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»Ich bin froh, daß dir und deinen Freunden nichts geschehen ist«, sagte er. »Es ist ziemlich lange her, daß wir uns begegnet sind, aber wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, dann wart ihr damals mehr auf dem Schiff. Wo ist dieser junge Franzose – wie war doch gleich sein Name?«

»André«, antwortete Mike automatisch. »Er ist nicht mehr bei uns. «

»Ich hoffe doch stark, daß ihm nichts zugestoßen ist«, sagte Winterfeld, und seltsam – es klang wirklich ehrlich.

»Nein«, antwortete Mike. »André ist –« Er fing im letzten Moment Trautmans warnenden Blick auf und fuhr nach einer Pause fort: »– in Sicherheit. An einem Ort, der ihm besser gefiel als die NAUTILUS. « Winterfeld lächelte. »An einem jener geheimnisvollen Orte, die ihr zweifellos mittlerweile mit der NAUTILUS besucht habt«, sagte er. »Habt ihr Atlantis gefunden?«

Mike sah aus den Augenwinkeln, wie Stanley ihn anstarrte. So ruhig er konnte, sagte er: »Nein. « »Und wenn es so wäre, würdest du es mir nicht sagen, nehme ich an«, fügte Winterfeld hinzu. »Nun, das überrascht mich nicht. Unsere letzte Begegnung ist ja unter nicht so besonders guten Umständen verlaufen, nicht wahr?«

»Also kennt ihr euch doch«, sagte Stanley bitter. »Ja«, antwortete Winterfeld. »Allerdings tun Sie Mike und seinen Freunden unrecht, Kapitän. Wir sind keineswegs Verbündete oder auch nur Freunde. Ganz im Gegenteil. Aber dazu später. « Er stand mit einem Ruck auf und trat an eine der Karten, die die Wand hinter seinem Schreibtisch zierten. Zwei, drei Augenblicke lang stand er reglos da, dann sagte er, ohne sich zu ihnen herumzudrehen: »Meine Herren – was halten Sie von diesem Krieg?«

Stanley blinzelte verwirrt. Brockmann zuckte nicht einmal mit der Wimper, und nach einigen weiteren, von unbehaglichem Schweigen erfüllten Sekunden drehte sich Winterfeld nun doch herum und sah die beiden Offiziere nachdenklich an. »Ich mache nicht nur Konversation«, sagte er. »Ich frage Sie, was sie zu dem sagen, was gerade in Europa geschieht. Gefällt es Ihnen?« »Was soll diese Frage?« fragte Stanley. »Natürlich nicht. « »Aber Sie sind doch daran beteiligt«, antwortete Winterfeld lächelnd.

»Ich bin Soldat«, erwiderte Stanley. »Kein Politiker. « »0 ja, natürlich«, sagte Winterfeld spöttisch. »Und Sie tun, was man Ihnen sagt, nicht wahr? Genau wie mein geschätzter Kamerad Brockmann, nehme ich an. Für Kaiser und Vaterland, wenn es sein muß, bis in den Tod. Wie viele britische Schiffe haben Sie versenkt, Brockmann? Zwei? Drei? Und Sie, Stanley – wie viele Kameraden haben Sie verloren?«

»Die mitgerechnet, dieSiegerade umgebracht haben?« fragte Stanley.

Winterfeld seufzte. Mit einem wortlosen Kopfschütteln wandte er sich an Mike. »Und du?« fragte er. »Wie meinen Sie das?« fragte Mike. »Wie ich es sage«, antwortete Winterfeld. »Vermutlich habt ihr, du und deine Freunde, bisher wenig direkt von diesem Krieg mitbekommen, aber ich denke, ihr seid alt genug, um euch den Rest vorstellen zu können. Was sagst du zu diesemKrieg?«

Die Art, auf die Winterfeld das letzte Wort aussprach, irritierte Mike. Es hörte sich an wie etwas Obszönes. »Ich halte ihn für Wahnsinn. Und für ein Verbrechen«, antwortete er.

Winterfeld lächelte. »Sehen Sie, meine Herren«, sagte er, nun wieder an Stanley und Brockmann gewandt. »Dieser Junge istkeinSoldat. Er ist nicht einmal ein Erwachsener. Nur ein Jugendlicher. Und trotzdem hat er offenbar viel deutlicher erkannt, was im Moment in der Welt geschieht. Wahnsinn. Und ein Verbrechen. « Plötzlich veränderte sich etwas in seiner Stimme. Sie wurde nicht lauter, aber viel eindringlicher, und es war etwas darin, was Mike schaudern ließ. »Was dort draußen vorgeht,istein Verbrechen. Dort draußen sterben Menschen, jeden Tag, jede Stunde. Und sie sterben vollkommen sinnlos – nur weil einige Politiker glauben, ihre Ziele um jeden Preis durchsetzen zu müssen. Sie werfen mir vor, daß ich getötet habe? Das ist richtig. Aber Sie selbst tun nichts anderes! Der Krieg wütet seit anderthalb Jahren, und die Zahl der Opfer geht bereits in die Hunderttausende. Und Millionen werden vermutlich sterben, bis die eine oder andere Seite aufgibt oder besiegt ist. « »Und das gibt Ihnen das Recht, Ihren eigenen Krieg vom Zaun zu brechen?« fragte Trautman. Es waren die ersten Worte, die er sprach, seit sie hereingekommen waren, und sie hörten sich eigentlich gar nicht wie ein Vorwurf an, sondern eher nachdenklich. »Mein eigener Krieg?« Winterfeld lachte leise. »Eine interessante Formulierung – aber ja, vielleicht haben Sie damit sogar recht. Aber wenn, dann führe ich ihn nicht gegen eine Nation. « »Sondern gegen alle?« fragte Stanley. »Nein«, antwortete Winterfeld ernst. »Gegen den Krieg. Und ich möchte Sie bitten, mich dabei zu unterstützen. «

»Wie bitte?« Stanley riß ungläubig die Augen auf. »Sie haben mich richtig verstanden«, sagte Winterfeld. »Sie sind meine Gefangenen, aber ein Wort von Ihnen genügt, und Sie sind frei. Unter der Bedingung, daß Sie mir helfen. «

»Helfen?« fragte Stanley, nunmehr total verwirrt. »Wobei?«

Winterfeld antwortete nicht gleich, sondern sah sie alle vier der Reihe nach und sehr ernst an, ehe er sagte: »Den Krieg zu beenden. «

Ein paar Sekunden lang herrschte absolute Stille. Man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können. Stanley, Brockmann und auch Mike starrten Winterfeld an, und Stanley auf eine Art, als zweifelte er ernsthaft an Winterfelds Verstand – was er wahrscheinlich in diesem Moment auch tat. Nur Trautman wirkte viel mehr erschrocken als überrascht. Und sehr nachdenklich. Sein Blick glitt über die überall aufgehängten Karten und Tabellen, und Mike konnte regelrecht sehen, wie es hinter seiner Stirn zu arbeiten begann. Auch Mike war im ersten Augenblick perplex. Was Winterfeld sagte, hörte sich tatsächlich schlichtweg verrückt an, und in gewissem Sinne war er es sicherlich auch – aber auf der anderen Seite kannte Mike Winterfeld auch zu gut, um wirklich zu glauben, daß der Mann einfach den Verstand verloren hatte. Er konnte sich nicht im Ernst einbilden, nur mit diesem Schiff allein den Krieg beenden zu können. Die LEOPOLD war eine gewaltige Vernichtungsmaschine, und was er tat, bedeutete für die unmittelbar Betroffenen sicherlich dasEnde – aber für die am Krieg beteiligten Nationen war es nicht mehr als ein Ärgernis. Genau das sprach Stanley dann schließlich auch aus: »Sie müssen übergeschnappt sein«, sagte er. »Was haben Sie vor? Solange abwechselnd deutsche und britische Schiffe zu versenken, bis beide Nationen vor Ihnen kapitulieren?«

»Nein«, antwortete Winterfeld ruhig. »Ich bin kein Narr, Kapitän Stanley, auch wenn Sie mich dafür zu halten scheinen. Mir ist klar, daß ich früher oder später gestellt und besiegt werden würde, würde ich so weitermachen wie bisher. Das habe ich nicht vor. Tatsächlich war der Angriff auf Ihre beiden Schiffe der letzte kriegerische Akt, zu dem ich gezwungen war. Wenn Sie so wollen, dann war Ihre Missionerfolgreich: Ab dem heutigen Tage wird es keine Überfälle mehr geben. Ich habe, was ich wollte. «