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»Nein!«, wehrte Bruder Basilius sofort ab. »Auch das könnte nur allzu leicht zu einem Handgemenge und dann zu einem Blutbad führen.«

»Selbst wenn es uns gelänge ihn in unsere Gewalt zu bringen und Marga freizupressen, so würden wir doch nicht weit kommen«, sagte Henrik, noch bevor Jakob gegen die Haltung des Mönches protestieren konnte. »Wir hätten sofort mehrere Dutzend Verfolger im Nacken und keine reelle Chance ihnen zu entkommen.«

Angestrengt suchten sie nach einer halbwegs erfolgversprechenden Idee, wie sie Marga befreien konnten. Sie grübelten und zermarterten sich das Gehirn, doch was immer ihnen in den Sinn kam, erwies sich schon nach kurzer Prüfung als untauglich.

»Mein Gott, wir können Marga doch nicht tatenlos dem Tod auf dem Scheiterhaufen ausliefern!«, begehrte Jakob verzweifelt auf, als die Sonne schon tief im Westen stand und die Dämmerung nicht mehr fern war. »Irgendetwas müssen wir doch tun! Und wenn wir dem Bürgermeister das Haus über dem Kopf anstecken!«

Henrik hob abrupt den Kopf und sah Jakob mit einem halb verblüfften, halb begeisterten Lächeln an. »Das ist gar kein so schlechter Vorschlag!«, rief er. »Ich habe noch einen kleinen Beutel Schwarzpulver, der uns dabei ausgezeichnete Dienste leisten könnte.«

»Ja, das gäbe viel Aufregung und ein großes Durcheinander, das wir nutzen könnten!«, pflichtete Bruder Basilius ihm bei. »Aber dieser Brandanschlag dürfte auf keinen Fall bei Nacht stattfinden! Es sind Kinder und Frauen im Haus und es wäre gewissenlos diese in Gefahr zu bringen! Und gewiss würde niemand das Mädchen von seinen Ketten befreien. Wer weiß, ob wir genug Zeit hätten sie aus den Flammen zu holen.« Er schüttelte den Kopf und sagte niedergeschlagen: »Nein, ich furchte, dass Euer Vorschlag bei näherem Besehen doch nicht so gut ist, wie er mir anfangs erschienen ist.«

»Es braucht weder das Haus des Bürgermeisters zu sein noch bei Nacht zu geschehen!«, meinte Henrik mit einem verschmitzten Grinsen. »Denn mir ist da plötzlich ein Einfall gekommen, wann und wie wir die abergläubischen Mendelsheimer Bürger am besten von ihrer so heiß ersehnten Hexenverbrennung ablenken und uns einen guten Vorsprung verschaffen können!«

Jakob bedrängte ihn sofort mit Fragen. Auch Bruder Basilius lauschte gespannt, was der Schwede ihnen nun vortrug. Seine Idee fand ihre einhellige Zustimmung, auch wenn sie bei der Verwirklichung auf ein gutes Quäntchen Glück angewiesen waren. Aber angesichts der Tatsache, dass sie nur zu dritt waren und nicht skrupellos vorgehen durften, blieb ihnen gar nichts anderes übrig als einige Risiken einzugehen.

Sie nutzten die letzte Stunde Tageslicht, um sich noch einmal in Mendelsheim umzusehen. Ihre Aufmerksamkeit galt besonders Häusern und Schuppen, die am Rand des Dorfes standen. Dazu gehörten im Südwesten die Mühle beim Dorfteich sowie die Werkstatt eines Fassbinders am westlichen Dorfrand. Als sie nach einem letzten Rundgang auf dem Weg zu ihrem Quartier wieder über den Marktplatz kamen, war das Brennholz des Scheiterhaufens schon bis auf Hüfthöhe angewachsen. Alles war für die Hexenverbrennung vorbereitet.

Da sich noch viele andere Neugierige auf dem Platz herumtrieben, fiel es niemandem auf, dass auch Henrik mehrfach um den Scheiterhaufen herumging und unauffällig die Gebäude einer Prüfung unterzog, die sich rund um den Marktplatz gruppierten.

»Und?«, fragte Bruder Basilius leise.

»Sie werden das Mädchen mit dem Gesicht zur Kirche an den Pfahl binden.«

Der Mönch nickte. »Hexen sollen im Angesicht des Kreuzes vom Feuer verzehrt werden.«

»Dann ist die Giebelluke unter dem Flaschenzug des Hauses dort drüben der am besten geeignete Ort«, antwortete der Schwede und deutete auf ein schmales Fachwerkhaus, das auf der gegenüberliegenden Marktseite stand.

Jakob machte ein nachdenkliches Gesicht. »Von dort bis zum Scheiterhaufen sind es aber gute fünfzig Schritte, Henrik! Traut Ihr Euch das zu?«, fragte er skeptisch.

Henrik verzog keine Miene. »Hoffen und vertrauen heißt über den Horizont hinausschauen«, erwiderte er trocken. »Und nun lasst uns sehen, wo wir einige Pechfackeln und ein paar alte Säcke beschaffen können. Es gibt noch einiges zu erledigen und vorzubereiten.«

Spät in dieser Nacht, als Henrik im Mietstall vor der offenen Dachluke des Heubodens saß und im Licht des Mondes mehrere Pfeile seiner Armbrust mit Pech und Schwarzpulver präparierte, plagten Jakob schwere Zweifel - und zwar nicht nur am Erfolg ihres Planes.

»So vieles verstehe ich einfach nicht«, gestand er Bruder Basilius mit leiser Stimme, während von unten das Scharren und Schnauben der Pferde kam. »Das Leben kommt mir manchmal völlig sinnlos vor, wie ein wilder Strudel und gänzlich ohne Ziel. All die Dinge, die den Menschen im Guten wie im Schlechten zustoßen, aber ganz besonders, was sie erleiden müssen, auch wenn sie sich um ein noch so. nun, sagen wir: anständiges Leben bemühen.«

»Warum sprecht Ihr nicht aus, was Ihr zuerst sagen wolltet?«, unterbrach ihn der Mönch. »Denn >gottgefällig< ist doch wohl das Wort, das Ihr auf der Zunge hattet, nicht wahr?«

Jakob zuckte die Achseln und nickte dann. »Ja, stimmt«, gab er zu. »Doch sagt mir, was hat es zu bedeuten, wenn sich Menschen abrackern und um ein gottgefälliges Leben bemühen, aber dennoch nur eine bittere Erfahrung nach der anderen einstecken müssen? Wo liegt da der Sinn sich überhaupt an irgendwelche religiösen Gebote oder weltlichen Gesetze zu halten?«

Der Mönch sah ihn ernst an. »Ihr stellt mir schwere Fragen, auf die auch die größten Theologen und Philosophen bisher noch keine eindeutigen Antworten gefunden haben, geschweige denn ich. Was ich jedoch weiß, ist, dass es für unsere Existenz wichtig ist sich immer wieder dieses archimedischen Punktes unseres Seins zu versichern, der weit außerhalb der uns begreifbaren Welt liegt.«

Jakob runzelte verständnislos die Stirn. »Archimedischer Punkt? Was meint Ihr damit?«

»Diesen Punkt, der uns vor der irrigen Auffassung bewahrt, der Mensch könne jemals allwissend oder gar allmächtig sein. Und dieser archimedische Punkt ist Gott, unser Schöpfer, so wie er uns im Evangelium verkündet ist. Der Mensch ist weder der Maßstab aller Dinge noch die letzte Instanz. Gottes Wahrheit ist etwas, was der Mensch nicht einmal in Ansätzen erfassen kann. Und unser Leben ist wie die Rückseite eines Teppichs.«

»Wie bitte?« Jakob glaubte erst, der Mönch wollte sich einen Scherz erlauben.

Doch Bruder Basilius war es Ernst mit diesem Vergleich. »Ja, wie die Rückseite eines großen Teppichs, wo die Fäden in scheinbar wirrer Vielfalt und unmöglicher Farbigkeit hin und her und kreuz und quer laufen, wo es überall Knoten und lose Enden gibt und wo es an einer auch nur schwach erkennbaren Ordnung zu fehlen scheint«, führte er aus. »Dreht man dieses vermeintlich konfuse Wirrwarr der Fäden jedoch auf die richtige Seite, entfaltet sich ein herrliches Muster und fügt sich alles zu einem klaren Bild mit unzähligen zusammengehörenden Einzelheiten. Und genauso stelle ich mir den himmlischen Blick auf unser Leben vor, Jakob. Wir dagegen sehen von unten nur das Chaos. Doch wenn wir nach Gottes Willen leben, werden auch wir eines Tages die herrlichen Muster in unserem Leben erkennen.«

»Ich wünschte, ich könnte so fest daran glauben wie Ihr«, murmelte Jakob.

»Ihr seid auf dem besten Weg«, erwiderte Bruder Basilius.

»Ich?«, fragte Jakob mehr als überrascht.

»Ja, Ihr seid Euch dessen bisher bloß noch nicht bewusst geworden«, antwortete der Mönch. »Ihr seid voller Zweifel. Aber Zweifel stehen dem Glauben nicht im Weg, sondern sie sind Teil des Weges.«

Sie versanken für eine Weile in Schweigen und jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Indessen strich Henrik nun auch auf den faustgroßen Leinenbeutel, der das explosive Schießpulver enthielt, ein wenig Pech. In dieses Pech drückte er mit seinem Messer Prisen von Schwarzpulver. Zum Schluss wickelte er eine dünne Schicht aus Moos und Stroh um den Beutel, sodass er nun wie ein kinderkopfgroßer Strohball aussah.