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Ein junger Kamelführer hatte einen Gefangenen gemacht, einen wild aussehenden Burschen mit zotteligem Haar. Er schrie und tobte und wand sich unter dem festen Griff. Unser Kameltreiber hatte schon sein Messer gezogen und hatte wohl nichts anderes im Sinn, als seinem Gefangenen die Kehle durchzuschneiden. Aber ich griff ein und gebot ihm mit einer herrischen Gebärde, den Gefangenen frei zu lassen. Da merkte ich, dass sie auf mich hörten, als sei ich ihr Anführer. Er ließ den Schreienden sofort los. Allerdings wollte er ihn nicht ohne Denkzettel entkommen lassen. Er trieb mit seiner geflochtenen Lederpeitsche den Wüstenräuber ohne dessen Pferd den Dünenhang hinauf. Eine Blutspur zeigte an, dass er ihn mehrmals mit kräftigen Schlägen getroffen hatte. Ich war der Meinung, der Räuber habe diese Strafe durchaus verdient.«

»Das finde ich auch«, stimmte Sean zu.

»Längst hatte ich das Gefühl für die Zeit verloren«, fuhr Henri fort. »Ich weiß nicht mehr, wie lange wir unterwegs waren, bis Bagdad auftauchte, einstmals die Stadt der Kalifen. Aber den letzten Kalifen hatten die Mongolen ermordet, als der Herrscher Hülagü Khan mit seinen Reiterscharen vor fast 60 Jahren Damaskus eroberte und zerstörte. Die Bevölkerung wurde niedergemetzelt, und die Überlebenden sahen oft keinen anderen Ausweg mehr, als zum Nomadenleben zurückzukehren. Aber Bagdad entstand neu aus den Trümmern.

Denn auch die neuen Herrscher von Bagdad, die sich die Dynastie der Ilkhane nannten, nahmen den Glauben der Sarazenen an. Bald blühte der Handel erneut, und das Land entwickelte sich wieder zu einem Umschlagplatz zwischen den Christen und dem Morgenland. Alles war rege, und die Zeichen der Zerstörung waren längst verschwunden.«

Henri bemerkte, dass sich Sean zu langweilen begann. Darum beendete er diese historischen Erklärungen und fing an, von der Stadt zu erzählen. »Schon von weitem sahen wir die goldenen Kuppeln ihrer Bethäuser, der Moscheen, die herrlichen Paläste und die vielen Kirchtürme oder Minarette, deren Spitzen bis in die Wolken ragten. Ich hatte schon früher von der Pracht dieser Stadt gehört. Joshua hatte mir berichtet, dass in den Bibliotheken von Bagdad mehr Bücher zusammengetragen worden seien als in der ganzen übrigen Welt. Begeistert hatte er von den zahlreichen Schulen und Universitäten gesprochen.«

Sean rutschte unruhig auf dem harten Lehmboden hin und her. »Das hört sich an, als ob diese Stadt nur etwas für Gelehrte gewesen wäre.«

»Da irrst du dich«, antwortete Henri. »Allein schon die Häuser sind bewundernswert. Es gibt zwar keine Fenster oder Balkone mit dem Blick nach draußen. Aber jedes Haus hat einen Innenhof, in dem es sprudelnde Brunnen, Blumen und üppige Pflanzen gibt. In so einem prachtvollen Haus fanden wir natürlich kein Unterkommen. Wir lagerten vor den Toren in einem kleinen Dattelpalmenwald, der uns Schatten spendete.

Am nächsten Tag löste sich die Karawane auf. Die Treiber brachten ihre Lasten zum Hafen, um sie dort auf Schiffe zu verladen, die den Tigrisstrom befuhren. Wir umarmten uns und nahmen Abschied, obwohl ich mich nur ungern von dem Alten trennte. Aber ich wollte Bagdad noch näher erforschen. Vielleicht wusste in dieser von Menschen wimmelnden Stadt irgendjemand etwas über die geheime Bruderschaft, der ich angehören sollte. Mein Kamel konnte ich in Bagdad natürlich nicht so gut gebrauchen. Ich tauschte es gegen einen Araberhengst ein.

Ich bin kein guter Erzähler«, unterbrach Henri und wandte sich an Sean. »Da müsstest du einmal die Geschichtenerzähler von Bagdad hören! An jeder Ecke kannst du einem zuhören. Sie rufen die alte Kalifenzeit in Erinnerung. Vor allem, wenn sie über den berühmten Kalifen Harun ar-Raschid erzählen, lauschen die Zuhörer so aufmerksam, dass man auch das leiseste Flüstern hören würde.

Ich habe sehr gelacht, als einer dieser Erzähler gestenreich von einem Streich erzählte, den einer der Kalifen einem allzu eingebildeten Dichter spielte. Er schlug nämlich ein kleines Spiel vor und drohte: ›Wer verliert, kriegt zwanzig mit der Peitsche. Ich fange an.‹ Dann ahmte er das triumphierende Gackern eines Huhns nach, griff unter sich und holte unter seinem Umhang ein Ei hervor.«

»Legte er wirklich ein Ei?«, fragte Sean ungläubig.

Henri lachte. »Natürlich nicht! Die Mitspielenden, außer dem Dichter, hatten sich vorher Eier eingesteckt. Minister, Professoren, Generäle und andere hochgestellte Persönlichkeiten erfüllten ihre Mitspielerpflicht und bestanden die Probe. Jeder ahmte, immer noch besser als der vorige Mitspieler, ein legendes Huhn nach. Keiner geriet durch den vorher ausgemachten Trick in Gefahr, die zwanzig Peitschenschläge zu erhalten. Schließlich kam die Reihe an den Dichter, dem alle eine Abreibung gönnten. Voller Schadenfreude erwartete die Gesellschaft, wie sich der Gefoppte nun verhalten würde.

Der Dichter zögerte nur kurz. Dann spreizte er seine Arme und wanderte mit gestelztem Gang durch den Saal. ›Kein Glucken-Spiel ohne Hahn!‹, rief er laut, ließ einen durchdringenden Hahnenschrei erschallen und stürzte sich auf eine wunderschöne Sklavin des Kalifen. ›Ich bin der Hahn und will meine Glucke haben. Findest du nicht, Beherrscher der Gläubigen, dass mir der Hahnentritt zusteht?‹ Da lachte der Kalif. ›Nimm, was dir zusteht!‹, erlaubte er dem Dichter. Und der Dichter nahm es sich.

Alle Zuhörer des Geschichtenerzählers brachen in Gelächter aus und klatschten Beifall. Niemand weigerte sich, dem Erzähler einige Münzen zukommen zu lassen.

Aber weißt du, Sean, wer da noch stolz auf der Straße saß? Die Schreiber, die denen, die nicht lesen und schreiben können, Briefe verfassten. Also sieh dich vor, mein Knappe, dass du nicht eines Tages auf der Straße sitzen und für einen geringen Lohn deine Dienste anbieten musst. Es lohnt sich, Schreiben und Lesen zu lernen.«

Sean schwieg und tat, als ob er eingeschlafen wäre.

Auch am nächsten Tag zeigte Sean keine Lust, weitere Geschichten aus Bagdad zu hören. Offensichtlich fürchtete er, wegen seines Analphabetentums wieder gerügt zu werden. Aber unerwartet bot sich Henri ein anderer Zuhörer an.

»Ich habe dir gestern zugehört«, sagte Joshua, als sie sich schon wieder auf dem Ritt befanden. »Hast du bei deiner Stadtbesichtigung auch bemerkt, dass es in Bagdad viele berühmte Ärzte gibt, deren Gelehrsamkeit die christlichen Mediziner bei weitem übertrifft?«

»Von den Gelehrten verstehst du bei weitem mehr als ich«, gab Henri zu. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass die medizinische Kunst der Araber die griechische übertrifft.«

»Und doch ist es so«, behauptete Joshua. »Erst recht die französische! Während in Paris noch die Kranken halb verhungert auf vermodertem Stroh lagen, gab es in Bagdad schon Krankenhäuser, die alle mit Badehallen ausgestattet waren.«

»Woher nimmst du denn diese Kenntnisse?«, fragte Henri.

»Ich habe Al-Rasi gelesen, der nicht nur Arzt, sondern auch Mathematiker und Astronom war. Er hat über Blattern, Masern, Blasen- und Nierenleiden geschrieben, sogar über die Heilwirkung der Musik.« Joshua wollte noch weitere Auskünfte über das berühmte Adula-Hôpital geben, in dem Al-Rasi mit Chefspezialisten seine Patienten behandelt hatte.

Aber Henri schnitt ihm das Wort ab. »Ich streite ja gar nicht ab, dass du viel gelehrter und belesener bist als ich. Aber hast du von einem Arzt schon jemals so etwas Lustiges gehört wie ich auf der Straße von einem Geschichtenerzähler?«

»Glaubst du etwa, dass Ärzte nur über Blut und Eiter sprechen können? Ich will dir von einer lustigen Begebenheit erzählen. Die Lieblingssklavin eines Kalifen litt unter Lähmungserscheinungen, die allerdings nur vorgetäuscht waren. Sie wollte dem Kalifen wohl nicht zu Diensten sein. Du verstehst mich. Die Heilung des Hofmedikus wirkte Wunder. Er müsse die Kranke genau untersuchen, behauptete er. Darum machte er Anstalten, das Mädchen in aller Öffentlichkeit zu entschleiern und zu entblößen. Was glaubst du, wie schnell die Sklavin von ihren Lähmungserscheinungen geheilt war? Unter dem Gelächter der Umstehenden lief sie davon.«