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»Ich weiß es nicht, mein Prinz«, murmelte Gwenderon. Allmählich begann sich auch in ihm so etwas wie Verzweiflung breit zu machen. Sie konnten nicht ewig hier liegen bleiben – aber wenn sie sich bewegten oder auch nur ein zu lautes Wort sprachen, würden die gereizten Tiere erneut über sie herfallen. Schon jetzt spürte er, dass er die unnatürlich verkrampfte Haltung, in der er neben dem Prinzen hockte, nicht mehr sehr lange aushalten würde. Sein Rücken und seine Waden waren verckspannt und schmerzten. Behutsam verlagerte er sein Gewicht nach vorne, streckte vorsichtig die Hände aus und stützte sich auf dem Boden ab. Er brauchte fast fünf Minuten für diese Beckwegung.

»Vielleicht … können wir kriechen«, flüsterte er. »Wenn wir uns ganz langsam bewegen.«

Ein schwarzer Ball huschte auf wirbelnden Beinen heran und grub seine Fänge in Gwenderons Hand. Der Waffenmeister schrie auf und unterdrückte den Impuls, nach dem Tier zu schlagen.

Cavin seufzte. »So viel zu deinem Vorschlag, Gwenderon. Hast du noch mehr Ideen?«

»Ja«, schnappte Gwenderon. »Betet noch einmal, mein Prinz. Solange Ihr es noch könnt.«

Er schloss die Augen, versuchte den brennenden Schmerz in seiner Hand zu ignorieren und verlagerte noch einmal sein Körpergewicht, unendlich viel langsamer als zuvor und jederckzeit bereit, erneut zur Reglosigkeit zu erstarren.

Vor ihm waren gleich drei der pelzigen Tiere. Ihre Augen funkelten ihn boshaft an, und die Art, in der sich die haardünnen Fühler an ihren Köpfen bewegten, ließ ihn für einen Mockment fast glauben, dass sie miteinander sprachen. Langsam, ganz langsam hob er die Hand, bewegte sie einen Zoll nach vorne und senkte sie wieder.

Die Spinnen griffen nicht an.

Gwenderon atmete innerlich auf, hob die andere Hand und schob auch sie nach vorne, ein Stück weiter diesmal und eine Winzigkeit schneller.

Einer der schwarzen Bälle schoss auf ihn zu. Gwenderon erstarrte und die Spinne hielt wenige Fingerbreit vor seinen Händen an, blieb einen Moment zitternd stehen und trollte sich dann wieder.

»Das hat keinen Zweck«, stöhnte Cavin. »Auf diese Weise brauchen wir Stunden, um zu den anderen zu kommen. Das schaffen wir nicht.«

Gwenderon antwortete diesmal nicht. Es gab auch nichts, was er hätte sagen können. Ihre Lage war mehr als aussichtscklos.

»Prinz Cavin! Gwenderon!«, ertönte eine Stimme vom unteren Ende des Weges. »Haltet aus! Bewegt euch nicht! Wir hocklen euch!«

Gwenderon hob, unendlich langsam und vorsichtig, den Kopf und blickte zu den Reitern hinab. Der Tross hatte sich ein weickteres Stück zurückgezogen. Die Männer waren aus den Sätteln gestiegen, einige hockten am Boden und waren offensichtlich verletzt. Ein halbes Dutzend Krieger war damit beschäftigt, irgendetwas zu tun, was Gwenderon nicht erkennen konnte, aber sie taten es in großer Eile. Aufgeregte Rufe, das Klirren von Metall und das Knarren von Leder drangen an Gwenderons Ohr.

»Was haben sie vor?«, flüsterte Cavin.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Gwenderon düster. »Aber was immer es ist – es wird nicht klappen.«

Cavin gab einen undefinierbaren Laut von sich. »Du hast eine reizende Art, mir Mut zu machen, Gwenderon.«

Die Reihe der Krieger teilte sich, und jetzt erkannte Gwenderon auch, womit sie bisher beschäftigt gewesen waren. Zwei Angehörige der Garde näherten sich der unsichtbaren Grenze, hinter der die Tiere angriffen, aber sie waren kaum noch als Menschen zu erkennen. Jeder Quadratzoll ihres Körpers, der nicht vom Metall der Rüstungen bedeckt war, war sorgsam mit Leder oder dicken, mehrfach übereinander gelegten Stoffstreifen umwickelt. Die Lücken zwischen Brust-, Arm- und Beinckpanzer hatte man verstopft und abgedichtet, und selbst die Sehschlitze waren zugestopft worden, sodass sich Gwenderon fragckte, wie sie überhaupt sehen konnten. In den Händen hielten sie brennende Fackeln.

»Diese Narren!«, murmelte er. »Sie werden uns umbringen. Die Spinnen werden vollends verrückt, wenn sie das Feuer spüren. Wir werden tot sein, ehe sie halb bei uns sind!«

Langsam, unförmig wie zwei Gestalten aus einem Alptraum und mit plumpen, stampfenden Schritten kamen die beiden Soldaten näher. Die Spinnen begannen aus ihrer unmittelbaren Nähe zurückzuweichen, als sie das Feuer spürten, aber Gwenderon sah auch die rasche, kaum merkliche Bewegung, die wie eine Woge durch die Masse der Tiere lief. Die drei Spinnen, die noch immer vor ihm hockten und ihn misstrauisch beäugckten, wurden zusehends nervöser.

Plötzlich blieb einer der beiden Krieger stehen und Sekunden später verharrte auch sein Begleiter. Erschrockene, aufgeregte Rufe wurden in den Reihen der Männer laut, Arme deuteten auf etwas hinter Gwenderons Rücken.

Hinter ihm stieß Cavin ein ungläubiges Keuchen aus, aber Gwenderon kam nicht mehr dazu, sich umzublicken. Er hörte Schritte, dann fühlte er sich gepackt und mit unmenschlicher Kraft vom Boden hochgerissen. Im nächsten Augenblick wurde er über eine gewaltige, mit braunem Pelz bedeckte Schulter geworfen und davongetragen, schneller, als ein Pferd laufen konnte.

Erst als sie die Pferde erreicht hatten, blieb sein geheimnisckvoller Retter stehen, lud ihn von der Schulter und stellte ihn unsanft auf die Füße.

Gwenderon machte sich instinktiv los, taumelte einen Schritt zurück und blickte verwirrt in das spitze, pelzige Gesicht mit den schwarzen Knopfaugen, das ihn ausdruckslos anstarrte. Hinter seinem Retter erschien ein zweiter Raett, der Prinz Cavin wie einen Sack über der Schulter trug.

11

Der Schatten stand lautlos da, nicht sehr weit von den Reitern entfernt, halb verborgen zwischen den dornigen Büschen, die den Weg säumten, verschmolzen mit den anderen, natürlichen Schatten des Waldes. Niemand hätte ihn bemerkt, selbst wenn er direkt in seine Richtung geblickt hätte, weil niemand etwas bemerken kann, was gar nicht als es selbst existiert. Aber er sah. Und er hörte. Und nach einer Weile wandte er sich wieder um und verschwand so lautlos, wie er gekommen war.

12

»Ihr?«, murmelte Gwenderon.

Er verstand nichts mehr. Er fühlte nicht einmal mehr Erleichterung in diesem Augenblick. Alles, was er empfand, war eine grenzenlose Verwirrung – und Angst, eine immer stärker werdende, scheinbar grundlose Angst. »Aber wieso …?«

»Weil sie immun gegen das Gift der Tauspinnen sind«, sagte Norrot, der zu ihm geeilt war, um ihn zu stützen, jetzt aber unschlüssig schien, um wen er sich zuerst kümmern sollte – um Gwenderon oder Cavin, der von dem zweiten Raett reichlich unsanft von der Schulter geladen und ins Unterholz geworfen wurde.

Der junge Prinz sprang fluchend hoch, fuhr herum und starrte die riesengroße Ratte mit einer Mischung aus Zorn und Furcht an.

»Außerdem schützt sie ihr dickes Fell gegen die Bisse«, fuhr Norrot fort.

Cavin schenkte ihm einen bösen Blick, taumelte und riss sich mit einer wütenden Bewegung los, als der Raett sofort wieder seine Arme umklammerte, um ihn zu stützen.

»Lass mich los, du Ratte!«, schrie er. Der Raett gehorchte – und Cavin fiel prompt zum zweiten Mal in die Dornen.

In den Augen des Raett blitzte es auf. Gwenderon war nicht sicher – aber er glaubte fast, so etwas wie Spott in dem normacklerweise ausdruckslosen Nagergesicht der Riesenratte zu erkennen.

Er atmete tief ein, blickte an seinem Retter vorbei zu dem tockten Pferd und den vier reglos daliegenden Gestalten hin und wandte sich dann an den Raett. Er war nicht sicher, ob es der gleiche Raett war, dem sie zu essen gegeben hatten.

»Ich danke euch«, sagte er, langsam und noch immer außer Atem. Sein Herz jagte. Plötzlich war die Angst schlimmer als vorhin, als sie hilflos inmitten der Spinnen gesessen hatten. Gwenderon musste all seine Kraft aufbieten, das Zittern seiner Hände nicht zu stark sichtbar werden zu lassen. »Ohne eure Hilfe wären der Prinz und ich jetzt tot.«

»Hilfe gut«, radebrechte der Raett. »Du geben Essen. Wir sagen, danken. Wir helfen.« Er drehte sich halb herum, um auf Cavin hinabzublicken, und fügte etwas leiser hinzu: »Wir warnen. Aber Menschenjunges Angst.«