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»Was Ihr nicht sagt!«, sagte Bruder Basilius bestürzt, aber auf eine andere Art erschüttert, als Alois Wenzel ahnen konnte. »Und wie ist Euer Bürgermeister dieser Zigeunerin so schnell auf die Schliche gekommen?«

»Der Vinzenz Groll versteht sich eben auf solche Sachen und hat die Teufelszeichen erkannt. Er ist damit aufgewachsen, denn sein Vater war seinerzeit ein berühmter Hexenkommissar!«, rühmte der Hufschmied seinen Bürgermeister, zog das rot glühende Eisen aus dem Feuer und griff nun zum Schmiedehammer.

»Da könnt Ihr Euch in Mendelsheim aber glücklich schätzen einen solch tüchtigen Mann in Eurer Mitte zu haben, der sich auf dieses gottlose Geschäft versteht«, sagte Bruder Basilius mehrdeutig. »Aber sagt, wer hat denn die Befragung vorgenommen und über diese Zigeunerhexe zu Gericht gesessen? Habt Ihr Euren Bischof benachrichtigt?«

»Dazu war keine Zeit. Die dumme Amme unserer Bürgermeisterin hat der Zigeunerhexe nur für wenige Minuten erlaubt das Kind ihrer Herrin auf den Arm zu nehmen - und das hat schon gereicht, um es zu verhexen und es wenige Stunden später aus heiterem Himmel ersticken zu lassen. Und genau zur selben Stunde brachte Bauer Michels’ beste Milchkuh eine fürchterliche Missgeburt zur Welt! Und wisst Ihr, wer am Nachmittag bei Michels auf dem Hof war, angeblich nur um eine Kanne Milch zu erstehen? Diese Zigeunerhexe! Hier musste also schnell gehandelt werden, um dem blasphemi-schen Hexensabbat und dem Verderben so früh wie möglich Einhalt zu gebieten«, erklärte Alois Wenzel zwischen schwungvollen Hammerschlägen. »Unser Bürgermeister hat die Gefahr gerade noch rechtzeitig erkannt und sofort gehandelt, dem Himmel sei Dank! Denn wer weiß, was noch über uns gekommen wäre, wenn er diese Teufelsanbeterin nicht so schnell entlarvt hätte! Und so sieht es auch unser Pfarrer.«

»Also hat Euer Bürgermeister höchstpersönlich die. peinliche Befragung vorgenommen?«, fragte der Mönch nach.

»Ich wünschte, er hätte dieses verdorbene Geschöpf, das sich Luzifer und seinem Reich der Finsternis verschrieben hat, auf die Folter gespannt und sie allen Graden der Tortur unterzogen. Und diesen Wunsch teilen sie alle hier in Mendelsheim, das könnt Ihr mir glauben!«, versicherte der Hufschmied, als müsste er sich für eine beschämende Unterlassung entschuldigen. »Aber leider hatten wir weder Daumenschrauben noch spanische Stiefel oder wenigstens eine Streckbank zur Hand. Nun, sie hat auch so ihren Pakt mit dem Teufel und ihre Untaten gestanden.«

»Und wie habt Ihr sie dazu gebracht, sich als Hexe zu bekennen?«, wollte der Mönch wissen.

»Durch die Wasserprobe im Dorfteich!«, antwortete Alois Wenzel stolz. »Unser Bürgermeister hat ihr Arme und Beine zusammenbinden und sie dann in der Mitte des Teiches aus dem Kahn stoßen lassen. Dreimal ist sie wieder aufgetaucht und dreimal hat unser Bürgermeister sie mit einem langen Stab wieder unter Wasser gedrückt. Als sie dann das dritte Mal wieder aufgetaucht ist, war ihre Schuld bewiesen. Denn nur eine Hexe kann die Wasserprobe überleben, wie jedermann weiß. Und sie hat dann auch alles gestanden, als Vinzenz ihr in Aussicht stellte sie in einen Kessel mit kochendem Öl zu tauchen, wenn sie nicht bald die Wahrheit gestehe. Und da hat sie endlich ihre verlogenen Unschuldsbeteuerungen aufgegeben. Wir haben es heute Mittag mit unseren eigenen Augen gesehen. Ganz Mendelsheim war am Dorfteich versammelt.«

»Das glaube ich Euch«, sagte Bruder Basilius.

»Morgen steigt sie auf den Scheiterhaufen und büßt für ihr dämonisches Treiben mit dem Gang durchs Feuer. Auf dem Marktplatz wird jetzt schon alles für die Hexenverbrennung vorbereitet. Ich sage Euch, das wird ein großartiges Erlebnis, das sich hier niemand entgehen lassen wird, und wenn er sich auf Krücken zum Marktplatz schleppen muss!«

»Ich hoffe, Ihr habt die Hexe sicher hinter Schloss und Riegel«, sagte Bruder Basilius mit fragendem Unterton und scheinbar sorgenvoller Miene.

»Worauf Ihr Euch verlassen könnt! Wir haben sie in Eisen gelegt und im fensterlosen Keller des Bürgermeisters eingeschlossen, der zudem noch von zwei Männern bewacht wird, Tag und Nacht!«

Der Mönch seufzte. »Mhm, das ist beruhigend.«

Alois Wenzel kühlte das Eisen, das er indessen in die richtige Form gebracht hatte, in einem Wasserbottich ab und beschlug nun den Huf des Rotfuchses. Das Eisen war noch heiß genug, um etwas Horn vom Huf zu brennen. Und dieser scharfe Geruch brachte Jakob fast zum Erbrechen. Mit kalkweißem Gesicht stand er am Tor.

Während Alois Wenzel die Hufnägel einschlug, lamentierte er darüber, dass sich der Wanderzirkus wie der Blitz aus dem Staub gemacht hatte, als bekannt geworden war, dass man Marga zum Bürgermeister gebracht und der Hexerei angeklagt hatte.

»In panischer Angst ist dieses Zigeunervolk davongejagt, das Gott ja nicht von ungefähr dazu verdammt hat, auf ewig heimatlos durch die Welt zu ziehen. Denn Zigeuner sind wie allseits bekannt die Nachkommen jener gottlosen Ägypter, die sich kurz nach Christi Geburt geweigert haben die Heilige Familie auf ihrer Flucht aufzunehmen. Und dafür hat unser Herr sie auf ewig verflucht«, sagte der Hufschmied, erfüllt von tiefem Aberglauben und ebenso großem Abscheu. »Ich bin sicher, dass dieses junge Satansweib unter den Vaganten noch Komplizinnen gehabt hat, die mit ihr nachts Hexensabbat gefeiert und die Gräber ungetaufter Kinder entweiht haben. Schwarze Magie und auch sonst alles Dämonische liegt diesem Pack im Blut, Ihr habt mein Wort drauf!«

»Es ist wahrlich bestürzend, wie abscheulich Gottes Wort und das Kreuz immer wieder missbraucht und beschmutzt werden«, erwiderte Bruder Basilius bedrückt.

»In der Tat! Wenn ich Euch und Euren Verwandten einen guten Rat geben kann: Lasst Euch unsere morgige Hexenverbrennung nicht entgehen. Sie wird Euch ein unvergessliches Erlebnis sein und Euch in rechter Weise auf Eure fromme Pilgerreise einstimmen. Und wenn Ihr Geld sparen wollt und mit einem bescheidenen Quartier zufrieden seid, kann ich Euch gleich nebenan im Mietstall meines Bruders Bruno einen Schlafplatz auf dem Heuboden verschaffen. Es wird Euch nur ein paar Heller kosten.«

Bruder Basilius warf Jakob über den Rücken des Pferdes hinweg einen kurzen Blick zu. »Ich denke, wir nehmen Euren guten Rat wie auch Euer freundliches Angebot dankbar an und bleiben über Nacht in Eurem gottesfürchtigen Ort«, sagte er mit einem kaum merklichen Seufzen.

Jakob hatte Mühe sich in Gegenwart des Schmiedes und wenig später bei dessen fettbäuchigem Bruder im Mietstall seine Erschütterung und Erregung nicht anmerken zu lassen. Dabei tobte in ihm ein Sturm wilder Gefühle, der mit aller Macht gegen seine äußere Selbstbeherrschung anlief.

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie ihre Pferde untergestellt hatten und Bruder Basilius mit Bruno Wenzel handelseinig geworden war. Der Mietstallbesitzer zeigte ihnen, wo sie die Nacht verbringen konnten.

Endlich sagte der Mönch: »Gut, das ist geregelt. Lasst uns nun einen Gang durch den Ort machen.«

Kaum standen sie auf der Straße und außer Hörweite der Gebrüder Wenzel, da packte Jakob Bruder Basilius am Arm und stieß beschwörend hervor: »Wir dürfen das nicht zulassen, Bruder Basilius! Marga ist keine Hexe!«

»Natürlich ist sie das so wenig wie Ihr und ich!«, pflichtete der Mönch ihm bei. »Aber wartet, bis wir an einem ruhigen Ort ungestört reden können.«

Sie gingen zum Dorfteich, setzten sich unter eine der Weiden und taten so, als wollten sie eine wohlverdiente Rast mit einem kleinen Imbiss verbinden. Dabei war keinem von ihnen nach Essen zu Mute.

»Marga hat mir in Trier das Leben gerettet und dabei ohne Zögern ihr eigenes riskiert. Ich bin es ihr schuldig, dass ich versuche sie vor dem Scheiterhaufen zu bewahren!«, beschwor Jakob seine Gefährten, kaum dass Bruder Basilius ihm zu verstehen gegeben hatte, dass sie nun frei miteinander reden konnten. Die Vorstellung, dass Marga vor wenigen Stunden an diesem Teich verzweifelt darum gekämpft hatte, nicht zu ertrinken, war entsetzlich und machte ihn ganz elend - wie auch andere Bilder, die sich seinem geistigen Auge aufdrängten. »Es darf nicht noch einmal passieren! Ich könnte es nicht ertragen!«