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Der Anblick des Schwertes hatte seine Wirkung getan. Die Schritte entfernten sich, diesmal ohne jede Vorsicht. Henri konnte sich die Anwesenheit dieser Leute nur damit erklären, dass die Dorfbevölkerung nach den jüngsten Vorkommnissen Wachen aufgestellt hatte. Was wollten sie sonst hier mitten in der Nacht? Vielleicht ein Bad nehmen? Aber das hätten sie auch tagsüber tun können.

Er brach auf, hielt seine Waffe aber einsatzbereit. Im Dorf klärte sich der rätselhafte Besuch am See. Vor den niedrigen Hütten brannten Feuer. Gemüse aller Art wurde in der glühenden Asche gegart. Mehrere Lämmer steckten an eisernen Spießen. Viele Kinder hüpften fröhlich singend um die Flammen. Die Männer ließen einen Krug kreisen, und die Frauen hatten ihren Umhang nur lose um sich geschlungen.

Die Kinder entdeckten den fremden Reiter zuerst. Sie deuteten mit dem Finger auf ihn und zupften ihre Väter an den weiten Beinkleidern. Die Frauen wandten ihre Gesichter ab. Henri rechnete mit einem Angriff. Aber ein junger Mann winkte ihm freundlich zu: »Iss mit uns, Fremdling! Es ist Ramadan, der Fastenmonat. Ehe die Sonne aufgeht, müssen wir uns alle gesättigt haben.«

Henri zögerte. Es kam selten vor, dass er nicht wusste, wie er sich verhalten sollte. Er wollte nicht, dass man ihn an der Sprache als einen Fremden erkannte. »Schukran dazilan! – Dankeschön!«, sagte er möglichst höflich, und weil ihm die arabische Lobpreisung Gottes inzwischen glatt von den Lippen kam, fügte er noch ein lautes »Allah akbar« hinzu.

Die Dorfleute wandten sich wieder dem Feuer zu. Nach den langen Stunden des Fastens waren ihnen der Braten und das Gemüse wichtiger als ein fremder Reiter. Henri ritt zügig voran. Auf den Weideflächen blühten schon die ersten Gänseblümchen, und die Büsche am Ufer eines wilden kleinen Flusses zeigten einen Hauch des nahenden Frühlings.

Gegen Abend ballten sich am Horizont schwarze Wolken zusammen. Die Sonne verlor ihren roten Glanz und verschwand hinter einem grauen Schleier. Henri studierte seine Karte. Hischams Vater hatte zwischen Homs und Aleppo eine Ruine eingezeichnet. Vielleicht boten ihre Mauern ein wenig Schutz vor dem drohenden Unwetter. Er befand sich jedoch noch immer ein gutes Stück von der Ruine entfernt, als die Wolken zu platzen schienen und der Regen prasselnd losbrach. Ein Blitz zuckte herab, ein dröhnender Donnerschlag folgte. Barq sprang mit beiden Vorderhufen in die Luft und begann zu galoppieren. Henri beließ ihn im Galopp. Sie beide wollten möglichst schnell in dem vielleicht trockenen Gemäuer Unterschlupf finden.

Völlig durchnässt erreichten sie die Ruine. Henri zog das Pferd ins Trockene und durchstreifte die noch verbliebenen Räume nach einem geschützten Platz. Wie sehr sehnte er sich nach den Feuerstellen in Homs. In der Ruine gab es keine Möglichkeit, die Kleidung zu trocknen. Auch war es nicht ratsam, sich auf dem Boden ein Lager zu richten. Denn wilde Ziegen hatten sich die Ruine als Aufenthaltsort gewählt. Der Lehmboden war mit ihrem Kot übersät.

Henri blieb an einer niedergebrochenen Mauer stehen und beobachtete den Himmel. Es war kein Stern mehr zu sehen. Aber die Linien und Punkte auf seiner Landkarte, die er vor dem Regen unter seinem Umhang geschützt hatte, waren noch gut zu erkennen. Aleppo musste nur noch einen Tagesritt entfernt sein.

Das Gewitter zog so schnell vorbei, wie es gekommen war. Aber der Regen hielt bis in die frühen Morgenstunden an. Henri klopfte seinem Pferd die Flanken. »Es geht weiter, mein tapferer Gefährte! Von ein paar Tropfen werden wir uns doch nicht Bange machen lassen.«

Schon nach einer Stunde erinnerte nichts mehr an das nächtliche Unwetter. Die Sonne trocknete schneller seine Kleidung, als Henri erwartet hatte. Er durchquerte dünn bewaldete Täler, überwand einen steilen Hügel und stand unversehens vor einem reißenden Fluss. Reste einer Brücke ließen erkennen, dass man von hier aus früher den wirbelnden und schäumenden Fluss überqueren konnte. Auf der gegenüberliegenden Seite erkannte er auf einem hohen Felsen eine Burg. Das musste Aleppo sein. Aber es gab keine Furt zum jenseitigen Ufer. So war er gezwungen, stromabwärts zu reiten, um vielleicht eine zweite Brücke oder eine Furt zu finden.

Sehr bald konnte er beobachten, dass sein Ritt entlang dem Flussufer nicht unbeobachtet geblieben war. Eine bewaffnete Kohorte hielt auf der gegenüberliegenden Seite mit ihm Schritt. Als er einmal anhielt, verharrten auch die Reiter. Wenn er im Galopp die Gangart des Pferdes beschleunigte, folgten ihm die Reiter wie ein Spiegelbild.

Er überlegte, was nun zu tun sei. Das gesiegelte Schreiben des Astronomen hatte die Nässe überstanden. Der Kommandant der Burg von Aleppo war deutlich als Empfänger auf der äußeren Hülle vermerkt. Er zog das Schreiben unter seinem Umhang hervor und winkte damit den Reitern auf der Gegenseite zu. Vielleicht konnte er ihnen damit klarmachen, dass er als Freund kam.

Es dauerte eine geraume Zeit, bis er zu einer Brücke kam, die den Wassermassen standgehalten hatte. Sie war aus Stein erbaut und bot einem Reiter genügend Platz, um sein Pferd am Zügel zu führen. Drüben erwartete ihn schon die Kohorte. Ehe einer von ihnen auch nur den Mund öffnen konnte, schmetterte Henri sein: »Salam alaikum – Friede sei mit euch!« Die Mienen der Krieger entspannten sich. Einer der Männer erwies sich durch seine farbenprächtige Burda als ihr Anführer. Ihm überreichte Henri das gesiegelte Schreiben. Die anderen machten neugierige Gesichter. Gar zu gern hätten sie wohl den Inhalt des Schreibens erfahren. Vielleicht aber beherrschten sie nicht die Kunst des Lesens.

Der Anführer gab Henri einen Wink, er möge ihm folgen, und ritt voran. Das Schreiben behielt er in der Hand und schwenkte es wie eine Trophäe. Die übrigen Reiter schlossen sich an. Henri hatte den Eindruck, dass sie enttäuscht waren, keine größere Beute gemacht zu haben als dieses Stück Papier, das sie nicht einmal lesen konnten. Wahrscheinlich hätten sie ihn gern wie einen Verbrecher abgeführt.

Als ob der wilde Fluss eine Trennungslinie wäre, veränderte sich die Landschaft. In den Wiesen blühten blaue Anemonen und purpurrote Liliengewächse. Sie durchquerten ein Dorf, dessen Häuser aus schwarzem Tuffgestein erbaut waren. In den Gärten zeigten Obstbäume schon ihre ersten Blüten. Die Festung auf dem Burgberg wirkte nicht so furchterregend, wie Henri es aus der Ferne gesehen hatte. Grüne Wildpflanzen rankten sich über das graue Gemäuer. Der Aufstieg gestaltete sich für Mensch und Tier allerdings recht mühsam. Der Pfad war schmal und steil. Sie waren gezwungen, ihre Reittiere am kurzen Zügel aufwärts zu führen. Oben langten sie auf einer weiten Plattform an. Da die Reiter ihren Pferden eine Verschnaufpause gönnten, hatte Henri Gelegenheit, einen Blick in die Ebene zu werfen.

Die Aussicht war überwältigend. In der Ferne blitzte das Wasser des Euphrats. Das erste sprießende Frühlingsgrün verwandelte die Ebene in einen weiten Teppich. Am Fuße des Burgbergs drängten sich die Häuser zusammen, als ob sie Schutz suchten. Im Innenhof einer Karawanserei waren Kamele zu sehen, die am Boden lagen und kaum als große Lasttiere erkennbar waren. Unter einem lang gestreckten Dach musste sich ein Basar befinden. Es gab Marmorhöfe, deren Weiß sich vom Grau der Häuser abhob, und die oberste Balustrade eines Minaretts war aus der Vogelperspektive sichtbar.

Der Anführer der Reiterkohorte tippte Henri auf die Schulter. Wortlos ging er voran, blieb aber sogleich in der Mitte des Festungshofes stehen und deutete auf eine Moschee. Mit einfachen Worten erklärte er Henri, dass die Moschee an der Stelle erbaut worden sei, wo Abraham seine Kuh gemolken hatte. Er ahmte die Bewegung des Melkens nach. »Halaba«, sagte er. Henri verstand sogleich, was er meinte. Denn Aleppo war auf der Karte des Astronomen als Haleb eingezeichnet. Der arabische Ortsname bezog sich also auf Legenden um Abraham. Wie die Juden und die Christen verehrten die Anhänger Muhammads Abraham als ihren Stammvater.