Leben in einer Sardinenbüchse, dachte er.
Aber die Bezahlung war anständig, und es bestand Aussicht auf Beförderung für ihn. Und wenigstens würde er auf See frische Luft atmen können, mehr oder weniger, statt in der dicken grau-braun-grünen Brühe sein zu müssen, die über den bewohnbaren Teilen der nordamerikanischen Westküste fast ständig hing.
»Hast du die Navigationsbestimmung mitgebracht, Cap'n?«, fragte Hitchcock, nachdem er alles besichtigt hatte, was es da zu sehen gab.
Carpenter klopfte sich auf die Brust. »Hier.«
»Hast du was dagegen, wenn ich mich mal dransetze und anfang, damit zu arbeiten?«
Carpenter reichte Hitchcock den kleinen blauen Datenkubus, den sie ihm an diesem Morgen in der Instruktionszentrale gegeben hatten. Er wusste, es war eine Art Zeremonie für die offizielle Übernahme des Schiffskommandos, dass dem Navigationsoffizier die Software für die Fahrt übergeben wurde, die das Arbeitsprogramm ihrer Reise festlegte. Natürlich musste Hitchcock bereits jetzt schon wissen, wohin ungefähr sie fahren sollten, und wahrscheinlich hätte er sie auch einigermaßen sicher dorthin bringen können, wie das seit den Zeiten von Francis Drake zahllose Seefahrer getan hatten, die sich im Südpazifik zurechtfanden. Oder seit Captain Cook. Die hatten damals keine Computer gebraucht – und aller Wahrscheinlichkeit nach hatte auch Hitchcock keinen für seine Navigation nötig. Aber die Übergabe des Datenkubus an den Navigator war die moderne Variante der Lagebesprechung vor dem Mast am Abend vor dem Auslaufen, und Carpenter hatte nichts gegen das Ritual; es bereitete ihm sogar ein leises Vergnügen, nun sozusagen Erbe einer uralten Tradition zu sein.
Kapitän eines Schiffs auf See. Odysseus, Vasco da Gama, Columbus, Magellan, Captain Kidd, Captain Cook, Captain Ahab.
Hitchcock ließ ihn in seiner winzigen, engen Kabine allein. Er stopfte seine Sachen in die Laden, so gut es eben ging. Danach rief er über Funk Nick Rhodes in seinem Büro in den Santachiara-Labors an.
»Du kannst dir nicht vorstellen, wie luxuriös mein Quartier ist«, sagte er zu Rhodes. »Ich komme mir vor wie J. P. Morgan auf seiner Yacht.«
»Das freut mich enorm für dich«, sagte Rhodes ausdruckslos.
Der Visor in Carpenters Kabinenapparat war nicht viel größer als eine Briefmarke, und das Bild war schlechte Schwarzweißqualität, wie aus den frühen Anfängen der elektronischen Entwicklung. Dennoch erkannte er, dass Rhodes verdrossen und mutlos dreinblickte.
»Eigentlich ist das eine absolute, hundertprozentige Lüge«, sagte Carpenter. »Mein Quartier ist ein klaustrophobisches Loch. Wenn ich hier drin 'nen Ständer kriege, kann ich mich nicht mehr umdrehen … Was läuft schief, Nick?«
»Schief?«
»So unübersehbar wie deine Nase auf meinem Visor. Komm schon, mir brauchst du doch nichts vorzumachen.«
Rhodes zögerte.
»Ich hab grade mit Isabelle gesprochen.«
»Und?«
Wieder eine zögernde Pause. »Was hältst du von ihr, Paul? Ehrlich.«
Carpenter überlegte, wie weit er sich darauf einlassen sollte. Vorsichtig sagte er: »Eine sehr interessante Frau.« Rhodes schien mehr zu erwarten. »Wahrscheinlich extrem leidenschaftlich«, setzte er dann noch hinzu.
»Ich fragte, was du wirklich von ihr denkst.«
»Und tief in ihren Überzeugungen verhaftet.«
»Ja, das ganz bestimmt.«
Carpenter zögerte wieder einen Augenblick, dann entschloss er sich. Man schuldet seinem Freund die Wahrheit. »Aber ihre Überzeugungen sind völlig verkorkst. Ihr Kopf steckt voll von blöden unklaren Ideen, und die gießt sie über dich aus. Liegt da nicht euer Problem, Nick?«
»Genau. – Sie treibt mich zum Wahnsinn, Paul.«
»Spuck's aus.«
»Heute Nacht, im Bett. Ich lange zu ihr rüber – das tue ich immer, wenn wir zusammen sind, es ist so natürlich für mich wie atmen –, aber nein, nein, sie will über unsere Beziehung reden. Nicht über mich, nicht über sich, sondern Die Beziehung. Jetzt sofort in diesem Moment, zu keiner anderen Zeit. Sie sagt, meine Arbeit gefährdet Die Beziehung!«
»Ich würde sagen, das stimmt wahrscheinlich. Was ist dir denn wichtiger?«
»Das ist ja das ganze Dilemma, Paul. Beides ist mir gleich wichtig. Ich liebe meine Arbeit, und ich liebe Isabelle. Aber sie will, dass ich Santachiara aufgebe. Sie setzt mir nicht grad die Pistole auf die Brust, entweder ich kündige, oder sie verlässt mich, weißt du, aber unausgesprochen ist es so.«
Carpenter schlug mit den Fingernägeln gegen seine Schneidezähne. »Willst du sie heiraten?«, fragte er nach einem Moment.
»Ich bin mir nicht sicher. Ich denke nicht viel über eine neue Heirat nach. Noch nicht. Aber ich möchte mit ihr zusammenbleiben, das ist absolut sicher. Wenn sie darauf bestehen würde, dass ich sie heirate, würde ich's wahrscheinlich tun. Ich muss dir gestehen, Paul, die körperliche Seite der Sache ist das Tollste, was ich je erlebt habe. Ich kriege am ganzen Leib das Kribbeln, wenn ich in ein Zimmer komme, in dem sie ist. Zwischen den Beinen, in den Fingerspitzen, den Fußknöcheln. Ich spüre es wie eine Art Strahlung von ihr zu mir, und ich werde davon sofort ganz heiß. Und wenn ich sie berühre, wenn wir anfangen, uns zu lieben …«
Carpenter betrachtete bedrückt den Visor. Rhodes klang wie ein liebeskranker Collegejunge. Nein, schlimmer, wie ein verdrehter alter zwanghafter Erotomane.
»Ich sag dir, wenn wir uns lieben – du kannst es dir einfach nicht vorstellen … du kannst es dir einfach nicht vorstellen …«
Na klar, nicht. Er hörte weiter zu, während Rhodes sich hymnisch über den sagenhaften Sexappeal von Isabelle Martine ausschüttete, und die ganze Zeit über konnte er dabei an nichts anderes denken als an den gigantischen Haufen rostfarbener Stahlwollehaare auf ihrem Kopf und an diese harten, erbarmungslosen, neurotisch-wilden Augen.
»Schön-schön«, sagte er schließlich. »Du bist also richtig scharf auf sie. Ich denke, ich kann das verstehen. Vermutlich. Aber wenn sie verlangt, du sollst deine Arbeit aufgeben …« Er runzelte die Stirn. »Weil deine Arbeit teuflisch ist, nehme ich an? Dieses ganze faule Gesabber von wegen, du verwandelst die menschliche Rasse in ekelhafte gespenstische Frankensteinmonster?«
»Ja.«
Carpenter spürte, wie allmählich Verärgerung in ihm hochstieg. »Du weißt doch genauso gut wie ich, dass das weiter nichts ist als die übliche wissenschaftliche Scheiße, wie sie von Leuten ihres Schlages mit Spatzenhirnen seit Beginn der Industriellen Revolution verbreitet wird. Du selber hast mir gesagt, sie habe dir gestanden, dass sie keine Alternative für die Anpassung sieht. Und trotzdem macht sie weiter und kanzelt dich ab, weil du für Santachiara arbeitest. Himmel, Nick! Brillante Wissenschaftler wie du sollten doch mehr Hirn haben, als sich emotional auf derartige Leute einzulassen.«
»Zu spät, Paul. Ich häng schon zu tief drin.«
»Schön. Sie hat dich verhext mit ihrer magischen Muschi, die äußerste Lust spendende, phantastische Qualitäten besitzt und einzigartig und unersetzlich ist, so dass du nie wieder etwas Vergleichbares finden könntest, auch wenn du die ganze weibliche Welt links und rechts und von vorn bis hinten abgrasen würdest, und deshalb …«
»Bitte, Paul!«
»Tut mir leid«, sagte Carpenter.
Auf Rhodes' Gesicht trat ein schafsmäßiges, törichtes Lächeln. »Ich gebe ja zu, sie hat mich ganz blöd am Schwanz. Es stimmt ja, aber so ist es nun mal, und ich kann nichts machen. Und ich weiß auch sehr genau, dass ihre politischen Überzeugungen dummes, ignorantes Gelabere sind. Das Problem ist nur, Paul, dass ich ihr in gewisser Weise zustimmen muss.«