Skar hob grüßend die Hand und kam auf ihn zu. »Was tut ihr?« fragte er scherzhaft. »Läßt du einen Notausgang graben?« Titch blieb ernst. Skar wußte nicht, ob Quorrl überhaupt so etwas wie Sinn für Humor hatten. Aber der Scherz war auch nicht besonders originell gewesen. »Nein«, antwortete der Quorrl. »Ich überzeuge mich davon, daß sich nicht irgend etwas einen Noteingang gegraben hat.«
Skar sah den Quorrl stirnrunzelnd an, trat an ihm vorbei und begutachtete die Bresche, die seine Krieger in die Wand getrieben hatten. Er sah Erdreich, abgestorbenes Wurzelwerk und Steine, dazwischen kleine glitzernde Brocken von schwarzer Farbe, die wie Kohle aussahen. Von dem schwarzen Netz, nach dem Titch suchte, war nicht einmal eine Spur zu entdecken. Nicht, daß das etwas bedeutete - er hatte ja mit eigenen Augen gesehen, wie das Gewebe zerfallen war.
»Du fürchtest wirklich, es könnte durch die Wände kriechen?« fragte er zweifelnd.
Titch deutete ein Kopfschütteln an. »Nein. Ich will nur sichergehen, daß es das nicht kann«, antwortete er. »Du nicht?« Skar verzichtete auf eine Antwort. Er war noch immer gereizt, und insgeheim ärgerte er sich, daß Titch ihn nicht über seine Befürchtung informiert hatte. Vielleicht auch ein bißchen darüber, daß er nicht selbst auf diesen Gedanken gekommen war. Aber er beherrschte sich.
»Was ist mit dem... mit dem Ding, das Bradburn getötet hat?« fragte er zögernd. »Ihr habt es verbrannt?«
»Natürlich.« Titch klang fast beleidigt. »Der Hohe Satai hat uns ja angewiesen, es zu tun. Und wir Quorrl sind vielleicht dumm, aber nicht taub. Meine Männer haben die Asche mit Kalk vermischt und dann in den Fluß gestreut.«
Skar nickte anerkennend. Prüfend sah er sich in der Kammer um. Die Wände waren geschwärzt, und der Stein hier und da gerissen und überall brüchig geworden. Titchs Quorrl mußten ein wahres Höllenfeuer hier drinnen entfacht haben. Von der ehemaligen Einrichtung war nicht einmal Asche übrig geblieben. »Wir haben alles herausgeschafft und verbrannt«, berichtete Titch, der seinen prüfenden Blick bemerkte. »Auch wenn mir nicht wohl dabei war.« Skar sah ihn fragend an, und Titch fuhr fort: »Bradburns Bücher waren sehr wertvoll.«
»Nicht nur seine Bücher«, ergänzte eine Stimme von der Tür her.
Skar zog eine Grimasse und drehte sich herum. Del klang irgendwie wütend, und es war nicht nur die schon fast normale Aggressivität, die er in seiner Stimme hörte.
»Was tut ihr da?« fragte Del mit einer Kopfbewegung auf das Loch in der Wand. »Wer, zum Teufel, hat euch gesagt, daß ihr die halbe Burg abreißen sollt.«
»Niemand hat gesagt, daß wir es nicht tun sollen«, antwortete Titch lächelnd. In Dels Augen blitzte es zornig auf, aber auch er verbiß sich die scharfe Antwort, die ihm sichtlich auf der Zunge lag. Es ist dieser Ort, wisperte Kiinas Stimme hinter Skars Stirn. Er ist böse, Skar, ich spüre es. Böse, böse, böse, böse...
»Titch hat völlig richtig gehandelt«, erklärte er rasch, bevor Del vollends auffahren konnte. »Oder wolltest du seine Bücher aufheben und Gefahr laufen, damit etwas von diesem Zeug zu konservieren?«
Del konnte nicht viel gegen dieses Argument vorbringen, ohne sich lächerlich zu machen, aber der Blick, den er Skar zuwarf, machte sehr deutlich, daß er eher noch zorniger wurde. Noch zwei Tage, dachte Skar, und wir werden anfangen, uns gegenseitig umzubringen, einfach so.
»Ihr habt alles verbrannt?« fragte Del, mühsam beherrscht. »Und die Flasche?«
»Sie war nicht dabei«, antwortete Titch. »Ich habe danach suchen lassen.«
»Dann habt ihr nicht gründlich genug gesucht!« brüllte Del plötzlich. »Verdammt, was fällt dir ein, du hirnloser fischgesichtiger -«
»Ich habe mich selbst davon überzeugt, Satai«, unterbrach ihn Titch. Seine Stimme war nicht einmal lauter, aber sie klang plötzlich eisig, und so hart wie Stahl. »Ich bin nicht dumm, Satai. Ihr Inhalt hat das Wesen vernichtet, das Bradburn tötete. Ich weiß, wie wertvoll er für euch gewesen wäre. Aber sie war nicht da.«
Für zehn, dann zwanzig endlose Sekunden breitete sich Schweigen zwischen Del und dem Quorrl aus, aber es war kein normales Schweigen, sondern die Ruhe eines Vulkans, der dicht vor dem Ausbruch stand. Del starrte den riesigen Quorrl an, und Skar sah, wie seine Hände zum Gürtel krochen, und zum Schwert, in einer Bewegung, die er wahrscheinlich nicht einmal bewußt registrierte. Etwas geschah, dachte Skar erschrocken. Irgend etwas breitete sich plötzlich im Raum aus, etwas, das mit dem Schweigen hereingekommen war, etwas wie ein unhörbares, lautloses Flüstern, ein böses Gift, das ihre Gedanken verpestete. Für einen ganz kurzen Moment spürte er es auch - für einen Moment, in dem er plötzlich keinen anderen Wunsch hatte als den, sein Schwert zu ziehen und zu töten, ganz egal, wen. »Hört auf!« rief er gepreßt. Das Sprechen fiel ihm schwer. Seine Hände begannen zu zittern.
»Hört auf!« wiederholte er noch einmal. »Beide! Spürt ihr denn nicht, daß... daß es genau das ist, was sie wollen?«
Titch reagierte nicht, aber Del drehte langsam den Kopf und sah nun ihn voller stummer Wut an. »Blödsinn!« schnappte er. »Was ist los mit dir, alter Mann? Hat dieses dumme Gör aus Elay zu lange mit dir geredet?«
Skar blickte zu der Bresche in der Wand hinüber, ehe er weitersprach. Es kam von dort. Was immer es war, es kroch aus dem Boden, die Wände atmeten es aus, und die Luft trug es in seine Lungen und sein Herz. Töte! wisperte der Daij-Djan in seinen Gedanken. Nimm dein Schwert und stopf diesem großspurigen Angeber ein für alle Mal das Maul!
Und fast hätte er es auch getan. Er gewann den Kampf gegen das böse Flüstern, diesmal noch, aber er wußte nicht, wie oft es ihm noch gelingen würde. Den Männern und Quorrl gestern abend war es nicht gelungen.
»Kiina hatte recht«, preßte er mühsam hervor. »Wir müssen hier raus, Del. Es ist diese Burg. Spürst du es denn nicht?« Del machte eine wütende, wegwerfende Handbewegung, fast ein Schlag in die leere Luft. »Was für ein Unsinn!« sagte er. Dann lächelte er, aber es erinnerte Skar mehr als alles andere an das Grinsen einer Schlange, die ihr Opfer musterte. »Aber ich werde deinem Wunsch sogar nachkommen«, fuhr er fort. »Ich kam eigentlich, um dir Bescheid zu geben, daß das Heer noch heute eintrifft. Gerade eben hat ein Bote, den sie vorausgeschickt haben, die Nachricht überbracht.«
»Die Krieger aus Denwar?« fragte Titch.
Del starrte ihn an, als fühlte er sich allein durch die Tatsache beleidigt, daß es der Quorrl gewagt hatte, ihn anzusprechen. Aber dann nickte er. »Ja«, antwortete er. »Elftausend Veden und an die achttausend Satai. In drei Tagen, sobald sich die Männer ein wenig erholt haben, brechen wir auf.«
Der Gedanke an die ungeheuerliche Heeresmacht, die in wenigen Stunden in dieser Festung versammelt sein würde, machte Skar Angst. Zwanzigtausend Männer - und jeder einzelne ein potentieller Killer. Großer Gott, was würde geschehen, wenn diese Männer auf Titchs Quorrl trafen, unter dem Einfluß dieses Ortes?!
Titchs Gedanken schienen in ähnlichen Bahnen zu verlaufen, denn er sagte: »Wenn es so ist, werde ich meinen Kriegern Befehl geben, die Burg zu räumen. Sie ist kaum groß genug für uns alle.«
»Zuallererst einmal«, antwortete Del herablassend, »wirst du mit Skar zu den Felsen hinunterreiten und dir die tote Errish ansehen. Jetzt, wo die Phiole verschwunden ist, ist es um so wichtiger.«