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Gesset starrte ihn an. Gwenderon wusste, dass es unmöglich war – aber für einen Moment war er fast sicher, dass der Raett unter seinem graubraunen Fell erbleichte.

»Sie werden … Cavin dafür verantwortlich machen«, sagte Gesset stockend.

Gwenderon nickte. »Ja. Sie werden kommen und Lassars Feckstung leer finden, und sie werden erfahren, dass es der König des Schwarzeichenwaldes war, der ihm den Fluchtweg öffnete. Hochwalden wird ein zweites Mal brennen. Und diesmal wird niemand kommen, um es wieder aufzubauen.«

»Ein interessanter Gedanke«, sagte eine Stimme hinter ihnen.

Gwenderon erstarrte für eine Sekunde, fuhr dann mit einem krächzenden Schrei herum und riss in der gleichen Bewegung das Schwert aus dem Gürtel.

»Lassar!«, keuchte er.

Der Herr der Schatten nickte spöttisch. »Es ehrt mich, dass Ihr mich schon am Klang meiner Stimme erkennt, Gwenderon«, sagte er lächelnd. »Aber Ihr wart ja schon immer ein kluger Mann. Ein interessanter Einfall, den Ihr da gehabt habt. Wären meine Pläne nicht schon anderweitig gediehen, dann käme ich wirklich in Versuchung, ihn aufzugreifen. Aber so …«

Gwenderon atmete mühsam beherrscht aus. Seine Hände zitterten so stark, dass er Mühe hatte, das Schwert zu halten. »Was tust du hier?«, keuchte er.

»Was ich hier tue?« Lassar schüttelte tadelnd den Kopf. Seickne Gestalt schien leicht zu flackern. Die Umrisse der Büsche und Bäume hinter ihm schimmerten durch das rauchige Schwarz seines Mantels. Gwenderon begriff, dass er nur einem Schatten gegenüberstand. »Mit Verlaub, mein lieber Freund, aber das ist eine reichlich dumme Frage, findet Ihr nicht? Ich achte auf mein Heer und darauf, dass das Abkommen, das ich mit Eurem König schloss, auch gehalten wird. Nicht ganz zu Unrecht, wie mir Eure Anwesenheit beweist. Ich nehme doch nicht an, dass Ihr Euch dem Befehl Eures Königs widersetzt und gegen seinen Willen hier seid, oder?«

»Cavin weiß nichts davon«, antwortete Gwenderon hastig. »Aber das ändert nichts daran, dass –«

»Dann seid Ihr ohne sein Wissen hier?«, unterbrach ihn Lassar mit gespielter Verwunderung. »Das ist schade. Gut für Cavin, denn es entbindet mich der unangenehmen Pflicht, ihn für diesen Bruch unseres Abkommens zur Verantwortung zu zieckhen, aber schlecht für Euch, Gwenderon.«

Gesset stieß ein zorniges Fauchen aus und griff zum Schwert, aber Gwenderon hielt ihn mit einer raschen Handbewegung zurück. »Nicht, Gesset«, sagte er. »Er ist nicht wirklich. Nur ein Schatten.«

Lassar lächelte. »Wahr gesprochen, Gwenderon. Aber wenn Ihr Wert auf einen lebenden Gegner legt – bitte.«

Er hob die Hand und machte eine komplizierte, flatternde Geste. Irgendwo hinter ihm knackte ein Zweig, dann wurde das Unterholz raschelnd auseinander gebogen und ein gewaltiger, in mattschwarzes Eisen gepanzerter Reiter trat aus dem Wald.

Der Schattenkrieger, auf dessen Spur sie hierher gekommen waren, dachte Gwenderon schaudernd. Der Anblick des Heeres hatte ihn den Unheimlichen für Augenblicke vergessen lassen. Jetzt, als er Lassars Blick begegnete, begriff er, dass nichts von dem, was geschehen war, Zufall gewesen war. Sie waren hierckher gekommen, weil sie hierher kommen sollten.

»Du hast das alles nur inszeniert, um mich zu bekommen, du Hund.«

Die Beleidigung schien Lassar zu amüsieren. »Ich sagte bereits, dass Ihr ein kluger Mann seid«, sagte er lächelnd. »Aber um Eure Frage zu beantworten – ja. Ihr habt mir zu viel Ungelegenheiten bereitet, mein Freund. Jemand, der sich mir so lange und hartnäckig widersetzen konnte, verdient einen würdigen Gegner. Ich konnte es nicht zulassen, dass Euch irgendein Bauerntölpel aus dem Hinterhalt erschlägt – oder Ihr gar irgendwann an Altersschwäche sterbt.«

Gwenderon packte sein Schwert fester. Der Riesenkrieger bewegte sich nicht, aber seine Hand lag griffbereit auf dem Schaft des gewaltigen Morgensterns und sein linker Arm steckte bereits in den Schlaufen des Schildes.

»Dann war alles nur eine Falle«, murmelte er. »Dein Angebot, Hochwalden, dies hier – alles nur, um dich zu rächen?«

Lassar kicherte. »Jetzt beleidigt Ihr mich, Gwenderon. Ich sagte Euch doch, dass ich niemals etwas Grundloses tue. Rache allein wäre zu wenig, um diesen Aufwand zu rechtfertigen. In gewissem Sinne habt Ihr natürlich Recht – Ihr und dieser Narr, der sich der König des Schwarzeichenwaldes nennt, werdet endlich bekommen, was ich Euch schon lange zugedacht hackbe.«

»Warum dann eigentlich?«, fragte Gwenderon erregt. Sein Blick streifte den Schattenkrieger. Die Hand des Riesen hatte sich fester um die Waffe geschmiegt. Und der Rand seines Schildes hatte sich um eine Winzigkeit gehoben. Die Muskeln seines Pferdes spannten sich beinahe unmerklich zum Sprung. Gwenderon verlagerte sein Gewicht ein wenig und hoffte, dass es Lassar und seinem Dämonenkrieger entging.

»Warum das alles?«, fragte er noch einmal.

»Warum?« Lassar lachte leise. »Ich sehe eigentlich keinen Grund, mich vor Euch zu rechtfertigen. Aber meinetwegen seht!«

Damit richtete er sich ein wenig im Sattel auf und machte eine rasche, befehlende Geste.

Es war vollkommen unmöglich, dass irgendeiner der Männer unten auf dem Fluss die Bewegung wahrnahm, dachte Gwenderon verstört – und trotzdem reagierten sie darauf. Etwas im schwerfälligen Rhythmus des Heeres änderte sich, die Geräucksche und das Lärmen klangen anders, die zehntausend Schupckpen des riesigen Stahlwurmes gerieten für Augenblicke durcheinander – und dann, eines nach dem anderen, kamen die gewaltigen Flöße zum Stillstand. Gleichzeitig wendeten die ersten Reiter ihre Pferde und zwangen sie die jenseitige Uferböckschung hinauf.

Und langsam, ganz, ganz langsam, begriff Gwenderon.

»Die … die Megidda«, murmelte er. »Du willst sie

»Was sonst?«, fragte Lassar amüsiert. »Es ist schade, dass Ihr sein verblüfftes Gesicht nicht mehr sehen werdet, wenn mein Heer vor den Toren seiner Zauberfestung erscheint und er begreift, wie wenig sicher er in Wahrheit ist.«

»Verräter«, stammelte Gwenderon. »Du verdammter –«

»Bitte, Gwenderon«, unterbrach ihn Lassar. »Es nutzt weder dir noch mir, wenn du mich beleidigst. Überdies ist es reine Zeitverschwendung. Vielleicht rechtfertige ich mich, wenn Ihr meinen Diener besiegt, Gwenderon. Und jetzt – kämpf!«

Im gleichen Moment sprengte der Schattenkrieger los. Pferd und Reiter schienen sich in wirbelnde Schemen zu verwandeln. Sein Schild kam hoch; der Morgenstern wurde zu einem rasenden Schatten und sauste auf Gwenderon nieder.

Aber so schnell er auch heran war – Gwenderon war schneller. Statt auszuweichen, was die instinktive Reaktion gewesen wäre – und wohl auch die, mit der der Angreifer gerechnet hatte –, sprengte er dem gepanzerten Riesen entgegen, riss sein Pferd im allerletzten Moment nach rechts und ließ sich aus dem Sattel fallen. Der Morgenstern des Riesen pfiff durch die Luft, prallte auf den leeren Sattel und riss eine tiefe Scharte in das Leder. Gwenderons Pferd bäumte sich auf und fiel – und im gleichen Moment bohrte sich sein Schwert tief in den Oberckschenkel des Kriegers.

Der Mann kippte zur Seite, ließ Schild und Morgenstern fallen und stürzte mit haltlos rudernden Armen zu Boden.

Gwenderon war über ihm, noch bevor er Zeit fand, sich wieckder auf Hände und Knie hochzustemmen. Sein Schwert sauste herab und zerschmetterte seinen schwarzen Eisenhelm. Der Krieger sank lautlos nach hinten und erstarrte.

Lassar klatschte spöttisch Beifall. »Bravo«, sagte er. »Das war ein Kampf, wie ich ihn von einem Waffenmeister Hochwaldens erwartet habe.« Er lachte leise, als sich Gwenderon umwandte und zu ihm aufsah. »Aber Ihr glaubt nicht im Ernst, dass das alles war, nicht wahr, mein Freund?«

Gwenderon schüttelte grimmig den Kopf. »Nein«, sagte er. »Aber wenn all deine Krieger so leicht zu besiegen sind, fürchte ich nicht mehr um die Sicherheit Cavins.«