen Mund austrocknete und seine Kehle zuschnürte.

Die Sonne ging unter. Die Nacht war klar und kalt. Die Sterne hoben sich scharf vom dunklen Himmel ab. Die Trommel schlug langsam, gleichmäßig wie ein Herzschlag. Das Rudern wurde nicht unterbrochen, denn es regte sich kein Wind. Die Kälte wurde unerträglich. Arren bekam ein wenig Wärme von den hochgezogenen Beinen des Mannes hinter ihm, und an seiner linken Seite von dem Stummen, der zusammengekauert saß und ununterbrochen einen einzigen Ton vor sich hinsummte. Die Ruderer lösten sich ab, die Trommel fing wieder von neuem an. Arren hatte auf die Dunkelheit gewartet, doch jetzt konnte er nicht schlafen. Seine Muskeln schmerzten ihn, und er konnte seine Stellung nicht ändern. Er saß und zitterte vor Kälte. Mit wunden Gliedern und ausgetrockneter Kehle starrte er hinauf zu den Sternen, die sich bei jedem Ruderschlag heftig bewegten, dann wieder an ihren gewohnten Platz zurückrutschten, still standen, sich dann wieder bewegten, zurückrutschten, still standen…

Der Mann mit dem Halsband und ein anderer Mann standen zwischen dem hinteren Laderaum und dem Mast. Die kleine, pendelnde Laterne am Mast warf einen schwachen Schein und zeichnete die Umrisse ihrer Köpfe und Schultern ab. »Nebel, verfluchtes Schwein«, erklang die schwache, haßerfüllte Stimme des Mannes mit dem Halsband. »Was hat ein Nebel zu dieser Jahreszeit in den südlichen Gewässern zu suchen? Verflucht!«

Die Trommel dröhnte weiter. Die Sterne bewegten sich, rutschten zurück, standen still. Der Mann ohne Zunge, der neben Arren saß, schauderte plötzlich zusammen, hob den Kopf und stieß einen durchdringenden Angstschrei aus, einen furchtbaren, formlosen, unmenschlichen Schrei. »Ruhe!« brüllte der andere Mann am Mast. Der Stumme schauderte wieder zusammen und setzte sein monotones Summen und die unaufhörlich kauende Bewegung seines Unterkiefers fort.

Die Sterne glitten verstohlen vorwärts und verschwanden im Nichts.

Der Mast schwankte und verschwand. Eine feuchtkalte graue Decke schien sich auf Arrens Schultern zu senken. Die Trommel stockte kurz und fuhr dann in langsamerem Rhythmus fort.

»Wie Sauermilch so dick!« zischelte die heisere Stimme irgendwo über Arren. »Rudert! Es gibt keine Untiefen im Umkreis von zwanzig Meilen!« Ein horniger, vernarbter Fuß tauchte aus dem Nebel auf, hielt kurz vor Arrens Gesicht an und verschwand mit dem nächsten Schritt.

Der Nebel löschte jede Empfindung des Vorwärtsbewegens aus, nur das Ziehen der Ruder war zu spüren. Der Schlag der Trommel klang dumpf und erstickt. Die feuchte Kälte drang bis auf die Knochen. Der Nebel kondensierte sich in den Haaren, und Arren versuchte, die Tropfen mit seiner Zunge aufzufangen, um seinen Durst zu stillen, doch seine Zähne klapperten zu stark. Das kalte Metall einer Kette schlug gegen seinen Schenkel und brannte wie Feuer auf der Haut. Die Trommel schlug, und schlug — und verstummte.

Es war totenstill.

»Schlag weiter! Was ist los?« zischte die heisere, pfeifende Stimme aus dem Bug des Schiffes. Alles blieb still.

Das Schiff rollte ein wenig auf dem stillen Wasser. Hinter der kaum sichtbaren Reling lag nichts, nur Leere. Irgend etwas rieb an der Schiffswand. Das Geräusch klang laut in dieser unheimlichen Stille und Dunkelheit. »Wir sind aufgelaufen«, flüsterte einer der Gefangenen, doch die Stille erstickte seine Stimme.

Der Nebel hellte sich auf, als ob ein Licht in ihm blühte. Arren konnte die Köpfe der Männer, die um ihn herum gefesselt saßen, klar erkennen, er sah die winzigen Wassertropfen in ihrem Haar glitzern. Wiederum rollte das Schiff, und Arren streckte sich so weit hoch, wie seine Ketten es erlaubten, er reckte den Hals, um in das Vorderteil des Schiffes sehen zu können. Der Nebel lag hell auf dem Deck, wie eine vom Mond durchleuchtete, dünne Wolke, und schimmerte kalt. Die Ruderer saßen regungslos, wie aus Stein gemeißelt. Die Besatzung stand in der Mitte des Schiffes, nur ihre Augen glitzerten schwach. An Steuerbord stand ein Mann, und das Licht ging von ihm aus. Sein Gesicht, seine Hände, sein Stab glänzten wie geschmolzenes Silber.

Zu seinen Füßen kauerte ein unförmiger, dunkler Schatten.

Arren versuchte zu sprechen, doch kein Laut kam über seine Lippen. Der Erzmagier, umstrahlt von diesem majestätischen Licht, näherte sich ihm und kniete nieder auf dem Deck. Arren fühlte, wie er seine Hand auf ihn legte und hörte seine Stimme. Er spürte, wie sich die Ketten an seiner Taille und an seinen Gelenken lösten und von ihm abfielen; durch den ganzen Laderaum hörte man das Rasseln von Ketten. Doch keiner bewegte sich. Nur Arren versuchte aufzustehen, doch es gelang ihm nicht, seine Glieder waren verkrampft von dem langen, unbeweglichen Sitzen. Der Erzmagier hielt ihn am Arm fest, und mit seiner Hilfe gelang es ihm, aus dem Laderaum zu klettern; er erreichte das Deck und ließ sich erschöpft nieder.

Der Erzmagier schritt durch das Schiff, und die neblige Pracht erhellte die Gesichter der regungslosen Ruderer. Er blieb bei dem Mann stehen, der sich an der Reling niedergeduckt hatte.

»Ich strafe nicht«, sprach die klare, harte Stimme, kalt wie das magische Licht, das ihn umgab. »Aber im Namen der Gerechtigkeit, Egre, nehme ich es auf mich: möge deine Stimme stumm bleiben, bis zu der Stunde, wo ein Wort, das wert ist, gesprochen zu werden, über deine Lippen kommt!«

Er kehrte zu Arren zurück und half ihm auf die Beine. »Komm, Junge!« sagte er, und mit seiner Hilfe humpelte Arren nach vorne und halb fallend, halb kletternd erreichte er die Weitblick, das Boot, das unten, an der Seite des Schiffes, auf den Wellen schaukelte; seine Segel sahen im Nebel wie die Flügel einer Motte aus.

Langsam erlosch das magische Licht in der unwirklichen Stille und Ruhe der Nacht, das Boot wendete und glitt davon. Fast im gleichen Augenblick war die Galeere, die schwachglühende Laterne am Mast, die regungslosen Ruderer und die hohe, schwarze Schiffswand verschwunden. Arren glaubte, Stimmen zu vernehmen, die in Schreie übergingen, doch das Geräusch war fern und verlor sich bald. Nach einer Weile hob sich der Nebel, zerriß in Fetzen, und die Schwaden trieben vorbei und verschwanden in der Dunkelheit. Bald wölbte sich der weite, sternenbesäte Himmel über ihnen, und so geräuschlos wie ein Nachtfalter flog die Weitblick durch die klare Nacht über die See davon.