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Das einzige Problem bestand darin, einen geeigneten Landeplatz am hohen Ufer gegenüber zu finden. Die Strömung riß sie fast eine halbe Meile mit, aber als sie endlich drüben angelangt waren, sahen sie sich vor einer schmalen Öffnung, wo sie leicht anlegen konnten. Sie stiegen aus dem kalten Wasser, fröstelnd in der Abendluft, zerrten das Floß heraus, trockneten sich ab und zogen sich wieder an. Die Sonne war schon hinter den hohen Bäumen verschwunden.

Ein rotes Leuchten erfüllte den Himmel.

Die Brüder einigten sich darauf, einige Stunden zu schlafen, um wieder zu Kräften zu kommen und die Reise nachts fortsetzen zu können. Sie rollten sich unter einer großen Ulme in ihre Decken und schliefen schnell ein. Erst gegen Mitternacht weckte Shea Flick mit leichtem Rütteln. Sie packten schnell ihre Sachen und machten sich daran, den Weg fortzusetzen. Einmal glaubte Shea am anderen Ufer etwas umherschleichen zu hören und warnte Flick erschrocken. Sie lauschten lange Minuten schweigend, konnten aber in der Schwärze der riesigen Bäume nichts erkennen und kamen zu dem Schluß, daß Shea sich getäuscht haben mußte.

Sie marschierten die ganze Nacht, bemüht, sich östlich zu halten, auch wenn sie nicht viel sehen konnten. Der Blick auf die Sterne war von einem wirren Geflecht dicker Äste und starker Belaubung verdeckt. Als sie endlich anhielten, hatten sie den Duln-Wald noch immer nicht hinter sich und wussten nicht, wie weit sie noch laufen mußten, bis sie die Grenzen von Leah erreichten. Shea war erleichtert darüber, wenigstens die Sonne unmittelbar vor ihnen aufgehen zu sehen; sie waren also nicht von der Richtung abgekommen. Zwischen hohen Ulmen fanden sie eine kleine Lichtung, auf drei Seiten von dichtem Gebüsch begrenzt. Sie warfen ihre Traglasten ab und fielen nach wenigen Sekunden in einen tiefen Schlaf, von ihren Anstrengungen völlig erschöpft. Es war später Nachmittag, als sie wieder erwachten und ihre Vorbereitungen für den Nachtmarsch trafen. Sie wagten kein Feuer anzuzünden und begnügten sich damit, getrocknetes Rindfleisch und rohes Gemüse zu kauen, ein wenig Obst zu essen und Wasser zu trinken. Flick kam wieder auf ihr Ziel zu sprechen.

»Shea«, sagte er vorsichtig, »ich will nicht störrisch sein, aber bist du sicher, daß das die beste Lösung ist? Ich meine, selbst wenn Menion uns helfen will, könnten wir uns sehr leicht in den Sümpfen und Bergen verirren, die hinter den Schwarzen Eichen liegen.«

Shea nickte langsam und zuckte schließlich die Achseln.

»Entweder so, oder weiter nach Norden gehen, wo es weniger Deckung gibt und selbst Menion das Gelände nicht mehr kennt. Glaubst du, das wäre besser?«

»Wahrscheinlich nicht«, gab Flick zu. »Aber ich denke immer an das, was uns Allanon gesagt hat — daß wir keinen einweihen sollen, keinem trauen dürfen. Das hat er immer wieder betont.«

»Fang damit nicht wieder an.« brauste Shea auf. »Allanon ist nicht hier, und die Entscheidung liegt bei mir. Ich sehe nicht, wie wir die Anar-Wälder erreichen können, wenn Menion uns nicht beisteht. Außerdem ist er immer ein guter Freund gewesen; dazu kommt, daß er einer der besten Schwertkämpfer ist, die ich kenne. Wir brauchen seine Erfahrung, falls es zu einem Entscheidungskampf kommen sollte.«

»Dazu kommt es bestimmt, wenn er dabei ist«, sagte Flick spitz. »Außerdem — was für eine Chance haben wir gegen ein Wesen wie dieses? Es würde uns zerreißen!«

»Sei nicht so pessimistisch«, meinte Shea. »Noch sind wir am Leben. Vergiß nicht — die Elfensteine schützen uns.«

Flick war von diesem Argument nicht überzeugt, hielt es aber für angebracht, die Sache vorerst auf sich beruhen zu lassen.

Er mußte zugeben, daß Menion Leah im Kampf ein wertvoller Bundesgenosse war, aber Shea schien den Prinzen trotzdem nicht objektiv genug zu sehen. Leah war eine der wenigen noch bestehenden Monarchien im Südland, und Shea trat entschieden für eine dezentralisierte Regierungsform ein, sprach sich gegen absolute Macht aus. Trotzdem hatte er Freundschaft mit dem Thronerben Leahs geschlossen, was Flick für inkonsequent hielt.

Sie beendeten schweigend die Mahlzeit, während sich die ersten Abendschatten zu erheben begannen. Die Sonne war längst verschwunden, und ihre sanften goldenen Strahlen waren dunkelrot geworden. Die Brüder packten hastig ihre Habseligkeiten ein und begannen im verblassenden Tageslicht den Marsch nach Osten. Der Wald war ungewöhnlich still, selbst für den frühen Abend, und die Brüder schritten in vorsichtigem Schweigen durch den dunklen Wald, während der Mond als ferner Lampion auftauchte und nur in Abständen zwischen den Baumwipfeln erschien. Ab und zu blieben sie in der Dunkelheit stehen und lauschten in die tiefe Stille hinein; dann, als sie nichts hörten, setzten sie ihren Weg wieder rasch fort und suchten nach einer Öffnung im Wald, die auf das Hochland hinausführte. Flick verabscheute die lastende Stille und pfiff einmal leise vor sich hin, aber eine warnende Handbewegung Sheas brachte ihn wieder zum Schweigen.

In den frühen Morgenstunden erreichten die Brüder endlich den Rand des Duln-Waldes und traten hinaus in das buschbewachsene Grasland, das sich meilenweit bis zum Hochland Leahs erstreckte. Die Sonne würde noch auf sich warten lassen, also marschierten sie weiter nach Osten. Die beiden verspürten große Erleichterung darüber, den Duln-Wald hinter sich zu haben. In der Deckung des Waldes mochten sie verborgener gewesen sein, aber im freien Grasland war andererseits auch von ihnen jede Gefahr eher zu erkennen.

Sie sprachen sogar leise miteinander. Vor dem Sonnenaufgang erreichten sie ein kleines, gebüschüberwuchertes Tal, wo sie aßen und sich ausruhten. Sie konnten im Osten schon das Hochland von Leah sehen, noch eine Tagesreise entfernt. Shea schätzte, daß sie ihr Ziel erreichen konnten, bevor die Sonne das zweitemal aufging, wenn sie zügig weiterwanderten. Danach würde alles von Menion Leah abhängen.

Mit diesem Gedanken schlief er ein, Flick tat das gleiche.

Nach Minuten waren sie aber beide wieder wach. Es lag ; nicht an einem Geräusch, das sie aufgeschreckt hätte, sondern an der Totenstille, die sich drohend über das Grasland legte.

Augenblicklich spürten sie die Gegenwart eines anderen Wesens.

Das Gefühl erfaßte sie gleichzeitig, und sie fuhren hoch, ohne ein Wort zu sagen, die gezogenen Dolche in den Händen.

Nichts regte sich. Shea winkte seinem Bruder und kroch den buschbewachsenen Hang hinauf, um einen Überblick zu gewinnen. Sie lagen bewegungslos im Gesträuch und starrten in die Düsternis des frühen Morgens. Daß irgendwo etwas lauerte, stand für sie außer Frage. Sie kannten das Gefühl — vom Fenster ihrer Schlafstube her. Nun warteten sie, wagten kaum zu atmen und fragten sich, ob das Wesen sie endlich entdeckt haben mochte.

Dann erhob sich mit einem plötzlichen Fauchen von Wind und Laub die schwarze Erscheinung des Totenschädelträgers aus den Büschen weitab links von ihnen. Die undeutliche Masse schien aufzusteigen und schwer über der Erde zu hängen, als vermöge sie sich nicht zu bewegen. Die Brüder preßten sich an den Boden und warteten darauf, daß das Wesen sich bewegen möge. Wie es sie so weit hatte verfolgen können, war ihnen ein Rätsel. Vielleicht war es auch nur blinder Zufall, der sie hier alle wieder zusammengeführt hatte, aber es blieb dabei, daß die Talbewohner Gejagte waren und um ihr Leben fürchten mußten. Das Wesen hing noch eine Zeit regungslos am Himmel, dann griffen die großen Schwingen langsam aus, und es näherte sich ihrem Versteck. Flick ächzte halblaut und versuchte sich in den Boden zu graben, das Gesicht aschfahl, die Hand um Sheas schlanken Arm geklammert.

Aber bevor das Wesen sie erreichte, sank es in eine kleine Baumgruppe hinab, noch mehrere hundert Meter entfernt, und blieb für einige Zeit unsichtbar. Die Brüder starrten verzweifelt in die Düsternis.