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«Walter Hertz, Major.«

«Ja, wer ist denn das? Das ist doch der Geliebte von diesem Kriegs-verbrechertöchterchen, wie hieß sie doch?«

Lisa Mainetti schob die Unterlippe etwas vor.»Die Tochter von dem Fabrikanten Hubert Wolfach.«

«Richtig. Der war getürmt. Wo ist er jetzt? In einem Lager?«

Lisa Mainetti schüttelte den Kopf.»Der Fabrikant Hubert Wolfach hatte neben seinem Rüstungsbetrieb ein Zweigwerk für Zinkeimer, Zinkwannen und Zinkkannen in Süddeutschland. Und Töpfe stellte er her. Major Braddock, was ist heute ein guter Topf in Deutschland wert! Und so transportierte man Hubert Wolfach in die Fabrik, gab ihm eine vorläufige Lizenz und sagte: >Nun dreh aber fleißig Töpfe!< Er tut es jetzt.«

«Und was hat dieser Hertz damit zu tun?«schrie Braddock.

«Alles. Denn kaum war Hubert Wolfach wieder Fabrikant, warf er Walter Hertz hinaus. Und zwar mit den Worten: >Ich werde es nie dulden, daß meine einzige Tochter einen Menschen ohne Gesicht heiratet.< Walter Hertz wartete die Stellungnahme seiner Braut gar nicht ab. Wie schon einmal, verschwand er in der Nacht und wan-derte nach Heidelberg, wo er sich auf dem Schwarzen Markt über Wasser hielt. Dort haben wir ihn zufällig aufgelesen.«

«Wo ist dieser Wolfach?«fragte Braddock leise.

«In einem Dorf südlich von Donaueschingen. «Lisa Mainetti winkte ab.»Es hat keinen Sinn, Braddock. Wolfach hat bereits wieder eine Schlüsselstellung. Ohne seine Eimer und Töpfe gibt es keine Normalisierung des deutschen Lebens. «Dr. Mainetti hob beide Arme.»Man sagt immer, es gäbe kein perpetuum mobile. Es gibt eines, lieber Major. Und es heißt: die deutsche Wesensart.«

Braddock sah wieder hinaus auf den Schulhof. Walter Hertz rauchte gierig eine Zigarette. Gleichzeitig aß er ein Sandwich, das ihm ein US-Soldat zugeschoben hatte.»Was soll nun mit dem da werden?«

«Wir nehmen ihn hinauf aufs Schloß. Als Hilfssanitäter.«

«Unmöglich. «Braddock wischte sich über die Stirn.»Schloß Bernegg ist noch immer kein freies Krankenhaus, sondern ein Gefangenenlager. Und ich kann keinen entlassenen Kriegsgefangenen als Freiwilligen wieder in ein Lager stecken. Das ist doch völliger Widersinn.«

«Er muß aber aufs Schloß. «Professor Rusch erhob sich.»Er muß nachoperiert werden.«»Im Heimatkrankenhaus.«

«Er hat keine Heimat mehr.«

«Sein Pech, Professor.«

«Warum sind Sie so, Major?«Lisa erhob sich gleichfalls.»Sobald Sie dienstlich werden, sind Sie ein Ekel.«

«Dazu bin ich verpflichtet. «Major Braddock zwinkerte mit den Augen.»Ich kann zum Beispiel sehr ekelhaft werden und diesen Burschen sofort wieder einsperren lassen, wenn er etwa einen meiner Soldaten tätlich angreift.«

Dr. Mainetti nickte.»Er ist sehr jähzornig, dieser Walter Hertz«, sagte sie.»Ich werde einmal nachsehen, ob er nichts angestellt hat.«

Sie lächelte Rusch und Braddock an und verließ schnell das Dienstzimmer des Majors. Braddock wartete, bis sie die Tür geschlossen hatte. Dann zündete er eine Zigarette an und blies den Rauch mit in den Nacken gelegtem Kopf hoch gegen die Zimmerdecke.

«Als Mann könnte ich Sie umbringen, Professor«, sagte er leise.»Ich habe mich in Lisa verliebt.«

«Ich weiß es. Lisa hat es mir gesagt.«

«Und Sie nehmen es so ruhig hin?«

«Weil ich Lisa selbst liebe, weiß ich, daß man es einem Mann nur übelnehmen könnte, wenn er sich in Lisa nicht verlieben würde. Es ist fast selbstverständlich, von ihr fasziniert zu sein. «Rusch blickte aus dem Fenster und hob den Arm.»Da — sehen Sie, Major Brad-dock. Ein Deutscher greift dort unten einen Ihrer Soldaten an!«

Auf dem Schulhof war ein kleiner Tumult entstanden. Walter Hertz hatte nach einer kurzen Absprache zwischen Dr. Mainetti und einem der MP-Soldaten die Fäuste geballt und war gegen die Brust des grinsenden Riesen gerannt. Nun trommelte er mit seinen Fäusten wie gegen einen Sandsack, bis der Soldat ihn wie ein störrisches Kind unter den Arm nahm und den wild Schreienden zurück zum Schul-eingang trug. Major Braddock rannte aus dem Zimmer. Es war erstaunlich, wie echt die dunkle Zornesröte in seinem Gesicht stand.

«Damned«, brüllte er.»Was fällt dem Kerl ein? Jim, Clark und Bob — hinauf mit ihm zum Schloß. Ich rufe Leutnant Potkins an. Alles an-dere wird sich finden.«

Walter Hertz hörte sofort mit dem Schreien und Trampeln auf. Dankbar sah er Lisa Mainetti und Professor Rusch an, dessen weißer Kopf hinter dem Rücken Braddocks auftauchte. Es war etwas so Rührendes, Kreatürliches in diesem Blick Walter Hertz', daß Lisa zu ihm trat und ihm die wirren blonden Haare aus dem entstellten Gesicht strich.

«Nun ist alles gut«, sagte sie leise und strich auch über das hängende Auge.»Solange wir da sind, wirst du ein vernünftiges Leben haben.«

«Ich — ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Frau Doktor«, stammelte Walter Hertz.»Ich — ich lasse mich für Sie zerreißen, Frau Doktor.«

«Ich werde darauf zurückkommen, wenn's nötig sein sollte«, lachte Dr. Mainetti.»Und nun hau ab zum Schloß und sag Baumann und Dr. Stenton, daß wir in einer Stunde nachkommen!«

Man verlud Walter Hertz in einen Jeep und ratterte mit ihm über die verschneite Straße fort. Er winkte so lange zurück, bis der hüpfende, kleine Wagen im Nebel des von den Rädern aufgewirbelten Schnees unterging.

Die Baufirma Schwabe & Petsch entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem lukrativen Geschäft. Für den kommenden Frühling hatte man genug Wiederaufbauten angenommen, um davon — wie Karlheinz Petsch errechnete — ein Jahr wie ein Konservenfabrikant zu leben. Jetzt im Winter bauten sie nur die Bauernhöfe am Rande Kölns aus, und das wurde zu einer langen Kette von Tauschgeschäften, die im Hühnerstall begann und beim Baustoffhersteller endete. Was dabei in den beiden Kellern der ehemaligen Horst-Wessel-Straße hängenblieb, war genug, um für das sehr bald erwartete Kind Ursulas eine vollständige Säuglingsausstattung und vieles andere zusammenzutauschen.

Im Februar sollte das große Ereignis stattfinden, Karlheinz Petsch hatte bereits ein Zimmer in einem Krankenhaus reservieren lassen, das beste, wie er versicherte, denn er hatte versprochen, für dieses Entgegenkommen unentgeltlich in einem bombengeschädigten Labor zwei Wände hochzuziehen. Erich Schwabe lieferte für diesen Raum die Scheiben.

«Wie eine Fürstin wird man sie behandeln«, sagte Petsch, als alles abgesprochen war, zu Frau Hedwig Schwabe.»Wir werden uns jeden Tag davon überzeugen, oder wir lassen die Mauer halbfertig stehen.«

Es wäre also alles in bester Harmonie verlaufen, wenn nicht der als Nasengerüst eingepflanzte Knorpel für Erich Schwabe zu einem dauernden Schmerzherd geworden wäre. Vor allem nachts saß er oft stöhnend im Bett und zerrte an den Bettlaken. Dann bohrte ein wahnsinniger, stechender Schmerz von der neuen Nase bis unter die Kopfhaut und schien die Schädeldecke zu sprengen. Ein paarmal war es Schwabe, als platzten ihm die Schläfen. Wimmernd lief er herum, beide Hände gegen die Schläfen gedrückt. Im Krankenhaus zuckten die französischen Ärzte nur die Schultern. Von außen war nichts zu sehen, keine Entzündung, keine Veränderung, keine Verwachsungen oder Deformierungen.»Es werden die Nerven sein«, hieß es wenig tröstend.»Mann, bei solch einer Verletzung bleiben die Nerven nicht ungeschoren. «Und man gab ihm einige starke Narkotikapräparate mit, die er bei einem neuen Schmerzanfall einnehmen sollte.

Aber es war nur eine zeitlich begrenzte Betäubung. In immer schnelleren Intervallen kamen die Schmerzanfälle wieder, jetzt auch am Tage, auf der Baustelle, ganz plötzlich, bei Verhandlungen mit den Zulieferern, die sich an Schwabes Anblick leidlich gewöhnt hatten. Es überfiel ihn wie ein Schüttelfrost. Er zuckte wie von einer Nadel gestochen auf und knirschte mit den Zähnen, wurde weiß im Gesicht, und seine Augen erstarrten wie von einer inneren Lähmung.