Zwei Tage nach dem neuen Befehl wurde der Plenni Walter Grosse zu Worotilow geführt. Markow schob ihn vor sich ins Zimmer und verließ dann sofort wieder den Raum. Erstaunt sah Worotilow von seiner Arbeit auf.
»Was wollen Sie?« fragte er kurz.
Walter Grosse knickte ein wenig ein. Er schob sich näher an den Tisch heran. Sein Gesicht war fahl, gealtert, zerrissen. Durch den ausgemergelten Körper lief ein ständiges Zittern.
»Sie kennen mich, Herr Major?«
Worotilow nickte. »Sie sind doch unser Spitzel, nicht wahr? Den man in der Scheiße ersticken wollte?«
»Ja.« Walter Grosse, der ehemalige Politische Leiter aus Stuttgart, sah auf den Boden. Er rang die Hände, während er sprach. Ein Wrack, dachte Worotilow. Ein Mensch ohne Halt. Etwas wie Mitleid glomm in ihm auf.
»Was wollen Sie, Grosse?«
»Ich wollte fragen, ob ich auch entlassen werde.«
»Das kann ich Ihnen nicht sagen! Ihre Kameraden wissen es auch nicht. Sie alle hoffen darauf. hoffen Sie mit.«
Walter Grosse schüttelte sich. Es war wie ein Fieber, das ihn erbeben ließ. Seine Haut wurde gelb.
»Man hat mir gesagt, daß ich einer der ersten bin, die man entläßt«, stammelte er. »Man hat gesagt: >Du kannst sofort in die Heimat, wenn du ein Spitzel wirst. Sobald die ersten Transporte gehen, bist du dabei! Und wenn du kein Spitzel wirst, Walter Grosse, dann erinnern wir uns, daß du ein Politischer Leiter warst und stellen dich an die Wand! Und deine Familie auch! Dafür sorgen wir.< Das hat man mir gesagt, Herr Major. Und ich habe eine Frau und vier Kinder! Da wurde ich ein Spitzel, bis sie mich erwischten und in die
Latrine stießen. Dr. Böhler hat mich gerettet ... und jetzt sollen wir entlassen werden, und ich bin nicht dabei! Das ist doch ungerecht! Das ist doch gemein! Man hat mein ganzes Leben zerstört . man hat mir alles versprochen, Herr Major! Man hat gesagt: >Du kannst in die Heimat, wenn du ein Spitzel wirst.< Und ich habe.«
»Das haben Sie schon einmal gesagt.«
»Mir hat man es hundertmal gesagt!« schrie Walter Grosse. »Und man hat mich dabei geschlagen . damals, im Lager Poltowitschi ... man hat auf meinen Kopf geschlagen mit den langen, ledernen Reitgerten der Offiziere. Kavallerie lag im Lager, und ich sollte an die Steigbügel eines Pferdes gebunden und zehnmal durch die Reitbahn geschleift werden, wenn ich nicht ja sagte! Und ich sagte ja. Ich habe eine Frau und vier Kinder! Und ich wollte schnell zurück in die Heimat... man hat es mir ja versprochen ... und jetzt soll ich nicht dabeisein?«
»Ich kann es Ihnen nicht sagen.« Worotilow stand auf, steif und verschlossen. »Die Listen werden in Moskau endgültig zusammengestellt.«
»Dann melden Sie mich doch in Moskau!« schrie Grosse. Er hielt sich an der Wand fest und schwankte. »Ich habe mein Wort gehalten . ich habe meine Kameraden verraten, ich habe sie bespitzelt, ans Messer geliefert ... ich bin ein Schwein geworden, ein Lump, ein verfluchter Hund, weil ich an die Versprechen glaubte und wieder nach Hause wollte, zu meiner Frau und den vier Kindern! Ich habe alles erfüllt, was man von mir wollte ... ich hätte euch die Ärsche abgeleckt, nur, um in die Heimat zu kommen! Und nun haltet ihr euer Versprechen nicht, wo ich meines gehalten habe! Ihr Bande! Ihr Sauhunde!«
Er taumelte auf den Tisch zu. Worotilow sah ihm entgegen, starr, maskenhaft. Schwer stützte sich Grosse auf die Platte. »Ich will nach Hause«, brüllte er. »Ich will endlich meinen Lohn!«
»Den haben Sie gehabt.« Worotilow setzte sich langsam. »Sie haben Scheiße gefressen - was wollen Sie mehr?«
»Herr Major.« Der Plenni röchelte. Er sank in die Knie, sein Kopf schlug auf die Tischplatte auf. »Ich habe es nur getan, weil ich Angst hatte! Ich wollte leben! Leben! Ich war so feig, so feig! Ich habe meine Kameraden verraten. Ich habe mich verkauft, um nach Hause zu kommen! Und jetzt lassen Sie mich hier? Jetzt kommen sie alle nach Hause, und ich muß bleiben? Ich überlebe das nicht! Ich mache Schluß! Ich mache es wie der Kerner! Ich bringe mich um!«
Worotilow sah nachdenklich auf die zusammengesunkene Gestalt. Ohne Zweifel - Walter Grosse war am Ende seiner Kräfte. Er würde lieber den Tod wählen, als noch ein oder zwei Jahre im Lager bleiben, aus dem gruppenweise seine Kameraden entlassen werden. Daß er nicht auf der Liste stand, wußte Worotilow. Er hatte selbst den Namen überschlagen. Ein neuer Selbstmord aber würde in Moskau übel vermerkt werden, nachdem der Tod des Gefreiten Julius Kerner bereits die Aufmerksamkeit des Generalkommandos auf das Lager gezogen hatte.
»Ich werde bei den ersten Transporten mit Moskau sprechen«, sagte er ausweichend. »Gehen Sie jetzt, Grosse! Ich werde mich für Sie einsetzen. Daß Sie ein erbärmlicher Hund sind, wissen Sie! Vielleicht gibt man Ihnen in Deutschland eine Chance, sich wieder reinzuwaschen. Für uns ist der Verräter weniger als Mist! Vor allem einer, der seine Pflicht erfüllt hat und zu nichts mehr nütze ist als zum Sterben! Merken Sie sich das, Grosse! Und wenn Sie wirklich nach Deutschland zurückkommen, arbeiten Sie wie ein Tier. Sie haben viel gutzumachen.«
Langsam zog sich Walter Grosse vom Boden hoch, er sah Wor-otilow nicht an, als er das Zimmer verließ. Er taumelte durch den Gang, die Treppe hinunter, vorbei an den wachfreien Rotarmisten, die um einen offenen Ofen saßen und rauchten. Schwankend ging er durch das große Tor ins Lager zurück . er stolperte über den Appellplatz, seine Augen waren starr und leer. Mitten im Schritt hielt er ein ... er sah sich erstaunt um, als habe ihn hinterrücks jemand berührt ... dann fiel er nach vorn in den Schnee und blieb steif liegen.
Ein paar Plennis, die vor den Baracken standen, hoben ihn auf ...
er war steif wie ein Holzklotz, die Augen schienen leblos, der Mund stand offen, als wollte er noch in der Besinnungslosigkeit eine Frage herausschreien.
So trugen sie ihn ins Lazarett und riefen Dr. Böhler. Sellnow kam aus seinem Zimmer, sah den Unbeweglichen an und runzelte die Stirn.
»Er kippte einfach um. Beim Gehen! Draußen auf dem Platz.« Die Plennis legten den Körper auf ein frisches Bett. »Es ist der Kerl, der den Spitzel für den Iwan gemacht hat! Lassen Sie den ruhig krepieren.«
Dr. Böhler und Dr. Schultheiß kamen ins Zimmer. Nach kurzer Untersuchung richtete sich Dr. Böhler auf.
»Gehirnschlag! Völlige Lähmung aller Zentren. Ein Wunder, daß er noch lebt ... er kann noch atmen, aber sonst ist alles gelähmt! Haben wir lösende Mittel da?« Er wandte sich an Dr. Schultheiß. Der junge Arzt schüttelte den Kopf.
»Nichts! Nur die üblichen Medikamente. Kampfer, Strophanthin, Cardiazol. In der Apotheke in Stalingrad ist kaum etwas zu haben! Und wenn, dann nur uns unbekannte amerikanische Mittel, deren klinische Anwendung wir nicht kennen.«
Dr. Böhler sah erschüttert auf den starren Walter Grosse. Er wußte, daß er alles hörte, daß er alles verstand, was um ihn herum gesprochen wurde, daß er alles verfolgte, aber daß es ihm unmöglich war, sich verständlich zu machen. Nur in den Augen, in diesen weit aufgerissenen, großen, hervorquellenden Augen stand das Entsetzen.
»Wir werden ihn schon wieder hinkriegen«, sagte Dr. Böhler tröstend. »Bis die Transporte gehen, hüpft er wieder herum.«
Er ließ Martha Kreutz zu seiner Pflege zurück und trat hinaus auf den Flur. Dort sah er Sellnow fragend an. »Was meinst du, Werner?«
»Rettungslos.«
»Und Sie, Schultheiß?«
»Wir haben keinerlei Mittel für einen solchen Fall! Ich sehe keine Hoffnung.«
Dr. Böhler nickte. Er war sehr ernst. »Es ist das erste Mal in fast zehn Jahren, daß wir einem Kameraden nicht helfen können«, sagte er leise. »Und gerade ihm, der vieles gutzumachen hat.« Er wandte sich ab und sagte im Gehen: »Gott straft schnell und hart. Wir sollten daraus sehen, daß Gott bei uns ist und uns nicht vergessen hat.«