Выбрать главу

»Na gut, ich bin gleich wieder da. Wer sich zwischenzeitlich an meiner Kamra vergeht, wird dran glauben müssen«, fügte Melifaro hinzu.

Sein Ermittlungstempo begeisterte mich. Wenn man irgendwann einen Film über den großen Detektiv Melifaro aus Echo dreht, kann das nur ein Kurzfilm werden!

»Was ist dieses Weiße Blättchen eigentlich?«, fragte ich Sir Kofa neugierig und brachte ihn damit schallend zum Lachen. Auch Lady Melamori kicherte.

»Ach, Max! Das ist nur so ein Witz von uns. Ab und an erstellen wir eine Liste der zwölf cleversten Polizisten, um zu wissen, mit wem sich am besten Zusammenarbeiten lässt. In Wirklichkeit arbeiten bei der Stadtpolizei viele vernünftige und gute Leute, aber mit Chefs wie Bubuta und Fuflos werden sie alle schnell zum Gegenstand des Spotts. Die Jungs sind glücklich, wenn sie es geschafft haben, in unserem Weißen Blättchen zu stehen. Das freut sie mehr als ein Lob des Königs. Auch weil selbst General Bubuta so ein Lob - wie es seinem Dienstgrad entspricht - einmal im Jahr bekommt. Aber wie ich sehe, hast du mich bereits verstanden.«

Und wie ich ihn verstanden hatte! Und ich war begeistert von dieser Idee.

Sogar Lonely-Lokley lebte auf: »Dieses Weiße Blättchen erleichtert unsere Arbeit sehr, Sir Max«, sagte er belehrend.

»Sir Schürf gehört zu unseren wichtigsten Listenschreibern«, lächelte Juffin. »Da kommt ja unsere Kamra.«

Der Krug war vor lauter Süßigkeiten, die Sir Juffin ebenfalls im Fressfass bestellt hatte, kaum sichtbar. Kaum war die Stärkung angekommen, kehrte auch Melifaro zurück. Er hatte einen Schwung Tafeln dabei, die sich von selbst beschriftet hatten, sprang über die Armlehne und warf sich in seinen Sessel. Erst nahm er eine Pirogge, schob sie im Ganzen in den Mund und sah dabei wie der Vogel Kurusch aus - zerzaust und schmutzig, aber glücklich. Dann trank er seinen Becher auf einen Zug leer und vertiefte sich schließlich in seine Tafeln. Ein, zwei Minuten lang - für seine Verhältnisse also eine halbe Ewigkeit - studierte er sie aufmerksam. Dann sprang er kurz auf, um sich eine zweite Pirogge zu nehmen, und setzte mit vollem Mund zu einer feierlichen Erklärung an. Nach ein paar Sekunden war er schon besser zu verstehen.

»Das hatte ich mir schon gedacht! Bei allen anderen wurde auch eine Puppe gestohlen! Und natürlich jede Menge Schmuck. Das Wichtigste ist aber, dass in jedem Inventar gestohlener Sachen eine Puppe auftaucht. Interessant! Ach, Lady Melamori! Wie es scheint, habe ich Ihnen einen Knüppel zwischen die Beine geworfen. Aber das geschieht Ihnen recht. Der Zorn verschmähter Männer ist furchtbar. Na ja, wo hab ich die Puppe eigentlich gekauft? An irgendeinem kleinen Stand auf dem Flohmarkt. Wo genau, ist nicht so wichtig, denn ich lasse dort sowieso alles auf den Kopf stellen!«

»Warte lieber noch etwas damit«, mischte sich Sir Kofa ein. »Sag mir besser, um welche Art Puppen es sich handelt. Wie hat Ihre Puppe ausgesehen, Lady Melamori?«

»Wie ein Junge von zwölf Jahren, nur viel kleiner. Sie hat ein sehr hübsches Gesicht, und ihre Hände sind erstaunlich gut geschnitzt. Ich habe sie oft und lange betrachtet. Sie hat lange dünne Finger und sogar Handlinien und trägt eine ausländische Tracht aus teurem Stoff.

Leider weiß ich nicht, um welche Tracht es sich da handelt. Und einen langen Mantel hat sie an, der unserem Lochi ähnelt. Die Puppe war immer lauwarm - fast wie ein Mensch. Ich hatte ein wenig Angst vor ihr. Deshalb hab ich sie im Wohnzimmer gelassen, obwohl sie normalerweise eher ins Schlafzimmer gesetzt wird.«

»Das reicht! Du brauchst nicht auf den Flohmarkt zu fahren, Melifaro, sondern kannst in Ruhe weiteressen. Ich gehe jede Wette ein, dass es in Echo nur einen gibt, der solche Puppen schnitzen kann: Dschuba Tschebobargo. Dieser Mann hat Zauberhände!«

»Na schön«, murmelte Juffin. »Dann habt ihr drei ja heute Abend was zu tun. Max und ich ziehen derweil mit Sir Schürf los, um jemanden kennen zu lernen, und zwar ... Was, zum Kuckuck, ist denn jetzt wieder los, Junge?« Diese Frage war an einen zu Tode erschrockenen Boten gerichtet, der in Juffins Büro gekommen war, ohne anzuklopfen.

»Es ist etwas Schreckliches passiert!«, rief der Kurier aufgebracht. »In der Straße der alten Münzen! Jemand ist totgebissen worden!«

»Und so was hältst du für eilig?« Juffin nickte phlegmatisch. »Tritt näher, Freund. Warum zitterst du denn so? Hast du noch nie ein Unheil erlebt? Bist du etwa neu hier?«

Der Bote nickte vorsichtig und verschwand im Halbdunkel des Korridors.

»Also los, Jungs«, seufzte Juffin. »Ich weiß nicht, wie und warum da jemand totgebissen wurde. Ich weiß nur, dass bei solchen Ereignissen besondere Kräfte im Spiel sind. Und nur wegen dir, Sir Melifaro, wegen deiner Fresssucht hat diese Show ohne uns begonnen. Na schön, wir stecken alle bis zum Hals in Arbeit. Man sieht sich.« Mit diesen Worten wandte er sich an mich. »Und du? Warum machst du es dir noch immer bequem? Auf geht's!«

Kurze Zeit war ich wie erstarrt und danach noch immer sehr kraftlos. Nur mit knapper Mühe konnte ich aufstehen und zum A-Mobil gehen.

Mehr als alles andere wollte ich erklärt bekommen, was mir da eben widerfahren war, doch Juffin schien selbst nicht zu wissen, was los gewesen war.

»Du hast dich wunderbar gehalten, Max, und mir die Möglichkeit gegeben, das Geschöpf zu untersuchen. Ich war fest überzeugt, es wäre nicht imstande, bei helllichtem Tage Leute anzufallen. Übrigens, Schürf - diese Gefahr muss unbedingt gebannt werden. Kümmere dich darum. Wir unterstützen dich dabei. Alles klar?«

»Alles klar, Sir«, nickte Lonely-Lokley und blickte dabei so begeistert drein, als habe man ihm befohlen, seine Wohnung zu putzen.

»Weißt du, was dir widerfahren ist, Max? Du verdankst deine Erstarrung den Überresten deines Nachbarn, also Sir Tolakan En persönlich - aber was heißt schon »persönlich«? Von dem armen Kerl ist ohnehin fast nichts übrig geblieben.«

»Inwiefern verdanke ich ihm meine Erstarrung?«

»Ich glaube, es war sehr dumm von ihm, in das Haus neben dir zu ziehen. Dort wohnt ein Fetan, das ist völlig klar.«

»Ein Fetanl?«

»Ach, auch davon weißt du nichts! Na ja, Fetane sind die Geister der Bewohner einer anderen Welt. Sie kommen körperlos, um uns bestimmte Dinge zu vermitteln. In der Epoche der Orden tauchten solche Geschöpfe nur selten auf. Sie sind nicht nur nützlich, sondern können auch gefährlich sein. Je länger ein Fetan lebt, desto mehr magische Kraft besitzt er. Früher oder später rebelliert er gegen den Magier, der ihn gerufen hat, und ergreift nicht selten von seinem Körper Besitz. So ein Fetan, musst du wissen, sehnt sich danach, einen Körper zu haben, und wenn er ihn hat, braucht er was zu essen. Es ist nicht allzu kompliziert, einen Fetan zu vernichten - davon wirst du dich bald überzeugen können. Doch es ist praktisch unmöglich, seine Existenz nachzuweisen. Fetane umgeben sich mit einer unsichtbaren, aber undurchdringlichen Schutzhülle. Ihr Hauptziel ist es, für andere unauffällig zu bleiben, und ihre Schutzzone verhindert, dass man ihre Existenz überhaupt bemerkt. Sollte jemand aber auf einen Fetan stoßen, kann er von seiner Entdeckung nicht mehr erzählen. Der Fetan ernährt sich nämlich von fremden Schläfern, und wenn diese Leute erwachen - vorausgesetzt, sie erwachen überhaupt noch mal -, können sie sich an nichts erinnern. Mit dir hatten wir wirklich Glück, Max. Später erkläre ich dir, warum. Aber eins bestürzt mich: Warum hat ein Fetan begonnen, nicht nur Schläfer, sondern auch wache Menschen anzufallen? Von so einem Fall habe ich noch nie gehört. Aber das bekommen wir auch noch heraus.«

»Und wenn der Fetan uns entkommen ist?«, fragte ich schroff. »Wie können wir ihn dann ausfindig machen?«

»Dass er entkommen kann, ist ausgeschlossen, Max, völlig ausgeschlossen. Ein Fetan kann sein Haus nämlich nicht verlassen. Das ist ein Naturgesetz. Manche Magier hatten den Mut, mit einem Fetan Geschäfte zu machen - nach dem Motto: Solange er mir den Kopf nicht abgebissen hat, kann ich mich ja davonmachen und das Haus mit seinem geheimnisvollen Mieter Weiterverkäufen - sollen doch andere die Suppe auslöffeln!«