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Es hatte wieder angefangen zu regnen und der Himmel blieb bewölkt. Nur hier und da lugte ein Stück matter Bläue durch eine Lücke des tief hängenden Himmels. Selbst hier, in der kleinen, achteckigen Kammer unter der obersten Plattform des Bergfrieds, hatten sich Kälte und Feuchtigkeit eingenistet, dem lodernden Kaminfeuer und den dicken Vorhängen, mit denen sieben der acht Fenster verhängt waren, zum Trotz.

Faroan zog fröstelnd den Umhang enger um die Schultern, trat vom Fenster zurück und ging zum Kamin hinüber. Er fror und die Kälte wich auch dann nicht vollends aus seinen Glieckdern, als er vor dem Feuer in die Hocke ging und die Hände über den prasselnden Flammen aneinander rieb. Es war mehr als die äußere Kälte, die er fühlte, und mehr als die eisige Luft, die ihn zittern ließ. Zum ersten Mal in seinem Leben spürte Faroan das Gewicht der ungezählten Jahre, die auf seinen Schultern lasteten.

Das Quietschen rostiger Angeln ließ ihn aufsehen. Die Tür wurde geöffnet und die grauhaarige, gebeugte Gestalt König Oros betrat die Kammer. Faroan erhob sich rasch, ging dem König ein paar Schritte entgegen und neigte leicht das Haupt. »Mein König.«

Oro drückte die Tür hinter sich ins Schloss und gab ein verckärgertes Geräusch von sich. »Lass den Unsinn, Faroan«, sagte er. »Wir sind allein. Deine Zauberbücher werden die Etikette kaum zu schätzen wissen. Ich muss mit dir reden.«

Faroan schwieg. Es war ihm vom ersten Augenblick an klar gewesen, dass Oro nicht hierher gekommen war, um mit ihm zu plaudern. Das tat niemand. Es gab keinen in Hochwalden, der nicht ein gewisses Unbehagen verspürte, wenn er seine Kammer betrat, und Oro machte da keine Ausnahme. Selbst Faroan glaubte manchmal, vor allem dann, wenn er längere Zeit fort gewesen war und zum ersten Mal wieder den Raum betrat, noch einen schwachen Hauch des Fremden, Geheimnisckvollen zu spüren. Diese Wände hatten zu viele Beschwörungen erlebt, zu viel Magie gesehen, um sie vollends vergessen zu können.

Oro ging an ihm vorbei, setzte sich auf einen Schemel neben den Tisch und wartete, bis Faroan es ihm gleichgetan hatte. Sein Blick huschte nervös über das aufgeschlagene Zauberckbuch, das vor ihm auf dem Tisch lag. Die Buchstaben auf den Seiten schienen sich zu bewegen, als versuchten sie sich den Blicken derer, für die sie nicht bestimmt waren, eifersüchtig zu entziehen.

Faroan lächelte, schlug das Buch zu und sah Oro fragend an. »Resnec?«

Oro nickte kaum merklich. »Resnec«, bestätigte er. »Ich traue ihm nicht, Faroan. Und ich glaube, du hast Recht – er wird mein Nein nicht akzeptieren.« Seine Stimme klang ein ganz kleines bisschen nervös. »Ich habe die Wachen verdopckpelt«, sagte er plötzlich.

Faroan erschrak, aber nur kurz. Was hatte er erwartet? »Er wird nicht angreifen«, sagte er, aber es war eher Wunsch als wirkliche Überzeugung. »Lassar würde es nicht wagen, Hochwalden mit Gewalt zu nehmen oder auch nur einen seiner Krieger mit Waffen hierher zu schicken. Alle würden sich gegen ihn wenden, vom Zwergenvolk bis zu den hohen Eiben in den Bergen.«

Zu seiner Überraschung lächelte Oro plötzlich. Er schüttelte den Kopf, beugte sich vor und begann mit dem Ringfinger der Rechten die kabbalistischen Zeichen nachzuziehen, die in den schweinsledernen Einband des Buches eingraviert waren.

»Faroan, mein Freund«, seufzte er. »Ich wusste, dass ich diese Antwort von dir bekommen würde. Du denkst an Zwerge und Eiben, an Magier und uralte Flüche …«

»Die noch immer existieren und wirksam sind.«

»Aber woran du nicht denkst, das sind Schwerter und Bögen, Lassars Reiterei und seine schwarzen Henker. Ist die Welt, in der du lebst, wirklich so anders als die, in der ich lebe?«

Faroan antwortete nicht gleich. Oros Worte verwirrten ihn, umso mehr, da er spürte, dass der König das eigentliche Anliegen, dessentwegen er hergekommen war, noch nicht vorgetragen hatte.

»Was willst du?«, fragte er. »Dass ich einen Zauber spinne, der Lassar und sein Reich vernichtet? Eine Wand aus Magie, die Hochwalden schützt? Das kann ich nicht.«

»Ich weiß«, antwortete Oro.

»Was willst du dann?«, fragte Faroan. Eine noch vage, unbeckstimmte Ahnung stieg in ihm auf.

Oro wich seinem Blick aus. Seine Finger fuhren fort, die Licknien auf dem Buch nachzuzeichnen.

»Webe einen Zauber«, sagte er schließlich und noch immer ohne ihn anzublicken. »Ich möchte, dass du Cavin hierher holst. Ich fürchte um seine Sicherheit, solange er sich noch außerhalb der Mauern aufhält. Resnec ist ein verschlagener Mann. Wüsste er, dass mein eigener Sohn dort draußen ist, von nicht mehr als einem Dutzend Reitern beschützt …«

»Einem Dutzend deiner besten Reiter, Oro«, erinnerte Faroan sanft. »Gwenderon selbst ist bei ihm, und du weißt, dass er stark und tapfer wie zehn Männer ist.«

Oro machte eine abwertende Geste. »Was hilft Tapferkeit und Mut gegen Verschlagenheit und Heimtücke?«, fragte er. »Was sind Schwerter und Schilde gegen Magie und finsteren Zauber? Es war ein Fehler, ihn ausgerechnet jetzt kommen zu lassen.«

»Es war ein Fehler, ihn überhaupt fortzuschicken, Oro«, sagckte Faroan leise.

Oro blickte ihn an, schwieg aber. Sie hatten mehr als einmal darüber geredet und sich mehr als einmal deswegen gestritten, schon bevor Prinz Cavin damals, noch nicht acht Jahre alt, Hochwalden verlassen hatte, um seine Ausbildung an den becksten Schulen entlang der Küste zu beginnen. Er war Oros einziger Sohn, und der König, der die Jahre an sich vorüberziehen sah und spürte, dass er älter wurde, war der Meinung, dass das Beste für seinen Nachfolger gerade gut genug war. Hochwalden verdiente einen Herrscher, der sich auf dem schlüpfrigen Eis der Etikette so sicher bewegen konnte wie im Sattel seines Pferdes.

Natürlich hatte Oro Recht; die Zeiten, in denen ein König nur König sein konnte, weil er stark war, waren lange vorbei und würden vielleicht niemals wiederkommen. Aber Faroan wusste auch, dass es in den von den Jahrhunderten geschwärzten Wänden Hochwaldens noch andere Dinge gab, Dinge, von deren Existenz Oro nichts wusste oder vor denen er zumindest die Augen schloss. Vielleicht war der Schwarzeichenwald der letzckte Ort echter Magie und echten Zaubers, den es in der Welt noch gab. Und Faroan war der Meinung gewesen – und er war es noch –, dass es wichtigere Dinge gab, als fünf Fremdsprachen zu sprechen und zu wissen, ob man den kleinen Finger abspreizen durfte, wenn man ein Weinglas hielt. Aber er hatte sich Oros Ratschluss nicht widersetzt. Oro war der König, nicht er.

»Vielleicht war es das wirklich«, sagte Oro nach einer Weile. Plötzlich änderte sich sein Tonfall. »Doch wenn, dann ist es jetzt zu spät, darüber zu jammern. Ich möchte, dass Cavin so schnell wie möglich hierher gebracht wird, Faroan. Ob auf magischem oder irgendeinem anderen Wege ist gleich. Nur in Hochwalden ist er sicher.«

Faroan wollte widersprechen, aber er tat es nicht. Oros Worte enthielten mehr Wahrheit, als er selbst ahnen mochte. Lassar war nicht nur König und Eroberer, er war auch ein Zauberer, wenn auch einer, der sich der dunklen Seite der Magie verckschrieben hatte. Wenn er erfuhr, dass der einzige Sohn Oros praktisch schutzlos im Wald unterwegs war …

Er verscheuchte den Gedanken, zwang sich zu einem Lächeln und fuhr fort: »Cavin ist in Sicherheit, Oro. Selbst wenn Lassar auf irgendeinem Wege in Erfahrung gebracht haben sollte, dass er sich auf dem Rückweg befindet, wird er auf den Straßen nach ihm Ausschau halten oder allenfalls noch den Fluss beobachten. Es war ein kluger Entschluss, ihn den Weg durch das Herz des Waldes wählen zu lassen.«

Oros Blick spiegelte Sorge. »Ich hoffe es, mein Freund«, murmelte er. »Schon mancher ist nicht zurückgekehrt, der sich dorthin wagte.«