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Solange seine Seele den Übergang noch nicht geschafft hat, wird er auch weiterhin die 404te bestrafen, dachte Shan.

Ein Mönch brachte eines der Etiketten und legte es Choje zur Begutachtung vor. Er musterte es und sprach leise mit dem Mann, der daraufhin den Fetzen zurück zu seinem Bett mitnahm und wieder daran zu arbeiten begann.

In diesem Moment sah Shan den alten Choje wieder so vor sich wie bei ihrem ersten Treffen: Shan kniete im Schlamm, und Choje kam quer über den Platz auf ihn zu, ohne die Wachen zu beachten. Er wirkte so heiter und gelassen, als würde er über eine Wiese schlendern, um einen verletzten Vogel zu retten.

Shan war völlig am Boden zerstört, als die Aufseher ihn zum erstenmal ins Lager der 404ten brachten. Drei Monate Verhöre, verbunden mit einer politischen Therapie, die rund um die Uhr dauerte, hatten ihn physisch und mental zerrüttet. Die Öffentliche Sicherheit hatte ihn am Ende seiner letzten Untersuchung abgefangen, unmittelbar bevor er einen überaus speziellen Bericht an den Staatsrat abschicken wollte, anstatt an seinen offiziellen Vorgesetzten, den Wirtschaftsminister. Anfangs hatten sie ihn einfach nur zusammengeschlagen, bis ein Arzt der Öffentlichen Sicherheit Bedenken wegen eventueller Hirnschäden anmeldete. Dann hatten sie Bambussplitter benutzt, aber diese Methode hatte solch bestialische Schmerzen hervorgerufen, daß Shan ihre Fragen nicht mehr hören konnte. Also hatten sie sich subtilerer Methoden bedient und schließlich chemische Präparate anstatt der üblichen Folterwerkzeuge eingesetzt, was weitaus schlimmer war, denn so konnte er sich kaum daran erinnern, was er ihnen bereits erzählt hatte.

Er hatte in seiner Zelle im moslemischen Teil Chinas gesessen - bei einer Gelegenheit war ihm durch das Fenster eines Raums ein kurzer Blick auf die endlosen Weiten der Wüste vergönnt gewesen, was bedeuten mußte, daß er sich im Westen des Landes befand - und die taoistischen Verse seiner Jugend rezitiert, um seinen Geist am Leben zu erhalten. Man hielt Shan ständig die von ihm begangenen Delikte vor, las manchmal während der tamzing-Sitzungen wie ein Lehrer vor den Schülern endlose Parolen von Wandtafeln ab oder schleuderte ihm die Aussagen von Zeugen entgegen, deren Namen er noch nie gehört hatte. Verrat. Korruption. Diebstahl von Staatseigentum in Form der Akten, die er sich geliehen hatte. Er hatte nur verschwommen gelächelt, denn die wahre Natur seiner Straftaten war ihnen nie bewußt geworden. Seine Schuld bestand darin, vergessen zu haben, daß gewisse hochstehende Mitglieder der Regierung gar nicht fähig waren, ein Verbrechen zu begehen. Er hatte unerlaubterweise an der Partei gezweifelt, denn er hatte sich geweigert, all seine Beweise zu enthüllen - nicht nur, um seine Quellen zu schützen, sondern auch um sich selbst zu retten, denn sein Leben wäre wertlos gewesen, sobald man geglaubt hätte, über alle Informationen zu verfügen. Am Ende hatte Shan nach diesen Monaten voller endloser, zermürbender Schmerzen nur eine Lektion, nur eine einzige absolute Wahrheit über sich selbst erfahren: Er war nicht imstande aufzugeben.

Vielleicht war es das, was Choje in jener ersten Stunde gesehen hatte, als Shan aus einem Transportwagen der Öffentlichen Sicherheit benommen in das Lager taumelte und sich fragte, ob man schließlich doch beschlossen hatte, das Risiko einzugehen und ihn zu erschießen.

Die anderen Häftlinge hatten im ersten Moment genauso benommen gewirkt und ihn angestarrt, als wäre er der Vertreter einer gefährlichen neuen Spezies. Dann schienen sie zu dem Schluß zu kommen, daß es sich bei ihm lediglich um einen weiteren Chinesen handelte. Die khampas spuckten ihn an. Die anderen mieden ihn zumeist, und einige formten ein mudra der Reinigung, als wollten sie den neuen Teufel aus ihren Reihen vertreiben.

Shan hatte mit zitternden Knien unsicher in der Mitte des Platzes gestanden und sich gefragt, welche neue Hölle seine Peiniger sich wohl für ihn ausgedacht haben mochten, als einer der Wachposten ihn zu Boden stieß. Er fiel mit dem Gesicht in eine kalte Pfütze und bespritzte die Stiefel des Mannes mit Schlamm. Als Shan sich mühsam auf die Knie erhoben hatte, befahl die wütende Wache ihm, die Stiefel sauberzulecken.

»Ohne eine Volksarmee hat das Volk überhaupt nichts«, hatte Shan mit traurigem Lächeln gesagt. Seine Worte waren ein Zitat des Verehrten Vorsitzenden und stammten aus dem kleinen roten Buch.

Der Wachposten hatte Shan zurück in den Schlamm gestoßen und hieb mit seinem Schlagstock auf die Schultern des Gefangenen ein, als einer der älteren tibetischen Häftlinge zu ihnen trat. »Dieser Mann ist zu schwach«, hatte der Sträfling leise gesagt. Als der Wachposten lachte, beugte der Gefangene sich über Shans entkräftet daniederliegenden Körper und fing die Schläge mit seinem eigenen Rücken ab. Die Wache verabreichte die eigentlich für Shan gedachte Strafe mit großem Vergnügen und rief dann Unterstützung herbei, um den bewußtlosen Mann in den Stall zu zerren.

Dieser Zwischenfall hatte alles verändert. In einem einzigen, alles verhüllenden Moment vergaß Shan seine Schmerzen und sogar seine Vergangenheit, als ihm klar wurde, daß er eine bemerkenswerte neue Welt betreten hatte, und diese Welt war Tibet. Ein hochgewachsener Mönch, der sich als Trinle vorstellte, half Shan auf die Beine und führte ihn in die Baracke. Niemand spuckte ihn mehr an, niemand richtete mehr zornige mudras gegen ihn. Erst acht Tage später, als Choje aus dem Stall freigelassen wurde, konnte Shan zum erstenmal mit ihm sprechen. »Die Suppe«, hatte Choje beim Anblick von Shan mit schiefem Lächeln gesagt und dabei den dünnen Gerstenbrei der 404ten gemeint, »schmeckt nach einer Woche Abwesenheit gleich viel besser.«

Shan schaute auf, als Choje seine Frage wiederholte.

»Was tun sie dir an?«

Er wußte, daß Choje keine Antwort erwartete. Shan sollte sich lediglich mit dieser Frage auseinandersetzen. Sobald die Kriecher das Kommando übernommen hatten, würde die 404te nie wieder so sein wie früher. Plötzlich verspürte Shan einen Stich im Herzen, als er begriff, daß man ihnen Choje vermutlich nehmen würde. Er starrte auf ein neues mudra, das die Hände des Lama formten. Es war das Zeichen des Mandalas, des Lebenskreises.

»Rinpoche. Dieser Dämon namens Tamdin... «

»Herrlich, nicht wahr?«

»Herrlich?«

»Daß der Beschützer ausgerechnet jetzt erscheint.«

Shan runzelte verwirrt die Stirn.

»Nichts im Leben geschieht zufällig«, erklärte Choje.

Stimmt, dachte Shan verdrießlich. Jao wurde aus einem bestimmten Grund umgebracht. Der Mörder wollte aus einem bestimmten Grund, daß es wie die Tat eines buddhistischen Dämons aussah. Die Kriecher waren aus einem bestimmten Grund hier und gewillt, die 404te zugrunde zu richten. Aber Shan kannte keinen dieser Gründe. »Rinpoche, wie würde ich Tamdin erkennen, falls er mir begegnet?«

»Er tritt in vielen Gestalten und Größen auf«, erwiderte Choje. »In Nepal und im Süden kennt man ihn als Hayagriva. In den älteren Klöstern nennen sie ihn den Roten Tigerteufel. Oder den pferdeköpfigen Dämon. Er trägt eine Kette aus Schädeln um den Hals und hat gelbes Haar. Seine Haut ist rot. Vier Fangzähne ragen aus seinem Maul. Sein Kopf ist riesig. Darüber befindet sich ein zweiter, sehr viel kleinerer Kopf - der Kopf eines Pferdes, der manchmal grün gefärbt ist. Er ist fett vom Gewicht der Welt, und sein Bauch hängt nach unten. Ich habe ihn vor vielen Jahren bei den Festtagstänzen gesehen.« Choje faltete die Hände, und das mudra verschwand. »Aber Tamdin kann nur dann gefunden werden, wenn er selbst es wünscht. Niemand, der nicht dazu ermächtigt ist, vermag ihn zu kontrollieren.«

Shan dachte schweigend nach. »Trägt er Waffen?«

»Falls er eine benötigt, wird sie sich in seiner Hand befinden«, entgegnete Choje rätselhaft. »Sprich mit einem Angehörigen der Schwarzhutsekte. Früher gab es einen alten ngagspa der Schwarzhüte in der Stadt. Ein Zauberer mit Namen Khorda. Er hat die alten Riten praktiziert und die jungen Mönche mit seinen Hexereien eingeschüchtert. Unterwiesen wurde er in einem gompa der Nyingmapa.«