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»Ich gehe selbst zur Königin«, fertigte der Doktor die eifrige Dame kurz ab.

Madame de Misery hatte Not, mit dem Doktor Schritt zu halten.

Die Königin wartete auf Madame de Misery, auf den Doktor war sie nicht gefaßt.

Ohne allzu große Umständlichkeit machte der wackere Herr Ihrer Majestät klar, daß der junge Mann nicht an einem üblichen Fieber kranke und daß es ihm wünschenswert erscheine, wenn die Majestät seinen Phantasien selbst lausche, um sich von ihrer Bedenklichkeit zu überzeugen.

Marie-Antoinette ließ sich von dem Doktor durch etliche Gänge führen, die sie nicht gekannt, und blieb im Vorzimmer der Krankenstube, während der Arzt eintrat und die Tür angelehnt ließ.

Charny brachte in seinem Fieberwahn die verschiedenen Begegnungen, die er mit der Königin gehabt, bunt durcheinander.

»Eine Deutsche«, wiederholte er immer wieder, nachdem er von jener ersten Begegnung in Paris gesprochen, als er die Königin und Andree aus der aufgeputschten Menge geführt hatte.

»Eine Deutsche, ja, das wissen wir jetzt«, sagte Doktor Louis.

»Die Königin von Frankreich!« rief der Kranke. »Ach, das Entsetzen, einen Engel zu lieben, wie wahnsinnig zu lieben, und eine Königin zu finden in Seide und Gold, aber kein Herz, kein Herz .«

Immer toller steigerte sich diese Redewut, in immer irrwitzigeren Vorstellungen äußerte sich diese hoffnungslose Liebe, dann aber trat ein überraschender Umschwung ein, der Kranke verstummte und sank in Schlaf.

Der Doktor trat zur Königin hinaus. Erregt und bleich stand sie vor ihm.

»Sie haben recht«, sagte sie, »der junge Mann liefe große Gefahr, wenn man ihn hörte. Sorgen Sie dafür, daß ihm niemand zu nahe kommt, und beschleunigen Sie seine Heilung. Geben Sie mir laufend Bericht über sein Ergehen.«

Nachdenklich blickte der Arzt der Königin nach und murmelte kopfschüttelnd: »Es gibt in diesem Schloß Geheimnisse, die nicht in mein Fach schlagen. Nun, wie dem sei, ihre Nähe scheint den Patienten besänftigt zu haben. Hoffen wir, daß diese heilsame sympathetische Wirkung anhält und uns vor ernsteren Schwierigkeiten bewahrt.«

Plötzlich fuhr er zusammen. Etwas wie das Rauschen eines Seidenkleides war draußen zu hören.

»Wer ist denn das wieder?« brummte Doktor Louis und ging hinaus.

Im Vorzimmer war niemand. Er steckte den Kopf hinaus zum Gang. Dort war es dunkel, aber das Mondlicht ließ eine Frauengestalt erkennen, die sich kläglich in eine Ecke drückte. Hatte man von diesem Gang aus die Reden des Fiebernden hören können? Der Doktor war sich nicht sicher.

Behutsam näherte er sich der Frau und erkannte Fräulein de Taverney, die kaum bei Sinnen schien. Ihre schmerzlich geweiteten Augen starrten ins Leere. Ihre sonst so untadelige, stolze Haltung war dahin, ihre sonst so klare Stimme klang brüchig. Ihrem Stammeln entnahm der Arzt, daß auch sie um den jungen Offizier mehr als gewöhnlich besorgt war. Und wer die Frau gewesen, die vorhin hier war, suchte sie mit brennender Begier zu erforschen. Der Doktor konnte sie mit der Auskunft, daß es Madame de Misery gewesen sei, schnell beruhigen. Andree entschuldigte sich für ihr seltsames Gebaren und behauptete, von ihrem Bruder geschickt worden zu sein, da Charny die Wunde von ihm im Duell empfangen habe.

Soll sich der Teufel in den Weibern auskennen, dachte der Doktor, ich bin kein Psychologe. Und laut setzte er hinzu: »Da der König den jungen Mann in seinen Schutz genommen hat, empfehle ich Ihrem Bruder, einige Zeit zu verschwinden für den Fall, daß der Verwundete in Lebensgefahr gerät. Sie wissen, Duelle sind per Edikt verboten, und in diesem Fall wäre der König gewiß sehr streng. Und nun gehen Sie, Mademoiselle, nehmen Sie ein paar Tropfen Laudanum, ich muß mich um den Patienten kümmern. Adieu.«

Sacht, aber entschieden schloß er hinter sich die Tür.

Als Andree am nächsten Morgen um Nachricht kam, erfuhr sie voll Freude, daß die Entzündung zurückgegangen und der Kranke auf dem Weg der Genesung sei.

Für einen Arzt ist nur der Kranke von Interesse, der seiner Hilfe bedarf. Ein Genesender ist ihm schon fast gleichgültig. Doktor Louis war um so mehr interessiert, Olivier de Charny loszuwerden, als die Geheimnisse dieses Patienten ihn belasteten, und nach acht Tagen hielt er es für verantwortlich, ihn fortbringen zu lassen. Aber Charny wehrte sich wie ein Rasender, geriet abermals in fiebrige Wut, seine Wunde platzte wieder auf und er schrie in Gegenwart der Diener, die ihn aufheben sollten, daß man ihn fortschaffen wolle, um ihn seiner Visionen zu berauben, aber das sei vergeblich, denn die geliebte Frau werde ihm doch rettend erscheinen. Sie sei von so hohem Rang, daß er keinen Menschen zu fürchten brauche. Und so ging das weiter.

Der Doktor schickte die Diener hastig fort. Er versuchte, dem Phantasierenden begütigend zuzureden, wagte ihm aber keine Medikamente einzugeben, weil der Kranke ihm nahe daran schien, in Irrsinn zu verfallen.

»Sie hat ihn toll gemacht«, knurrte Doktor Louis, »also muß sie ihn heilen, sanft oder mit Gewalt.«

Wieder sprach er bei der Königin wegen seines Patienten vor, und Marie-Antoinette war nach einigem Sträuben, hinter dem sie ihre Bestürzung verbarg, bereit, die heikle Pflicht zu erfüllen.

Vor den Räumen des Doktors traf sie auf Andree de Taverney. Sie hätte ihr zürnen müssen, da sie an diesem Morgen noch nicht zum Dienst erschienen war, doch entschuldigte sie Andree, da sie wohl wußte, daß sie bei dem Schritt, den sie hier wagte, der Nachsicht ihrer Vertrauten bedurfte.

Diesmal betrat die Königin das Krankenzimmer, der Doktor und Andree blieben im Vorraum.

Charny saß in einem Lehnstuhl. Als er die Besucherin erblickte, fuhr er zusammen. »Die Königin«, murmelte er.

»Ja, mein Herr, die Königin«, sagte Marie-Antoinette, »die Königin, die weiß, wie heftig Sie sich bemühen, Verstand und Leben zu verlieren, die Königin, die Sie in Ihren Träumen und im Wachen beleidigen, die Königin, die um Ihre Ehre und Ihre Sicherheit besorgt ist! Darum kommt sie zu Ihnen, Monsieur, und Sie sollten sie nicht so empfangen.«

Charny hatte sich zitternd und bestürzt erhoben, bei den letzten Worten war er auf die Knie gesunken und verharrte, als Schuldiger niedergebeugt, von körperlichem und seelischem Schmerz so vernichtet, daß er weder aufstehen konnte noch wollte.

»Ist es denn möglich«, fuhr die Königin, gerührt von diesem Respekt und diesem Schweigen, fort, »daß ein Edelmann, der einmal als einer der ergebensten galt, wie ein Feind wütet, um den Ruf einer Frau zu zerstören? Denn beachten Sie, Herr de Charny, seit unserer ersten Begegnung war es nicht die Königin, die Ihnen gegenübertrat, das hätten Sie niemals vergessen dürfen.«

Charny wollte ein Wort der Verteidigung sagen, aber Marie-Antoinette ließ ihm dazu keine Zeit.

»Was werden meine Feinde tun«, sagte sie, »wenn Sie das Beispiel des Verrats geben?«

»Verrat ...«, stammelte Charny.

»Wollen Sie wählen, Monsieur? Entweder sind Sie ein Wahnsinniger, dann werde ich Ihnen die Möglichkeit entziehen, Unheil anzurichten, oder Sie sind ein Verräter, dann werde ich Sie bestrafen.«

»Madame, sagen Sie nicht, daß ich ein Verräter bin. Im Mund der Könige folgt dieser Beschuldigung das Todesurteil, im Mund einer Frau entehrt sie. Töten Sie mich als Königin; aber als Frau schonen Sie mich.«

Marie-Antoinette seufzte. Welches Kind steckte in diesem jungen Mann. Doch wollte sie sich nicht von Rührung bewegen lassen, und so appellierte sie an seinen männlichen Sinn.

»Sprechen wir, ich als Königin, Sie als Mann. Ihre Wunde, sagte mir Doktor Louis, sei an sich ungefährlich, nur Ihr ausschweifender Geist hat Sie in diesen Zustand gebracht. Wann hören Sie auf, Monsieur, dem Doktor das peinliche Schauspiel einer Narrheit zu bieten, die ihn beunruhigt? Wann verlassen Sie das Schloß?«