»Tausend Zimmer in einem Flügel«, murmelte die Prinzessin. »Wie kriegt ihr die bloß alle warm?«
»Die meisten heizen wir gar nicht«, gab Rupert zu. »Hoffentlich hast du einen Satz Thermo-Unterwäsche dabei.«
»Wie viele Räume habt ihr insgesamt?«
»Das wissen wir nicht so genau.« Allmählich bereute Rupert, dass er das Thema angeschnitten hatte. »Manche Zimmer sind nur an bestimmten Tagen da. Und kein Mensch kann den Südflügel wieder aufspüren, seit er uns vor zweiunddrei
ßig Jahren verloren ging. Im letzten Herbst hatten wir, glaube ich, fünftausendzweihundertvierzehn Räume. Aber keine Sorge! Wenn du die Hauptkorridore nicht verlässt, bist du einigermaßen sicher.«
Ein heiserer Ruf vom Torhaus her ersparte ihm Julias Antwort. »Ho! Ihr dort am Burggraben! Verschwindet oder ich erlaube den Jungs, euch als Zielscheiben zu benutzen!«
Rupert starrte wütend zu den im Schatten liegenden Schießscharten über dem Fallgatter. Sobald er in der Burg war, würde er sich den Wachoffizier mal richtig vorknöpfen.
Er malte sich die Panik im Bergfried aus, wenn sie erst seine Stimme erkannten.
»Lass die Zugbrücke herunter, Kerl!«, befahl er schroff und nahm eine königliche Pose ein.
»Mach die Flatter!«, entgegnete der Posten. Das Einhorn unterdrückte ein Prusten. Ruperts Hand fuhr zum Schwert.
»Du weißt wohl nicht, wen du vor dir hast!«, schrie er.
»Nein«, erklärte die Stimme. »Und ich will es auch nicht wissen!«
»Ich bin Prinz Rupert!«
»Erzähl keinen Blödsinn!«
»Seid ihr sicher, dass ihr die richtige Burg angesteuert habt?«, erkundigte sich Julia honigsüß.
»Leider ja«, sagte das Einhorn. »Nun weißt du, warum wir immer so gern auf Heldentour gehen.«
»Ich bin der Prinz, hast du verstanden?«, brüllte Rupert, dem die Diskussion im Hinblick auf Julia äußerst peinlich war.
»Willst du uns verarschen?«, fragte die Stimme gelangweilt. »Jeder weiß, dass der junge Rupert auszog, um einen Drachen zu töten, und dass er seitdem verschollen ist. Der kommt wohl nicht mehr lebend wieder. Nun haut endlich ab, ihr Penner, oder wir spannen unsere Bogen, und die Hunde kriegen ihr Abendessen früher als gewohnt!«
»Penner!«, kreischte Rupert in höchstem Zorn. »Na, der kann was erleben! Die können alle was erleben!«
»Immer langsam«, besänftigte ihn Julia und umklammerte entschlossen Ruperts Arm, ehe er das Schwert ziehen konnte.
»Irgendwo hat er ja Recht. Wir sind nicht gerade in Samt und Seide gehüllt.«
Rupert warf einen Blick auf ihre verdreckten, abgerissenen Reisegewänder. Bitterer Zorn stieg in ihm auf.
»Posten! Ich befehle dir zum letzten Mal…«
»Bist du immer noch da, Mann?«
Rupert stand kurz vor der Explosion, als hinter ihm eine besonnene, aber sehr laute Stimme ertönte: »Aus dem Weg, Prinz Rupert! Den kaufe ich mir.«
Es entstand eine kurze Pause. Dann brach ein zehn Meter langer, zorniger Drache aus dem Gehölz, in seinem Sog Blätter und abgebrochene Zweige, die auf Rupert, Julia und das Einhorn niederprasselten. Seine mächtigen Schwingen trugen den Drachen rasch zu der hochgeklappten Zugbrücke und hielten ihn im Gleichgewicht, während die messerscharfen Klauen auf die dicken Holzbohlen einhieben und sie wie Papier zerfetzten. Der Posten im Torhaus erlitt einen kurzen, aber deutlich hörbaren Hysterieanfall und ergriff dann schreiend die Flucht. Der Drache schlug mit den Flügeln und warf sein ganzes Gewicht gegen die Winde, mit deren Hilfe die Brücke hochgezogen wurde. Licht schimmerte auf seinen Smaragdschuppen, als er die Muskeln anspannte. Plötzlich rasselten die Ketten. Rupert, Julia und das Einhorn traten zurück, die Zugbrücke senkte sich über den Burggraben und knallte hart am anderen Ende auf. Rupert und Julia applaudierten begeistert, und der Drache gesellte sich im Gleitflug zu ihnen.
»Guter Einfall!«, motzte das Einhorn. »Jetzt werden sie uns vermutlich ihr ganzes verdammtes Heer entgegenschicken.«
Rupert führte die Gruppe über die Zugbrücke, die unter dem Gewicht des Drachen ächzte. Etwas wühlte das Wasser des Burggrabens auf. Julia warf einen skeptischen Blick auf die Blasen, die aus der dunklen Brühe aufstiegen.
»Haltet ihr etwa Krokodile im Burggraben, Rupert?«
»Jetzt nicht mehr«, meinte Rupert geistesabwesend, den Blick fest auf das große Portal am anderen Ende des Bergfrieds gerichtet. »Wir hatten mal welche, aber dann kam irgendso ein Ding, das Ordnung im Graben schuf und sie alle fraß.«
»Was für ein Ding?«
»Das weiß keiner so genau«, sagte Rupert. »Aber das spielt auch keine Rolle. Wenn es Krokodile fressen kann, dann ist es sicher in der Lage, einen Burggraben zu bewachen…«
Die Flügel des massiven Eichenportals schwangen langsam vor ihnen auf, und Rupert führte seine Gefährten vom Bergfried in den Hof der Burg. Im Schatten des inneren Tores blieb er stirnrunzelnd stehen. Selbst zu dieser späten Tageszeit hätten Händler ihre Waren feilbieten müssen, umringt von feilschendem Marktvolk. Gaukler und Zigeunerinnen hätten da sein müssen, Messerschleifer und Kesselflicker, Bettler und Mönche. Wachtposten hätten an den Toren und Bogenschützen auf den Wehrgängen stehen müssen. Statt dessen breitete sich der große Platz still und leer vor ihm aus.
Weder Kohlebecken noch Fackeln erhellten das trübe Grau, und die Schatten wirkten beängstigend dunkel. Als Rupert langsam auf den Hof hinaustrat, hallten seine Schritte unnatürlich laut.
»Wo zum Henker sind denn die Burgbewohner geblieben?« Die hoch aufragenden Mauern warfen Ruperts Worte hohl zurück. Niemand gab Antwort.
»Ich habe schon lustigere Friedhöfe gesehen«, murmelte Julia.
»Wenn ich etwas entdecke, das auch nur entfernte Ähnlichkeit mit einem Pestkreuz hat, kehre ich auf der Stelle um.« Das Einhorn rollte nervös die Augen. »Hier ist was faul.
Das rieche ich geradezu.«
»Nun krieg dich wieder!«, fauchte Rupert. »Wenn sie auf der Burg die Pest hätten, wäre das Tor verschlossen geblieben, Drache hin oder her.«
»Ich gehe davon aus, dass es hier sonst nicht so… still ist«, meinte der Drache.
»Nein, sonst nicht«, gab Rupert ein wenig gepresst zu. Er blieb am Fuß der langen Treppe stehen, die zur Haupteingangshalle hinaufführte, und starrte finster das abweisende Portal an. »Das Reich befindet sich offenbar in einem Ausnahmezustand. Die Lage scheint so bedrohlich zu sein, dass man die Verteidiger der Burg abgezogen und die Residenz hermetisch gegen die Außenwelt abgeriegelt hat.« Er starrte zu den unbemannten Zinnen und Wehrgängen hinauf und fröstelte plötzlich. »Aber was kann…«
»Der Dunkelwald«, sagte eine ruhige Stimme.
Rupert zog das Schwert und fuhr herum, als plötzlich der Schein von Fackeln den Hof erhellte. Am oberen Ende der Treppe stand eine hoch gewachsene, breitschultrige Gestalt in blitzendem Kettenpanzer, die sich gegen das halb geöffnete Hauptportal abhob. Das Licht reflektierte rötlich von der Schneide der mächtigen Doppelaxt, die der imposante Krieger in Händen hielt. Julia zog ihr Schwert und trat neben Rupert, als ein Dutzend bewaffneter Wachleute aus der Halle stürmte und hinter dem Mann Aufstellung nahm.
»Freunde von dir?«, fragte Julia beiläufig.
»Nicht unbedingt.«
Eine Zeit lang starrten sich die beiden Gruppen wortlos an.
Dann senkte der hoch gewachsene Recke lächelnd die Doppelaxt.
»Willkommen auf der Burg, Prinz Rupert.«
»Danke, Sir Champion. Ein schönes Gefühl, wieder daheim zu sein.« Rupert verneigte sich leicht, ohne jedoch das Schwert in die Scheide zu schieben. »Überrascht von meiner Rückkehr?«
»Ein wenig.« Der Champion starrte nachdenklich über Ruperts Schulter hinweg. »Wie ich sehe, haben Sie einen Drachen mitgebracht.«
»Ganz recht«, entgegnete der Prinz ruhig. »Würden Sie jetzt bitte Ihre Garde wegschicken? Oder soll ich ihm sagen, dass es Abendessen gibt?«