Ursula setzte sich auf das Bett. In ihrer Kehle würgte der Aufschrei, mit dem sich die ungeheure Qual in ihrem Innern lösen wollte. Das Gefühl, nicht mehr die Ursula Schwabe zu sein, für die dieses Geschenk gebastelt worden war, machte ihre Finger bleiern schwer. Sie bekamen den Knoten der Kordel nicht auf, es war nicht einmal Kraft genug in diesen Fingern, um die Schlingen herauszuziehen.
«Da hat er wieder einen Knoten gemacht, der Junge!«sagte Frau Schwabe. Sie holte eine Schere, zerschnitt die Kordel und zog sie weg.
Wenn man alles so zerschneiden könnte wie diese Schnur, dachte Ursula. Wie einfach das ist, ein Schnitt, und vor dir liegt etwas Neues, greifbar, man kann es auspacken und Besitz von ihm nehmen. Oh, wenn das Leben auch so wäre!
«Na?«fragte Frau Schwabe und rieb sich die Hände.»Na, was ist es denn?«
«Du hast es selbst noch nicht gesehen, Mutter?«
«Aber nein! Erich hat es mir so verpackt gegeben. Es ist sehr zerbrechlich, hat er gesagt. Und erklärt hat er mir, was es ist. Aber gesehen — nein! Es ist doch dein Geschenk. «Frau Schwabe sah auf Ursulas zuckenden Rücken. Sie deutete es anders, die Tränen stiegen ihr in die Augen, sie legte die Hände auf das blonde Haar der jungen Frau und streichelte es.»Mach es auf«, sagte sie stockend.»Alles wird bald anders sein. Sie wollen ihn gleich nach Neujahr operieren. So schnell hintereinander, wie es nur geht. Ich habe mit der Ärztin gesprochen und mit dem Chefarzt. Nachdem sie Erichs Bild gesehen und sein richtiges Gesicht genau betrachtet hatten, waren sie sehr zuversichtlich. Ich weiß, wie schwer es ist, mein Kleines, und ich weiß auch, wie sehr du Erich liebst.«
Ursulas Kopf fiel nach vorn. Sie drückte das Gesicht neben dem halb geöffneten Paket in die Decken und schrie ihre Qual hinaus. Durch die Decken erstickt, klang es wie ein heiseres Röcheln. Wie gemein, wie gemein, schrie es in ihr. Ich bin doch nichts als eine Hure. nur eine Hure bin ich, Mutter! Aber ich war so allein. Und immer habe ich die zerstörten Gesichter gesehen. Überall waren sie, aus allen Ecken des Kellers kamen sie auf mich zu, riesengroß hingen sie über mir. Und dann war er da. Und er sah aus wie alle anderen Menschen, er hatte ein Gesicht, ein lachendes, fröhliches Gesicht, warme Lippen und leuchtende Augen. Es war so herrlich, und die anderen, die schrecklichen Gesichter verschwanden, und ich hatte plötzlich keine Angst mehr. Warum hast du mich allein gelassen, Mutter, warum hast du mich nicht mitgenommen nach Bernegg. Ich kann doch nichts dafür… und nun bin ich eine Hure.
«Ich mach' es für dich auf, Uschi«, sagte Frau Schwabe, und auch sie weinte.»Erich würde jetzt nichts dagegen haben.«
Sie wickelte das Glasmosaik aus, trug es zum Nachttisch, stellte es neben Erichs Fotografie und zündete die Kerze an, die daneben stand. Mit einem Seitenblick sah sie, daß auf Ursulas Kopfkissen gewaschene, neue seidene Strümpfe lagen. Nur ganz kurz zuckte ihr der Gedanke durch den Kopf: Woher hat sie die denn? Wo gibt es denn noch seidene Strümpfe? Dann war der Gedanke aber schon wieder überdeckt von dem Erleben, das zuckende Licht der Kerze über die bunten Gläser des Mosaiks huschen zusehen, so, als komme Leben in die beiden der Sonne entgegengehenden, sich an den Händen haltenden Menschen.
«Sieh es dir an, Uschi«, sagte sie leise.
Ursula hob den Kopf. Ihr Gesicht war wie zerflossen und weiß wie ein gebleichtes Tuch. Sie starrte auf das bunte Glasmosaik, auf die beiden Menschen, die der Sonne zugingen, und auf die Worte, die Erich Schwabe kunstvoll aus winzigen Glasscherben geformt hatte: Nur mit dir gibt es ein Morgen.
«Ist es nicht schön, Uschi?«
«Ja, Mutter.«
«Wir haben den ganzen Weihnachtstag nur von dir gesprochen.«
«Ja, Mutter.«
«Er hat gesagt: Und wenn es zehn Jahre dauert und wenn jeden Monat eine Operation ist — er will durchhalten für dich.«
«Zehn Jahre?«
«Es war nur so eine Zahl. Er hat wieder so viel Lebensmut.«
Ursula schloß wieder die Augen. Lautlos weinte sie jetzt. Was soll ich tun, dachte sie. Mein Gott, was soll nun werden? Sie faltete die Hände und drückte sie gegen die zuckenden Lippen. Ich habe doch nur Angst gehabt, nichts als Angst.
Oben an der Kellertreppe entstand Lärm. Es hörte sich an, als setzte man einen schweren Gegenstand ab, und ein Mann putzte sich laut die Nase. Frau Schwabe hob den Kopf. In die Augen Ursulas sprang Entsetzen. Sie biß in die gefalteten Hände und preßte unglücklich und verzweifelt die Stirn gegen den hölzernen Pfosten des Bettes.
Von oben erklang eine Stimme. Laut, unbekümmert und fröhlich.
«Püppchen, du bist mein Augenstern.«, sang die Stimme. Dann polterte etwas die Kellertreppe hinab, als würde ein schwerer Gegenstand die Stufen hinabgestoßen.
«Wer — wer ist das?«fragte Frau Schwabe verblüfft.
Ursula antwortete nicht. Sie preßte sich, ohne ein Wort zu sagen, an den Bettpfosten.
«Trari — trara! Ein Zentner Kartoffeln sind da!«rief die Stimme von der Treppe. Dann wurde die Tür aufgestoßen, und ein Sack Kartoffeln rollte in den Kellerraum. Ihm folgte schwitzend, aber mit lachendem Gesicht Karlheinz Petsch. Seine Uniform war auf der Schulter, wo er den Sack getragen hatte, dick mit Kartoffelstaub bedeckt. Er stellte sich in der Tür auf und klopfte sich ab.
«Hast du eine Bürste, Kleines?«rief er.
Erst in diesem Augenblick sah er Frau Schwabe steif und mit zusammengekniffenen Lippen im Zimmer stehen. Seine Hand blieb mitten in der Bewegung ruckartig stehen, dann hob sie sich zu einem Winken, ein wenig linkisch und gehemmt.
«Guten Tag, Mütterchen!«sagte Feldwebel Petsch.»Schon wieder zurück? Ein Sonderlob der Reichsbahn. Räder müssen rollen auch für die Heimat.«
«Wer sind Sie?«
Frau Schwabe sah hinüber zu Ursula. Sie hatte sich auf ihr Bett geworfen. Wie leblos lag sie da, lang hingestreckt. Es bedurfte keiner Erklärungen mehr.
«Karlheinz Petsch«, sagte der Feldwebel.»Zweimal mit Erfolg geimpft, zweimal verwundet, ledig, von Beruf — wenn jemals wieder normale Zeiten werden — Maurer und Putzer, erbgesund und seit 200 Jahren arisch. Außerdem.«
«Gehen Sie!«sagte Frau Schwabe laut.
«Aber Mütterchen!«Feldwebel Petsch sah hinüber zu Ursula. Ein Mist ist das, dachte er. Übermorgen geht's wieder ab zur Truppe. Wer hätte gedacht, daß sie schon jetzt zurückkommt! Uschi sagte doch, sie wolle bis nach Neujahr in diesem fränkischen Nest bleiben.
«Wenn Sie wüßten, wie schwer es ist, einen Sack Kartoffeln zu organisieren«, sagte er und wischte sich über die schweißnasse Stirn.»Nur weil ich noch vier Paar französische Strümpfe hatte.«
Frau Schwabe dachte an die Strümpfe, die auf Ursulas Bett lagen. Ihr Gesicht wurde steinern.
«Wir brauchen Ihre Kartoffeln nicht!«sagte sie laut.»Gehen Sie!«Und plötzlich brach es aus ihr heraus — ihr ganzer mütterlicher Schmerz, ihre Enttäuschung, ihr Nichtverstehenkönnen, ihr Entsetzen und ihre Angst um den Sohn machten sich frei in einem Schrei.»Sie. Sie wollen ein Kamerad sein!«schrie sie. Es war das einzige, was ihr einfiel, eine läppische Anklage, aber sie schrie es heraus, als hieße es: Du Mörder!
Karlheinz Petsch knöpfte sich mit bebenden Fingern den Waffenrock zu.
«Wenn ich Ihnen was erklären darf.«, sagte er stockend.
«Hinaus!«
«Ursula kann wirklich nichts dafür. Es war Fliegeralarm und ich.«
«'raus!«schrie Frau Schwabe grell. Sie hielt sich am Nachttischchen fest. Das Glasmosaik Erich Schwabes fiel durch die Erschütterung herab und kippte auf den Rücken Ursulas. Wie ein harter Schlag war es, wie eine rächende Faust, die sie mit voller Wucht traf. Sie zuckte darunter zusammen, aber sie rührte sich nicht und ließ es auf ihrem Rücken liegen.
Feldwebel Petsch sah noch einmal hinüber zu Ursula. Einen Augenblick dachte er daran, zu sagen, daß er Uschi liebe, daß es sinnlos sei, ein junges, hübsches Mädchen an einen Mann zu fesseln, der kein Gesicht mehr hatte, daß es ein Recht auf Leben und Glück gebe, das Recht der Überlebenden und Gesunden. Und daß auch Erich Schwabe eben ein Opfer des Krieges sei — der eine tot, der andere ein gesichtsloser Krüppel. Er wollte sagen, daß er Ursula heiraten würde, wenn sie sich nach dem Kriege scheiden ließe. Jawohl, er war ein Ehrenmann, und einem Kameraden weggenommen hätte er auch nichts, denn keiner könne verlangen.