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Cavin überhörte seinen Einwand. »Das verbiete ich, Gwenderon. Schlag diese Kreatur nieder und reite weiter!«

»Ich glaube, Ihr habt nicht ganz verstanden, Prinz«, erwiderte Gwenderon, nur mehr mühsam beherrscht. »Dieser Raett ist nicht allein. Es können wenige sein, die er anführt, aber auch viele. Sie würden sich mit Gewalt holen, was wir ihnen nicht freiwillig geben, und …«

»Papperlapapp!« Wieder schnitt ihm Prinz Cavin das Wort ab. Gwenderon fühlte eine Welle heißen Zorns in sich aufsteigen. Begriff dieser junge Narr denn wirklich nicht – oder wollte er es nur auf eine Kraftprobe ankommen lassen, ausgerechnet jetzt?

»Ich verbiete es«, sagte der Prinz noch einmal, laut und herrisch. »Wir haben genug Krieger, uns des Angriffes einer Bande halb verhungerter Ungeheuer zu erwehren. Wären sie so viele, wie Ihr befürchtet, Waffenmeister, dann hätten sie uns längst angegriffen.«

Gwenderon starrte ihn einen Herzschlag lang an, dann drehte er sich halb im Sattel um und sah zu den Männern zurück, die damit begonnen hatten, eines der Packpferde zu entladen. Während der letzten Augenblicke hatten sie innegehalten und mit unverhohlener Neugier zu ihm und dem Prinzen hinübergeseckhen.

»Macht weiter!«, befahl er. »Und beeilt euch.«

Cavin zog hörbar die Luft ein. »Ihr verweigert den Gehorcksam?«, keuchte er.

»Nein«, antwortete Gwenderon, so ruhig er konnte. »Ich tue, was für Eure Sicherheit das Beste ist, Herr. Wir können das Pferd verschmerzen, und Euer Vater hat mein Wort, dass ich Euch heil und unverletzt nach Hochwalden bringe. Wir können es nicht riskieren, von den Raetts angegriffen zu werden, nur wegen eines Pferdes.«

»Ich werde dafür sorgen, dass –«, begann Cavin. Aber diesckmal wurde er von Gwenderon unterbrochen.

»Ihr werdet nichts tun, junger Herr«, sagte er eisig. »Ich bin für Euer Wohl verantwortlich, und ich befehlige diesen Tross, nicht Ihr, Herr.« Er betonte das Wort Herr auf die gleiche, abfällig-boshafte Art, in der Cavin ihn vorher Waffenmeister genannt hatte.

Die Lippen des jungen Prinzen pressten sich zu einem schmalen, blutleeren Strich zusammen. Seine Augen flammten. Aber er war intelligent genug zu erkennen, dass er verloren hatte und dass er die Schmach, die diese Niederlage in seinen Augen bedeutete, mit jedem weiteren Wort nur noch verckschlimmern würde. Mit einem wütenden Ruck riss er sein Pferd herum und ritt an seinen Platz in der Mitte der Kolonne zurück.

»Das war hart«, murmelte Norrot neben ihm. »Er wird Euch Schwierigkeiten machen, sobald wir Hochwalden erreicht hackben.«

»Unsinn«, knurrte Gwenderon. »Er ist ein junger Hitzkopf und weiß noch nicht, was das Wort Tapferkeit überhaupt beckdeutet, und sein Vater weiß das.«

Nervös blickte er wieder zu dem wartenden Raett zurück, der sich noch immer nicht von der Stelle gerührt hatte. Dann wandckte er sich im Sattel um und sah voller Ungeduld zu, wie die Männer das Packpferd entluden. Zu seiner Zufriedenheit hatten die Männer das am wenigsten kräftige Tier ausgewählt. Es war nervös und scharrte ängstlich mit den Vorderhufen im Boden, als spürte es instinktiv, welches Schicksal ihm bevorstand.

Der Raett erwachte aus seiner Erstarrung, als das Pferd vollends entladen war und einer der Männer Gwenderon die Zügel in die Hand drückte. Mit kleinen, trippelnden Schritten kam er näher und musterte abwechselnd das Tier und Gwenderon. Sein Rattenmaul stand einen Spaltbreit offen und gewährte Gwenderon einen Blick auf die entsetzlichen Reißzähne des Ungeheuers. Selbst jetzt, als er ihm gegenüberstand und mit ihm sprach, fiel es ihm schwer, zu glauben, dass der Raett der Vertreter einer – wenn auch mäßig – intelligenten Spezies sein sollte.

»Hier. Nimm es und verschwinde«, sagte Gwenderon und hielt dem Raett die Zügel hin.

Aber das Wesen machte keinerlei Anstalten, danach zu greifen. Stattdessen wandte es sich auf der Stelle um und stieß einen hohen, trällernden Ruf aus. Weniger als einen Herzschlag später teilte sich der Wald rechts und links des Weges und ein ganzes Dutzend der fellbedeckten Kreaturen erschien zwischen dem Unterholz. Gwenderon spürte, wie eine erschrockene Beckwegung durch die Reihen seiner Krieger lief. Schwerter wurden gezogen, Sehnen gespannt und Lanzen angelegt.

»Verdammt!«, sagte er. »Ich sagte, ihr solltet kommen, wenn wir weitergeritten sind. Schick sie weg!«

»Mensch gut«, antwortete der Raett blöde. »Viel Hunger. Nicht Angst haben. Geben Gold.«

»Behalte dein Gold, aber schick sie weg, bis –« Gwenderon sprach nicht weiter, als er sah, dass der Raett seine Worte überhaupt nicht zur Kenntnis nahm. Und es war auch zu spät – die Front der zottigen Kreaturen war bereits bis auf wenige Schritte herangekommen. Aber Gwenderon sah auch, dass keickner von ihnen eine Waffe trug. Und das Lodern in ihren Augen war vielmehr Hunger als Mordlust. Nicht wenige von ihnen waren verwundet, und einige – die Weibchen, wie er vermutete – trugen junge, kleine hässliche, haarige Bündel, die sich an ihren Zitzen festgesaugt hatten oder in ihren Armbeugen schliefen. Sie wirkten zerlumpt und trotz ihres beeindruckenden Körperbaues schwach und krank. Die allerwenigsten trugen Kleider.

Gwenderon wandte sich im Sattel um und hob beruhigend die Hand. »Es ist alles in Ordnung«, sagte er. »Senkt die Waffen. Sie haben nur Hunger.«

Für einen Moment begegnete sein Blick dem Norrots; der Krieger hatte sehr wohl bemerkt, dass Gwenderon ihnen nicht befohlen hatte die Waffen fortzustecken, sondern nur sie zu senken. Dann blickte er in das Gesicht des Prinzen. Der Hochmut und Zorn darauf war verschwunden und von Schrecken und langsam aufkeimender Furcht abgelöst worden. Gwenderon gestattete sich den Luxus eines flüchtigen Lächelns, ehe er sich wieder zu dem Raett umwandte.

»Also«, sagte er, »nehmt das Tier und lauft uns nicht noch einmal über den Weg.« Wieder hielt er dem Raett die Zügel des Tieres hin und diesmal griff das Wesen danach, streckte aber gleichzeitig die Hand nach dem Zaumzeug von Gwenderons eigenem Pferd aus und hinderte ihn daran, weiterzureiten.

»Danken«, zischelte es. »Wir Hunger. Du geben Pferd. Wir geben Gold.«

Gwenderon warf einen flüchtigen Blick auf die Reihe heruntergekommener, halb verhungerter Gestalten hinter dem riesigen Raett. Behutsam löste er die mächtige Pranke des Wesens vom Zaumzeug seines Pferdes, schüttelte den Kopf und rang sich zu einem Lächeln durch.

»Behaltet euer Gold«, sagte er. »Wir können das Pferd verckschmerzen. Nehmt es und esst euch satt.«

Der Raett starrte ihn an. Sein Rattengesicht blieb starr, aber in seinen Augen glomm ein Ausdruck, der vielleicht ein Lächeln war. Vielleicht auch etwas anderes.

»Mensch gut«, sagte er. »Wir danken. Später.«

Gwenderon antwortete nicht mehr, sondern gab das Zeichen zum Weiterreiten.

7

Der Schatten war einfach da. Ganz plötzlich, von einem Lidckschlag auf den nächsten, stand er zwischen dem Unterholz, ein schwarzes Loch, das lautlos in das braungrüne Halbdunkel des Waldes gestanzt worden war; größer und sehr viel massiger als ein Mensch. Winzige rote Augen glühten wie Kohlen in der Schwärze, die sein Körper war. Lange Zeit blieb das Ding einfach stehen, reg- und lautlos wie ein Spuk. Dann drehte es sich um und begann tiefer in den Wald einzudringen. Mit ihm kam die Furcht.

8

Irgendetwas war nicht so, wie es sein sollte. Gwenderon konnte das Gefühl nicht genauer in Worte fassen, aber es war zu stark, um es zu ignorieren: Der Wald hatte sich verändert. Seine Farckben waren finsterer, seine Konturen härter und kantiger, seine Schatten tiefer geworden; der Weg hatte sich in eine Schlucht verwandelt, zu beiden Seiten begrenzt von graugrün-braun marmorierten Wänden aus gemauerter Finsternis, und obwohl die Sonne schon wieder beinahe zu heiß vom Himmel schien, kroch doch ein Gefühl klammer Kälte in ihm empor, gegen das er sich nicht zu wehren wusste.