Aller Aufmerksamkeit wandte sich dem Aussichtsfenster zu. Die Dunkelheit außerhalb der NAUTILUS war nicht mehr vollkommen. Tief unter ihnen glühte ein mattes, rotes Licht mit verschwommenen Rändern in dem hier und da kleine gelbe Funken wie leuchtende Insektenaugen zu sehen waren.
»Der Vulkan!« sagte der Ingenieur. »Dort ist er. Genau, wo
wir berechnet haben!«
Auch Winterfeld drehte sich zum Fenster herum. Er hatte sich jetzt wieder völlig in der Gewalt. Einige Sekunden lang blickte er konzentriert nach draußen, dann schüttelte er ganz langsam den Kopf. »Nein, nicht genau«, sagte er. »Sehen Sie auf Ihre Karten. Es gibt eine Abweichung. Nicht viel, aber sie ist da. Vielleicht eine halbe Seemeile oder zwei. «
Die beiden Männer sahen gehorsam auf ihre Seekarten und verglichen die Angaben darauf mit den Werten, die Mikes Instrumente lieferten. Schließlich nickten sie verblüfft.
»Das stimmt«, sagte der, der den Vulkan entdeckt hatte. »Aber wie konnten Sie das wissen? Es ist praktisch unmöglich – « »Weil ich nicht blind bin«, unterbrach ihn Winterfeld. »Sehen Sie dort, ein Stück hinter dem Krater. Sehen Sie das Licht?«
Selbst Mike, der eigentlich über recht scharfe Augen verfügte, mußte dreimal hinsehen, um den winzigen dunkelroten Punkt zu erkennen, den Winterfeld ausgemacht hatte. Auf einen Wink Winterfelds hin änderte er Kurs und Geschwindigkeit der NAUTILUS, so daß sie sich nun darauf zubewegten – und zugleich natürlich auf den Vulkankrater.
Sie passierten ihn in so geringer Entfernung, daß Mike und die anderen einen Blick direkt in den Krater hineinwerfen konnten. Es war ein Anblick, den er nie im Leben wieder völlig vergessen sollte. Obwohl ihm seine Instrumente verrieten, daß sie mehr als fünfhundert Meter über dem Krater waren, bebte und zitterte die NAUTILUS unter der Gewalt des hochschießenden heißen Wassers, und sie konnten ein leises, aber ungemein machtvolles Dröhnen und Rumpeln hören, das von überallher zugleich zu kommen schien. Es war, als hätte er einen Blick unmittelbar in die Hölle geworfen. Unter ihnen brodelte und zischte es, wo rotglühende Lava auf Wasser traf und es in Dampf verwandelte. Der Krater war unvorstellbar groß; Mike hätte die NAUTILUS bequem hineinsteuern und ein paar Runden darin drehen können, und oben, auf der Erdoberfläche, hätte er einen ansehnlichen Berg abgegeben.
Hier unten jedoch war er nur einer von vielen. Der rote Punkt, den Winterfeld entdeckt hatte, entpuppte sich beim Näherkommen als zweiter, etwas kleinerer Vulkankrater, und hinter diesem erhob sich ein dritter und vierter – es war eine ganze Kette unterseeischer Vulkane, auf die sie gestoßen waren. »So ist das also«, murmelte Winterfeld. »Jetzt verstehe ich es endlich. « »Was?« fragte Mike.
»Die Vulkane«, antwortete Winterfeld, ohne seinen Blick vom Fenster zu lösen. »Es ist ein doppelter Effekt. Sie müssen seit Zehntausenden von Jahren aktiv sein. Verstehst du nicht? So, wie kaltes Wasser sinkt, steigt heißes rasch nach oben! Das Wasser, das mit der Lava in Berührung kommt, wird sofort zu Dampf, der in die Höhe schießt, und neben ihm stürzt das kalte Wasser nach unten. Auf diese Weise entsteht ein unvorstellbarer Sog! Kein Wunder, daß der Golfstrom um die halbe Welt reicht! Das Wasser wird hier regelrecht nach unten gerissen!«
»Ja, aber wohin verschwindet all dieses Wasser?« fragte Mike.
Winterfeld schwieg einen Moment. »Fahr ein Stück nach rechts«, sagte er. »Und etwas tiefer. « Mike gehorchte, aber vorsichtig. Die NAUTILUS zitterte und stampfte jetzt ununterbrochen, und er hatte die Leistung der Motoren fast bis zum Maximum erhöht, um überhaupt ihre Position zu halten. Was er vorhin über diesen Sog gedacht hatte, stimmte nicht. Er war hundertmal stärker, als sie alle angenommen hatten, selbst Winterfeld und seine Techniker. Mike war gar nicht mehr so sicher, daß das Schiff diesen tobenden Naturgewalten noch lange widerstehen würde. Trotzdem sank die NAUTILUS allmählich tiefer. Mike bemühte sich, einen respektvollen Abstand zu der Kette von Licht und heißen Dampf speienden Bergen zur Linken zu halten, aber das Schaukeln des Schiffes nahm noch mehr zu. Als sie schließlich den Meeresgrund erreichten, liefen die Maschinen mit aller Kraft. Mikes Augen hatten sich mittlerweile an die düsterrote Helligkeit draußen gewöhnt, so daß er ihre Umgebung erkennen konnte. Was er sah, versetzte ihn in Erstaunen, aber es ließ ihn auch erschauern. Es war nicht das erste Mal, daß er den Meeresboden mit eigenen Augen sah, nicht einmal in einer solchen Tiefe – aber er hatte noch nie etwas wie das erblickt.
Unter ihnen war nichts als nackter, schimmernder Fels. Es gab keinen Krümel Sand, keinen Schlick, kein Leben, nur Steine und Felsen, die allesamt sonderbar rund und wie glattpoliert aussahen – und genau das waren sie auch. Der ungeheure Sog, der hier unten herrschte, hatte alle scharfen Kanten abgeschliffen und jede größere Erhebung eingeebnet. Der Anblick war ungemein deprimierend. Die Meere waren die Wiege des Lebens, aber hier gab es nichts, nichts außer Wasser und rötlichem Licht und tobender Bewegung. Unter der NAUTILUS breitete sich eine öde Mondlandschaft aus, auf der es niemals Leben gegeben hatte und niemals geben würde.
»Dort vorne!« sagte Winterfeld. »Siehst du es?« Mike nickte. Diesmal hatte er es im selben Moment entdeckt wie Winterfeld: Nicht mehr sehr weit vor ihnen hörte der Meeresboden einfach auf. Der schimmernde Fels brach ab, und wo der Meeresgrund sein sollte, gähnte nur ein gewaltiger, schwarzer Abgrund. »Vorsichtig jetzt«, sagte Winterfeld. Die Warnung wäre nicht nötig gewesen. Mike drosselte die Geschwindigkeit der NAUTILUS immer mehr, bis sie sich fast nur noch im Schrittempo bewegten. Und schließlich mußte er den Schub der Motoren sogar umkehren, um das Schiff auch nur auf der Stelle zu halten. Der Sog war jetzt so gewaltig, daß er selbst das hundert Meter lange Unterseeboot einfach mit sich gerissen hätte, hätten die Maschinen sich nicht dagegengestemmt.
Unmittelbar über der Kante hielten sie an. Und für lange, endlose Sekunden wurde es sehr still im Salon der NAUTILUS.
Der Anblick war ungeheuerlich.
Unter ihnen gähnte die gigantischste Schlucht, die Mike jemals gesehen hatte. Der Fels stürzte so weit in die Tiefe, daß man nirgendwo einen Boden hätte erkennen können, und der gegenüberliegende Rand des Abgrundes war so weit entfernt, daß sie ihn nicht einmal mehr sehen konnten. Selbst der Grand Canyon war gegen diese Schlucht nicht mehr als ein kümmerlicher Riß.
»Da hast du die Antwort auf deine Frage«, sagte Winterfeld. Seine Stimme klang fast bewundernd. »Das Wasser muß diesen
Schacht gegraben haben«, sagte er. »Mein Gott, es muß
Millionen von Jahren gedauert haben!«
Es fiel Mike nicht leicht, Winterfelds Gedanken zu folgen – aber vielleicht lag das eher daran, daß ihn der Anblick, der sich ihnen bot, einfach erschlug. Was sie sahen, war ein Fluß im Meer, eine gewaltige Rinne, die das Wasser, das von der Meeresoberfläche herabstürzte, im Laufe von Jahrmillionen in den Meeresboden gegraben hatte und durch die es mit unvorstellbarer Gewalt davonschoß. Mike wagte sich nicht vorzustellen, was geschähe, wenn die NAUTILUS indieseStrömung geraten wäre. Vermutlich würde sie im Bruchteil einer Sekunde einfach in Stücke gerissen. »Ich glaube, das war's dann, Winterfeld«, sagte er. Winterfeld sah ihn fragend an. »Was meinst du damit?«
»Das fragen Sie noch?« Mike deutete nach draußen. »Sie glauben doch nicht im Ernst, daß Sie Ihren Plan jetzt noch durchführen können? Aller Sprengstoff der Welt reicht nicht aus, um dasdazu zerstören!«
Zu seiner Überraschung lächelte Winterfeld. »Du bist wirklich hartnäckig«, sagte er. »Das gefällt mir.